Österreichische Lehrerin über muslimische Schüler "Ich will doch nur das Beste für die Kinder!"

Eine Lehrerin in Österreich schreibt ein Buch darüber, wie "der Islam" die Schulen verändert. Sie benennt Probleme und verallgemeinert bisweilen. Dafür wird sie gefeiert - und angefeindet. Ein Treffen.

Susanne Wiesinger, seit drei Jahrzehnten Lehrerin, hat ein Buch geschrieben über den Einfluss des konservativen Islam auf den Unterrichtsalltag und auf das Leben ihrer Schülerinnen und Schüler in Wien. Erwartungsgemäß hat das Buch, im September erschienen, für viel Aufregung gesorgt in Österreich. "Kulturkampf im Klassenzimmer" ist der provokante Titel. "Wie der Islam die Schulen verändert. Bericht einer Lehrerin", lautet der Untertitel.

Wiesinger beschreibt darin, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert ist an einer Schule, an der in einer Klasse 21 von 25 Kindern muslimisch seien, deren Muttersprache nicht Deutsch sei. Lange Zeit habe sie darüber geschwiegen, habe sich aber im Stich gelassen gefühlt von Politik, Schulbehörde und Gewerkschaft.

Die hätten alles dafür getan, "dass die Öffentlichkeit die Wiener Schulsituation als Erfolgssystem wahrnimmt", schreibt sie. Ziel sei es gewesen, Wien glänzend dastehen zu lassen. "Dass das mit der Realität in unseren Schulen nicht mehr viel zu tun hat, interessiert die verantwortlichen Bildungspolitiker nicht."

Angriffe, die Spuren hinterlassen

Treffpunkt für das Gespräch mit Wiesinger ist im dritten Wiener Bezirk in einem Kaffeehaus. Sie wirkt erschöpft. Die einen feiern die 54-Jährige für ihren Mut, Probleme offen anzusprechen. Die anderen sehen in ihr eine Frau, die unzulässig verallgemeinere, gar den Rechtspopulisten nach dem Mund rede und damit nur Geld machen wolle. Dabei, betont sie, spende sie sämtliche Einnahmen an zwei Integrationsprojekte.

Die Angriffe setzen Wiesinger zu, vor allem, weil sich auch viele Freunde, "allesamt bürgerliche Linke", von ihr abgewendet haben. Dabei sei sie ihr Leben lang eine "radikale Linke" gewesen und jahrelang Gewerkschafterin. Ihr sei sehr wichtig, sagt sie, dass sie keine Rechte sei. "Ich käme nie auf die Idee, die FPÖ zu wählen."

Später im Gespräch sagt sie, es sei ihr mittlerweile egal, ob sie jemanden belästige mit ihrer Kritik. "Alle sollen hören, was in den Schulen passiert! Das geht schließlich die ganze Gesellschaft etwas an!" Es sei dennoch "schwer zu ertragen, von Rechtspopulisten als Kronzeugin herangezogen zu werden".

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Wiesinger, Susanne

Kulturkampf im Klassenzimmer: Wie der Islam die Schulen verändert. Bericht einer Lehrerin

Verlag: Edition QVV
Seitenzahl: 214
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Preisabfragezeitpunkt

03.02.2023 22.16 Uhr

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Nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar 2015 bekam Susanne Wiesinger mit, wie einige ihrer Schüler die Attentäter feierten. "An diesem Tag wurde mir bewusst, wie stark der konservative bis fundamentalistische Islam unsere Schüler beeinflusst, wie sehr diese Religion die Gedanken der Kinder beherrscht. Ich erkannte, wie weit die Mehrheit in der Schule von den Werten, die wir Lehrer ihnen zu vermitteln versuchten, entfernt war."

Wiesinger gab dem Journalisten Jan Thies von der investigativen Rechercheplattform "Addendum" im Frühjahr 2018 ein Interview, in dem sie sich den Frust von der Seele redete. Der sah in dem Stoff Potenzial für ein Buch und bot sich als Co-Autor an. Auch das wird ihr zum Vorwurf gemacht: "Addendum" und der dazugehörige neugegründete Verlag "Edition QVV" gehört dem Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz, den viele politisch rechts verorten.

Wiesinger schildert in dem Buch, wie ein normaler Schulalltag kaum noch möglich sei. Sie berichtet aber auch, welchen Spagat ihre Schülerinnen und Schüler zwischen der ultrakonservativen Welt der Eltern und der westlichen Welt in der Schule vollführen müssten.

Sie schreibt von der "Zerrissenheit", berichtet von Unterdrückung von Mädchen, von Genitalverstümmelungen, Zwangsverheiratungen, einer "Kleiderpolizei", also Jungen, die Kleidervorschriften bei Mädchen durchsetzten, davon, dass Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnähmen und Sexualkundeunterricht nicht stattfinden könne. Die Kinder würden zunehmend die Haltung ihrer Eltern übernehmen und westliche Werte ablehnen.

Schüler ohne Stimme

Liest man ihr Buch aufmerksam und spricht mit ihr, wird deutlich, dass weder ihre "linken Kritiker", wie sie sie nennt, noch die jubelnden Rechten ihr gerecht werden. Wiesinger sagt: "Ich bin nicht gegen den Islam!" Ihre Kritik richte sich "gegen den ultrakonservativen Islam, der sich gegen westliche Werte richtet". Und schon gar nicht sei sie gegen ihre Schülerinnen und Schüler.

"Ich fühle mich für sie verantwortlich! Ich möchte, dass diese Kinder eine gute Zukunft in unserem gemeinsamen Land haben, ich will doch nur das Beste für sie!" In ihrem Buch schreibt sie: "Denn für mich gehören sie zu uns, und darum muss sich eine Mehrheitsgesellschaft ihrer Probleme annehmen."

Gleichwohl: Die Schülerinnen und Schüler kommen im Buch nicht zu Wort. Wiesinger rechtfertigt sich, sie habe keine Namen nennen dürfen. Aber nicht einmal anonymisiert sind sie hörbar. Man fragt sich: Was denken sie über Wiesinger und ihr Buch? Man bittet um einen Gesprächstermin mit ihnen. Wiesinger stimmt zu, auch die Schulbehörde gibt grünes Licht, nur die Schuldirektorin ist dagegen - ihre Schule, sagt sie, sei oft genug in die Schlagzeilen geraten, sie wolle nicht dazu beitragen, dass das wieder geschehe.

Also stellt man sich vor die Schule und trifft Wiesingers Schülerinnen und Schüler dort. Ein Junge sagt, er finde seine "Frau Lehrerin voll krass", sie sei "nett". "Aber sie übertreibt", fügt er nach kurzem Überlegen hinzu. So schlimm sei das alles gar nicht, wie sie schreibe, sagt ein anderer. Ihr Buch habe er zwar nicht gelesen, aber gesehen und gehört, "was sie im Fernsehen gesagt hat".

Ein Mädchen sagt, Wiesinger finde "wahrscheinlich unsere Art zu leben nicht gut" und schreibe deshalb "so ein Zeug". "Niemand von uns ist gegen die westliche Gesellschaft. Aber niemand will sich gegen die eigenen Eltern stellen", sagt sie. Aber auch dieses Mädchen findet: Wiesinger übertreibe.

Tatsächlich wirken manche Passagen überzeichnet. So schreibt sie: "In Gesprächen versuchte man uns Lehrer zu begeistern, dass es doch eine gute Idee sei, wenn muslimische Schüler zu ihren Gebetszeiten die Klasse verlassen könnten. In einigen Schulen wurden diese Vorschläge bereits verwirklicht. Es gibt eigene Gebetsräume für muslimische Schüler." Die Stadtverwaltung antwortet auf Anfrage des SPIEGEL in einer E-Mail, man wolle "festhalten, dass es in Wien öffentliche Pflichtschulen mit Gebetsräumen NICHT gibt".

Fußwaschungen noch nie erlebt

Oder: "Ich möchte auch nicht, dass sie in den Pausen ihre Füße auf der Toilette waschen, um die rituelle Reinheit vor dem Gebet herzustellen. Wo soll das enden?" Fast könnte man glauben, Wien drohten demnächst Massenfußwaschungen in den Toilettenräumen von Schulen.

Die befragten Schülerinnen und Schüler sagen, sie hätten "noch nie erlebt, dass sich jemand in der Schule fürs Gebet die Füße wäscht". Manches in Wiesingers Buch wirkt konstruiert oder maßlos übertrieben - ganz so, wie in der politischen Debatte zu Integration und Islam dramatisiert wird, um Schreckensbilder zu entwerfen.

Andererseits gibt es diese Probleme tatsächlich, wie auch die Stadt Wien auf Nachfrage einräumt - nicht an allen Schulen, aber doch an einigen. Dass eine Lehrerin ein Buch schreiben müsse, weil sie vorher kein Gehör fand, müsse man ernst nehmen, sagt Stadtschulrat Heinrich Himmer dem SPIEGEL. Als Reaktion hat Wien nun eine Telefonhotline für Lehrkräfte, aber auch Eltern und Schüler eingerichtet.

Wiesinger macht weitere Verbesserungsvorschläge, zum Beispiel eine stärkere Durchmischung - Kinder jeder sozialen Herkunft müssten miteinander in die Schule gehen; dafür dürfe die freie Schulwahl eingeschränkt werden. Ganztagesschulen seien nötig, ebenso anstatt eines Religionsunterrichts ein gemeinsamer Ethikunterricht, "der die religiösen, ethischen, demokratischen und rechtlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens" behandele. Eltern müssten mit Geldstrafen rechnen, wenn ihre Kinder nicht am Schwimm- oder Sportunterricht oder an gemeinsamen Ausflügen teilnehmen. Auch mehr Diversität in Lehrerkollegien würde helfen, sagt sie.

Ihre Ideen kann sie künftig in der Politik einbringen: Ihren Lehrerjob hat sie aufgegeben, seit Februar leitet Susanne Wiesinger eine Ombudsstelle für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium.

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