Studium statt Ausbildung Die Kehrseite der Mission Abi

Immer weniger Lehrlinge, immer mehr Studenten: Der Trend der letzten Jahre setzt sich verschärft fort. Dabei stürzt er viele Jugendliche in eine Sinnkrise - denn das Abi wird schon fast zum Zwang.
Schüler bei der Abi-Prüfung

Schüler bei der Abi-Prüfung

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Karim* ist 17 Jahre alt, ein guter Fußballer und der personifizierte neue deutsche Bildungsaufstieg. Denn Karim besucht die Fachoberschule. Sein Vater wünscht sich, dass er studiert. "Und was mein Vater sagt, ist mir schon sehr wichtig," sagt der Nürnberger Jugendliche. Der Vater stammt aus Ghana, die Mutter ist Deutsche. Karims Abitur wäre das erste in beiden Familien.

Karim ist aber zugleich ein Beispiel dafür, wie kompliziert das mit dem Aufstieg sein kann. In der fränkischen Landesliga ist er der Star seiner Mannschaft, aber in der Fachoberschule (FOS) läuft es gerade nicht so gut. Im Zeugnis der 11. Klasse türmten sich die Vierer, auch eine Fünf ist dabei. Die Zwei in Musik ist der einzige Lichtblick.

Karim informiert sich in einer Nürnberger Beratungsstelle mit dem Namen "Schlau". Sie unterstützt eigentlich Hauptschüler bei der Suche nach Lehrstellen. Immer öfter aber informieren sich auch Fachoberschüler wie Karim. "Wenn der Traum von der FOS platzt, dann wollen sie auf den letzten Drücker noch eine Lehrstelle", sagte eine Beraterin.

Das Phänomen ist kein Nürnberger Sonderfall. Die Zahl der Jugendlichen, die das Abitur anstreben, stieg in den letzten Jahren steil an, bundesweit. Die Studienberechtigtenquote liegt bei 57 Prozent. Das jahrzehntelange Klagen über die geringe Zahl an Abiturienten in Deutschland ist längst kein Thema mehr.

Die Bedeutung der verschiedenen Karrierewege hat sich verschoben. 2013 befanden sich von den rund sechs Millionen Bildungsteilnehmern über 15 Jahren 31 Prozent in einer Lehre, aber 43 Prozent im Studium. Der Rest ging noch zur Schule. So steht es in der "integrierten Ausbildungsberichterstattung" des Statistischen Bundesamts.

In Deutschland findet die zweite Bildungsrevolution statt

In den Siebzigerjahren lag der Anteil der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung wählten, noch bei 70 Prozent eines Jahrgangs. Inzwischen haben sich die Verhältnisse nahezu umgekehrt: Fast 60 Prozent eines Jahrgangs beginnen ein Studium. 2015 gab es 2,8 Millionen Studierende. Gerade vermeldete die Regierung, dass es nur noch 522.000 neue Lehrverträge gab.

Die Zahlen zeigen: In Deutschland findet nach der Expansion unter Willy Brandt die zweite Bildungsrevolution statt.

Denn bislang war der Facharbeiter "das Rückgrat der Produktion", wie der Berufsbildungsforscher Martin Baethge sagt. Das anerkannte Qualifikations- und Aufstiegsmodell führte über Hauptschule und Lehrstelle, und es war einmalig. Die Lehre als organisiertes dreijähriges training on the job gibt es nirgends sonst auf der Welt. Nun aber wird der Facharbeiter als deutscher Held abgelöst vom Akademiker. Seine Durchgangsstationen heißen Gymnasium und Hochschule. Der Wandel dieses Qualifikationsprofils ist relativ jung. Er setzte vor 15 Jahren mit dem Schock ein, den die erste Pisa-Studie auslöste.

Die Entwicklung hin zu höheren Qualifikationen ist eigentlich logisch für den Wechsel von einer industriellen in eine digitale Ökonomie - und notwendig. Dennoch stiftet der Niedergang des Facharbeiters viel Verwirrung. Die einen lamentieren über Akademisierungswahn; andere fordern, den Zugang zum Abitur einfach wieder zu drosseln. Allerdings ist die Eintrittspforte ins Gymnasium keine Tür, die man einfach wieder zudrücken könnte. Wer als Politiker den Gang aufs Gymnasium erschweren will, muss mit Abwahl rechnen.

Am Ende bestimmt jeder selbst seinen Weg

Dabei sind längst nicht alle Schüler auf der höheren Schule richtig aufgehoben. "Ein Teil dieser Schüler ist von Anfang an überfordert", heißt es in der Auswertung eines Beratungsprojekts mit Gymnasiasten, das die "Gesellschaft für Jugendbeschäftigung" in Frankfurt erstellte. Der Elternwunsch fürs Gymnasium entspreche nicht immer den realistischen Möglichkeiten der Kinder, monieren die Jugendberater. Manche Gymnasiasten gerieten in eine emotionale Zwickmühle. "Die Schule aufzugeben und sich beruflich neu zu orientieren, fällt vielen der Jugendlichen schwer." Sie klammerten sich an den Wunsch ihrer Eltern - das Abitur.

Berater können nur wenig dagegen tun. "Es wäre töricht, Jugendliche einfach nur von ihren Zielen abbringen zu wollen", sagt Hans-Dieter Metzger, der Leiter des Schlau in Nürnberg. Beratung dürfe nicht als ein halbstündiges Gespräch verstanden werden, in dem ein Fachkundiger Urteile über Jugendliche fällt - und ihnen dann Berufe verordnet. "Vertiefte Beratung muss auf Freiwilligkeit beruhen und Vertraulichkeit verbürgen", betont Metzger. "Sie muss für die Jugendlichen Verlässlichkeit gewährleisten, zielorientiert sein, aber nicht interessengeleitet."

Die Idee einer Bildungsrevolution ist es ja gerade, familiäre Festlegungen oder starre Schullaufbahnen aufzubrechen. Das setzt Träume und Aufstiegschancen frei.

Was Karim also braucht, ist Orientierung. Und die Courage, seinen Weg selbst zu bestimmen.

* Name geändert

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