Stunt-Schule für Jugendliche Bruce Lee aus Lüneburg

Sie hechten Treppen hinab, kämpfen mit Schwertern, powern sich aus: Eine Stunt-Schule in Lüneburg soll Jugendliche fit machen, die sonst wohl im Knast landen würden. Ein bisschen dürfen sie auch von Hollywood träumen.

DPA

Mohammed lernt gerade, wie man sich prügelt, ohne sich zu prügeln. Er hat einen Fuß auf der Brust, was natürlich nicht angenehm ist. Aber der 15-Jährige, den alle Momo rufen, lässt es zu. "Wenn ich das hier richtig schnell mache, sieht es aus, als ob ich dich wegtrete", sagt Dragisa Stefanovic, dem der Fuß auf Momos Brust gehört. Die Szene erinnert an einen Kung-Fu-Film mit Bruce Lee. Momo blickt in die Augen seines Kontrahenten, der auch sein Lehrer ist.

Stefanovic ist Ausbilder in der Stunt-Schule "Showtime" in Lüneburg. In der Einrichtung, die vom Albert-Schweitzer-Familienwerk getragen wird, landen Jugendliche, deren Leben bis dahin mehr Drama als Actionfilm gewesen ist. Sie sind arbeitslos oder stehen mit einem Bein im Gefängnis. Bei Momo waren es Diebstähle. Nun bekommt er noch eine Chance: Innerhalb von zwei Jahren kann er das Handwerk eines Stuntmans lernen.

Trainiert wird in einem Bau im Industriegebiet. Darin wurde eine Western-Kulisse errichtet, die ein wenig an Hollywood erinnert. Gründer und Chef der Schule, die seit sieben Jahren existiert, ist Hans Joensson. Der 63-Jährige hat nicht nur die Statur eines kleinen Schranks, sondern auch eine direkte Ansprache. Seine Schützlinge nennt er im Gespräch auch mal "Klappstuhl", auf der Fußmatte vor seinem Büro steht "Jeder Dritte, der kommt, wird erschossen. Zwei waren schon da".

Wer müde ist, hört eher zu

"Wer zu uns kommt, lebte vorher mehr in der Nacht und schlief tagsüber. Die meisten sind sehr Ich-bezogen. Das Wichtigste ist, Struktur in den Tag zu bekommen und Respekt vor anderen zu lernen", sagt Joensson, der selbst rund 20 Jahre lang als Stuntman gearbeitet hat. "Sport ist hier ganz wichtig. Er hilft, sie zu motivieren. Manchmal hören sie danach auch eher zu, weil sie müde sind."

In das Training fließen Bewegungsabläufe aus verschiedenen Sportarten ein, vieles kommt aus dem Kampfsport. Die Einrichtung bietet auch eine Schreinerei, Malerei und Autowerkstatt. In der Schreinerei werden Kulissen gebaut, in der Werkstatt Autos präpariert. Später sollen die Wagen mal nur auf zwei Reifen fahren können. Arbeitslose Jugendliche sind die zweite Gruppe, die in der Stunt-Schule eine Chance bekommen.

Rund 1000 bis 1200 Euro pro Monat kostet ein Platz für einen Jugendlichen. Das Geld kommt vom Europäischen Sozialfonds, den Jugendämtern und der Justiz. 20 Plätze gibt es.

"Natürlich ist das auch immer ein Spagat", sagt Joensson, wenn er gefragt wird, ob es sinnvoll ist, straffällig gewordenen Jugendlichen Kampf- und Waffentechniken beizubringen. Aber er müsse nur eine kleine Gruppe im Blick behalten und könne daher jeden Einzelnen auch gut einschätzen. Der Umgang mit Schwertern oder Schauspiel-Revolvern würde, wenn überhaupt, erst zum Schluss gelehrt. Unterstützt wird Joensson von einer Sozialpädagogin und einer Psychologin.

"Die Jugendlichen lernen hier die Kontrolle über sich selbst", sagt Joensson. Ein Stuntman müsse sehr exakt arbeiten, um sich nicht zu verletzen. Technik und Kontrolle geht bei einer Schau-Prügelei vor Emotion. Ein geregelter Alltag und respektvoller Umgang sind für Joensson zudem wichtiger als die Ausbildung. Sie ist nur der Anreiz und die Aussicht, mit denen er an die Jugendlichen rankommt. Der 63-Jährige weiß aber zumindest von zwei Absolventen, die später mit eigenen Shows oder Stunt-Truppen unterwegs waren. Insgesamt hätten rund 15 die komplette Ausbildung absolviert.

Einer, der das alles auch erlebt hat, ist heute selbst Lehrer an der Stunt-Schule - Dragisa Stefanovic. "Der Richter sagte: Entweder Knast oder Stunt-Schule", erzählt er. Es ging um Körperverletzung. Stefanovic entschied sich damals für die Stunt-Schule. Und ist seit 2009 eine Art Bruce Lee für Lüneburg.

Von Jonas-Erik Schmidt/dpa/otr



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
cato. 19.10.2013
1. ...
Zitat von sysopDPASie hechten Treppen hinab, kämpfen mit Schwertern, powern sich aus: Eine Stuntschule in Lüneburg soll Jugendliche fit machen, die sonst wohl im Knast landen würden. Ein bisschen dürfen sie auch von Hollywood träumen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/stuntschule-fuer-straffaellig-gewordene-jugendliche-a-928700.html
Mit der Aufgabe des Staates Gerechtigkeit und Sühne durchzusetzen hat das zwar wenig zu tun (insbesondere bei Gewaltverbrechern gibt es Opfer denen der Staat mit solchen Einrichtungen nicht gerecht wird), aber wenn es funktioniert und günstiger als Gefängnis ist ...
haltetdendieb 19.10.2013
2. Eine sehr gute Sache....
.....Lüneburg macht immer wieder mit positiven Beispielen von sich reden. Dieses ist eines der positivsten überhaupt, wenn auch selbst in Lüneburg wenig bekannt. Die Jugendlichen nehmen das Angebot sehr gut an, sich disziplinieren sich selbst, um die Aufgabe zu schaffen. Danke an die Gründer und Mitarbeiter dieser Stunt-Schule. Es müsste mehr solcher Angebote geben, die das Level der Schüler berücksichtigen. Einmal wenigstens gibt der ESF Geld für etwas Vernünftiges aus. Gut so!
Zeitwesen 19.10.2013
3. Ich bin mir da nicht so sicher....
Ich weiß nicht ob es wirklich eine sooo tolle Idee ist gewaltbereiten Jugendlichen auch noch Kampfsportarten beizubringen. Zum Glück bringt man Ihnen ja nicht den Umgang mit Schusswaffen bei, oder Bomben selber basteln als "Disziplinierungsmassnahme" (hüstel), da muß man ja echt dankbar sein. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehe schon ein dass es eine gute Idee ist die Schüler über z.B. Sport oder Interessen sozial einzubinden, aber warum muss es Kampfsport sein?
Kampfhai 19.10.2013
4. optional
@Zeitwesen: Kampfsport und Kampfkunst lehrt auch Disziplin und Selbstbeherrschung. Ich denke, dass gerade der Sport den Jugendlichen den verantwortungsvollen Umgang mit den Fähigkeiten lehrt.
tylerdurdenvolland 20.10.2013
5. Wie wahr, wie wahr! Klasse Idee!
Zitat von Kampfhai@Zeitwesen: Kampfsport und Kampfkunst lehrt auch Disziplin und Selbstbeherrschung. Ich denke, dass gerade der Sport den Jugendlichen den verantwortungsvollen Umgang mit den Fähigkeiten lehrt.
Einfach eine ganz fantastische Idee: "Eine Stunt-Schule in Lüneburg soll Jugendliche fit machen, die sonst wohl im Knast landen würden." Gerade solche Jugendliche können gar nicht genug Kampfsportarten beherrschen. Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir....
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