Studie zur politischen Bildung 16-Jährige sind schlecht aufs Wählen vorbereitet

Mit 16 schon wählen? Für Politik interessieren sich Neuntklässler genauso wie 18-Jährige - aber sie haben weniger Ahnung und verstehen Politiker-Reden kaum, zeigt eine Studie. Was wissen Sie über Föderalismus, Opposition und Guido Westerwelle? Testen Sie Ihren politischen Sachverstand.

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Die Debatte beschäftigte mehrfach die höchsten Verfassungsorgane: Ab wann soll man wählen dürfen in Deutschland? Gibt es überhaupt eine sinnvolle, eine gerechte Altersgrenze - oder ist jede willkürlich?

Jugendliche im Bundestag: Für Politik wenig Verständnis
DPA

Jugendliche im Bundestag: Für Politik wenig Verständnis

In Deutschland dürfen junge Menschen erst wählen, sobald sie volljährig sind. Einige Jugendliche zogen sogar bis vors Bundesverfassungsgericht, um klären zu lassen, ob es rechtmäßig ist, dass sie erst mit 18 ihr Kreuz machen dürfen - ohne Erfolg. Auch der Bundestag debattierte das Thema schon häufiger. Erst Donnerstag scheiterte erneut ein Antrag der Grünen, die das Wahlalter auf 16 senken wollten.

Eine Studie der Universität Hohenheim zeigt jetzt: Viele Jugendliche wüssten gar nicht so recht, um was es eigentlich geht bei einer Wahl. Sie kennen weder den Begriff Opposition noch wissen sie so genau, was Wolfgang Schäuble beruflich macht oder ob Guido Westerwelle möglicherweise in der Linkspartei ist. Und die Reden von Angela Merkel und Oskar Lafontaine verstehen sie auch kaum.

Jüngere sind aufs Wählen schlecht vorbereitet

In manchen Ländern dürfen Jugendliche mit 16 bereits ihre Stimme abgeben. In Österreich wählten sie zum ersten Mal bei der letzten Nationalratswahl mit; auch in Brasilien, Kuba und Nicaragua können sie bei nationalen Wahlen an die Urne.

In Deutschland ist das noch tabu, lediglich bei Kommunalwahlen dürfen 16-Jährige in einigen Bundesländern abstimmen. Zwar fordern Parlamentarier im Bundestag immer wieder, das Wahlalter abzusenken - manche wollen sogar ein "Wahlrecht von Geburt an" erreichen. Aber bei dieser Forderung geht es eher darum, die Interessen von Kindern und Jugendlichen stärker zu berücksichtigen. Selbst wählen sollen sie bis zur Volljährigkeit indes nicht, sondern ihre Eltern für sie das Wahlrecht stellvertretend wahrnehmen - und damit hätten dann Eltern mehr Stimmen als andere Bürger

Bisher versandeten alle gut gemeinten Forderungen. Die letzte Absenkung liegt fast 40 Jahre zurück: Damals schraubte die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt das Wahlalter von 21 auf 18 herab.

Die Nächstjüngeren wären aufs Wählen auch nur schlecht vorbereitet: "Interessiert, aber überfordert" - so interpretieren Hohenheimer Forscher die Ergebnisse einer neuen Untersuchung. Demnach sind zwar 16-Jährige politisch fast genau so interessiert wie 18-jährige Erstwähler. Nur wissen sie wesentlich weniger über Politik. Und sie verstehen sie auch viel schlechter.

Wissenstest und Merkel-Podcast

"Das gilt unabhängig vom Bildungsstand", sagt Jan Kercher, Autor der Studie. Der Kommunikationswissenschaftler hat das politische Wissen und das Politikverständnis von 134 Jugendlichen und jungen Erwachsenen verglichen, jeweils aufgeschlüsselt nach Bildungsstand. Befragt wurden dafür Neuntklässler an einer Haupt- und Erstwähler an einer Berufsschule, außerdem Neuntklässler an einem Gymnasium und Erstwähler an einer Uni.

In einem ersten Wissenstest sollten die Schüler und Erstwähler zum Beispiel ankreuzen, wofür "NGO" steht: Nicht-Regierungs-Organisation oder neue Genverordnung? Wer ist noch gleich Brigitte Zypries, was bedeutet Subsidiarität?

Im zweiten Teil bekamen die Schüler Politiker-Podcasts zu sehen, von Angela Merkel, Guido Westerwelle, Kurt Beck und Oskar Lafontaine. Danach sollten sie die Inhalte ankreuzen, die in den kurzen Reden angesprochen wurden.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Jüngeren schneiden durch die Bank schlechter ab als die bereits Wahlberechtigten. So erreichen die Neuntklässler der Hauptschule gerade einmal die Hälfte der Punkte im Verständnistest, die Berufsschüler immerhin fast zwei Drittel.

Weniger Wissen und weniger Verständnis

Auch wissen die Jüngeren wesentlich weniger. Die Ergebnisse des Multiple-Choice-Tests wirken teilweise wie gehobenes Raten: So konnten nur knapp 30 Prozent der Neuntklässler korrekt beantworten - bei nur vier Antwort-Alternativen ist das ein miserables Ergebnis. Bei den Erstwählern waren es aber schon gut doppelt so viele richtige Antworten.

Ähnlich deutlich war die Wissenskluft beim Vergleich von Gymnasiasten und Studienanfängern. Die Unterschiede seien signifikant, sagt Kercher, man könne daraus schließen, dass sie bundesweit ähnlich ausfallen würden.

Es zeigte sich außerdem, dass die Neuntklässler dazu neigen, ihr politisches Verständnis zu überschätzen. Viele von ihnen glaubten, die Politiker-Podcasts gut verstanden zu haben - und kreuzten dann doch falsche Inhalte an. Bei den Wissensfragen gaben sie allerdings an, unsicher zu sein, sie schätzen ihre Kenntnisse schlechter ein als die wahlberechtigten Teilnehmer - womit sie wiederum völlig richtig lagen.

Der Wissensvorsprung der Älteren habe wenig zu tun mit Interesse, Elternhaus oder politischen Vorlieben, sagt der Wissenschaftler. Die Erklärung ist demnach viel einfacher: Weil es in der Oberstufe und in der Berufsschule zusätzlichen Politikunterricht gibt, wissen die Erstwähler mehr über Politik und verstehen sie auch besser.

Politik-Unterricht sollte früher beginnen

Die Fragen im Test sind indes klassisch konstruiert: Sie lassen ein sehr traditionelles Politikbild durchschimmern. Muss man Brigitte Zypries wirklich kennen? Wer Subsidiarität nicht erklären oder mit dem Föderalismus nichts anfangen kann, dem fehlt es darum noch nicht zwangsläufig an politischer Urteilsfähigkeit - oder nur nach den Maßstäben einer Erwachsenenwelt, die sich über Jahrzehnte an mitunter bizarre Parteienrituale gewöhnt hat.

Die Unterschiede im Politikverständnis von Jugendlichen und älteren Generationen, das wäre ein anderes Forschungsfeld. Dem Hohenheimer Wissenschaftler Jan Kercher kam es vor allem auf die Unterschiede zwischen Neuntklässlern und Volljährigen an.

Aus den Ergebnissen schließt er aber nicht, dass 16-Jährige generell nicht wählen sollten. "Das Interesse und die Motivation, sich mit Politik zu beschäftigen, könnte durch ein niedrigeres Wahlalter unterstützt werden", sagt er. Allerdings empfiehlt Kercher, mit der politischen Bildung in Schulen früher anzufangen - das sei die Voraussetzung, um das Wahlalter abzusenken. "Man sollte das Wahlrecht nicht von heute auf morgen ändern."

Mit Material von AP



insgesamt 402 Beiträge
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Seite 1
m2h, 05.12.2008
1.
Zitat von sysopFür Politik interessieren sich Neuntklässler genauso wie Erstwähler mit 18 oder 20 Jahren. Doch sie zeigen große Wissenslücken und verstehen Politiker-Reden kaum. Mit 16 schon wählen?
Das ist doch eine gute Voraussetzung. Wer erst weiß, was vorgeht und versteht, was die Politiker so reden, wählt sie doch eh nicht mehr.
panda 05.12.2008
2.
Zitat von sysopFür Politik interessieren sich Neuntklässler genauso wie Erstwähler mit 18 oder 20 Jahren. Doch sie zeigen große Wissenslücken und verstehen Politiker-Reden kaum. Mit 16 schon wählen?
Ich bin dafür - aber nur wenn endlich ein allgemeiner Führerschein für demokratische Reife eingeführt werden würde. Dieser "Führerschein" gälte dann gerechterweise natürlich nicht nur für die 16jährigen. Es wäre eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft.
discipulus, 05.12.2008
3. Die wahren Wohltaten!
Zitat von pandaIch bin dafür - aber nur wenn endlich ein allgemeiner Führerschein für demokratische Reife eingeführt werden würde. Dieser "Führerschein" gälte dann gerechterweise natürlich nicht nur für die 16jährigen. Es wäre eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft.
Wäre sofort dafür, wenn im Gegenzug das Wahlrecht (aktiv und passiv) für Rentner und Pensionäre abgeschafft werden würde. Eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft. Unser Allergrößteraltbundespräsident und Legendärerruckredner warnt: http://www.zeit.de/online/2008/16/herzog-ruckt-mal-wieder
discipulus, 05.12.2008
4. Die wahren Wohltaten!
Zitat von pandaIch bin dafür - aber nur wenn endlich ein allgemeiner Führerschein für demokratische Reife eingeführt werden würde. Dieser "Führerschein" gälte dann gerechterweise natürlich nicht nur für die 16jährigen. Es wäre eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft.
Wäre sofort dafür, wenn im Gegenzug das Wahlrecht (aktiv und passiv) für Rentner und Pensionäre abgeschafft werden würde. Eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft. Unser Allergrößteraltbundespräsident und Legendärerruckredner warnt: http://www.zeit.de/online/2008/16/herzog-ruckt-mal-wieder
discipulus, 05.12.2008
5. Die wahren Wohltaten!
Zitat von pandaIch bin dafür - aber nur wenn endlich ein allgemeiner Führerschein für demokratische Reife eingeführt werden würde. Dieser "Führerschein" gälte dann gerechterweise natürlich nicht nur für die 16jährigen. Es wäre eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft.
Wäre sofort dafür, wenn im Gegenzug das Wahlrecht (aktiv und passiv) für Rentner und Pensionäre abgeschafft werden würde. Eine Wohltat für die gesamte Gesellschaft. Unser Allergrößteraltbundespräsident und Legendärerruckredner warnt: http://www.zeit.de/online/2008/16/herzog-ruckt-mal-wieder
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