Studie So ungerecht sind Kitagebühren in Deutschland

Der eine zahlt Hunderte Euro im Monat, der andere überhaupt nichts: In Deutschland entscheidet vor allem der Wohnort, wie viel ein Kitaplatz kostet. Ein Überblick.
Krippenkinder in Leipzig

Krippenkinder in Leipzig

Foto: DPA

Mehr als 600 Euro zahlen Sabin und Ben, damit ihre zwei Söhne tagsüber betreut werden. Allein für den Krippenplatz ihres Jüngsten werden knapp 400 Euro fällig. Die vier wohnen in einem Vorort von Kiel. Nirgendwo sonst zahlen Familien im Schnitt so viel für die Kinderbetreuung wie in Schleswig-Holstein. Das zeigt eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung, die dem SPIEGEL vorliegt.

Demnach gehen dort im Schnitt neun Prozent des Nettoeinkommens pro Haushalt für die Kita drauf. Nur hundert Kilometer weiter in Hamburg sieht es ganz anders aus. In der Hansestadt können Eltern seit August 2014 ihr Kind fünf Stunden pro Tag kostenlos betreuen lassen. Soll das Kind länger bleiben, müssen die Eltern zahlen - jedoch maximal 200 Euro monatlich für einen Achtstunden-Platz. Im Schnitt gibt eine Hamburger Familie nur 4,4 Prozent ihres Einkommens für die Kita aus.

Am wenigsten zahlen Eltern laut der Studie in Berlin. Hier zahlen Familien im Mittel gerade einmal 1,8 Prozent des Nettoeinkommens für die Kita. Ab dem Sommer sind die Kitas in der Hauptstadt sogar komplett kostenfrei. Nur das Geld für das Essen müssen Eltern dann noch selbst bezahlen - wenn sie einen Platz finden. Denn das ist in der Hauptstadt nicht ganz einfach. Wie verzweifelt einige Berliner nach einer Betreuung für ihr Kind suchen, lesen Sie hier.

Bisher entscheidet in der Regel die Kommune, wie viel ein Kitaplatz kostet. Eine bundesweite Übersicht gibt es deshalb nicht. Die Studie beruht auf zwei Befragungen, an denen insgesamt mehr als 10.000 Eltern teilnahmen.

Die Kitabeiträge sind jedoch nicht nur zwischen den einzelnen Bundesländern unterschiedlich verteilt. Die finanzielle Belastung ist besonders für Familien mit geringem Einkommen deutlich höher.

So zahlen Eltern, die als armutsgefährdet gelten, im Schnitt 118 Euro für den Kita-Besuch ihrer Kinder. Das macht etwa zehn Prozent ihres Einkommens aus. Wohlhabende Familien geben zwar mehr aus - durchschnittlich 178 Euro - allerdings macht die Summe nur fünf Prozent von dem aus, was sie monatlich zur Verfügung haben.

Auch Zusatzkosten wie Ausflüge, Verpflegung oder Bastelmaterialien belasten ärmere Haushalte deutlich spürbarer. Sie zahlen dafür 3,3 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens, während wohlhabendere Familien lediglich 1,4 Prozent hierfür aufwenden müssen. Die Zusatzgebühren sind für alle gleich, egal wie viel die Eltern verdienen, und belaufen sich im Schnitt auf 45 Euro im Monat.

Das Problem haben auch Politiker erkannt. In einigen Bundesländern ist zumindest das letzte Kita-Jahr schon gratis für Eltern - und viele wollen die Kitagebühren komplett abschaffen. Niedersachsen und Hessen peilen das noch für dieses Jahr an. Andere wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern wollen nachziehen. Auch die Bundesregierung plant, Eltern bei den Kitakosten deutlich zu entlasten bis hin zur Gebührenfreiheit - so steht es im Koalitionsvertrag.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bekräftigte angesichts der Bertelsmann-Studie das Ziel, dass Kitas schrittweise beitragsfrei werden sollen. Hohe Elternbeiträge könnten eine Hürde für den Besuch einer Kita oder Tagespflege sein. "Das Einkommen der Eltern darf aber nicht darüber entscheiden, ob und wann Kinder in eine Kindertageseinrichtung gehen."

Bis 2021 will der Bund für den Kitaausbau 3,5 Milliarden Euro bereitstellen - viel zu wenig, meint die Bertelsmann-Stiftung. Sie beziffert die jährlichen Kosten auf bis zu 15,3 Milliarden Euro, wenn die Kitas kostenlos werden und gleichzeitig die Qualität gewährleistet bleiben soll.

"Dem politischen Versprechen der Beitragsfreiheit fehlt die finanzielle Substanz. Aktuell ist zu befürchten, dass die Qualität auf der Strecke bleibt", warnt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Wie gut ein Kind betreut wird, hängt derzeit stark von seinem Wohnort ab. In Baden-Württemberg teilen sich beispielsweise rechnerisch drei Krippenkinder einen Erzieher - in Mecklenburg-Vorpommern sind es etwa doppelt so viele. Trotzdem müssen Eltern in MV mehr als acht Prozent ihres Haushaltseinkommens für Kitabeiträge ausgeben. Wer viel zahlt, bekommt also nicht unbedingt mehr Qualität.

Dräger warnt indes davor, die Gebühren für alle abzuschaffen: "Bundesweit fehlen Erzieherinnen und Erzieher, und die Betreuungsschlüssel stimmen in vielen Kitas nicht. Jetzt alle Eltern zu entlasten, würde den politischen Handlungsspielraum für den Qualitätsausbau unnötig verengen."

Fairer wäre es, die Kita-Beiträge abhängig vom Einkommen der Eltern bundesweit einheitlich zu bemessen, meint Dräger. Einkommensschwache Familien sollten von sämtlichen Kitakosten befreit werden.

Video: Cooles Konzept oder Kinderabschiebung? Die 24-Stunden-Kita

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