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09. Juni 2011, 08:54 Uhr

Tatortreiniger in echt

"Das ist eher eine Strafarbeit"

Von Lisa Roderer

Normale Gebäudereiniger saugen Staub oder putzen Fenster - doch geht es um Menschenblut und andere Körperflüssigkeiten, braucht es besonders nervenstarke Putzmänner und -frauen. Tatortreiniger wischen dort auf, wo Menschen gestorben sind. Lehrling Bernd, 17, ist einer von ihnen.

Christian Heistermann, Bernds Chef, kann nicht nachvollziehen, weshalb sich immer wieder Jugendliche aus ganz Deutschland als Auszubildende bei ihm bewerben.

Doch vermutlich liegt es an der Sonderausbildung, die neben Heistermann hierzulande nur wenige anbieten: Die Lehre zum Gebäude-, Glas- und Tatortreiniger. "Es ist meiner Meinung nach eher eine Strafarbeit", sagt Heistermann. "Man muss sich immer im Klaren sein, dass die Arbeit etwas mit einem macht." Mit der Psyche, meint Heistermann.

Azubi Bernd*, 17, trägt Zopf und einen Kapuzenpulli einer dänischen Heavy-Metal-Band und sieht das etwas anders als sein Chef. "Klar ist es eklig, aber eben nicht nur", sagt er. "Mich interessiert es sehr, wie man diese Flecken entfernt." Er hat an einer Oberschule seinen Mittleren Schulabschluss gemacht und ist gerade im ersten Lehrjahr zum Gebäudereiniger.

In der Berufsschule und dem Betrieb lernt er, wie man Teppiche richtig reinigt und wie die verschiedenen Reinigungsmittel anzuwenden sind. Kenntnisse, die er auch bei der Tatortreinigung benötigt.

Für Außenstehende sei die Arbeit makaber, auch seine Verwandten und Freunde hätten sich erst mit seinem Berufswunsch arrangieren müssen. Auch er habe Skrupel gehabt, die ließen aber nach, sagt Bernd. "Das Einzige, was aber immer gleich bleibt, ist der Ekel." Der Beruf sei nichts für schwache Nerven.

Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Arbeit am Tatort

Der tote Mensch, als Unfallopfer oder Opfer einer Gewalttat, hinterlässt nämlich nicht nur einen Blutfleck. "Er läuft aus", sagt Bernd. Es bedeutet oft, dass eine kleine Blutlache vorhanden ist. Die Flüssigkeiten, die der Körper nach dem Tod nicht mehr halten kann, also unter anderem auch Urin und Fäkalien, bilden zusätzlich eine größere Pfütze. "Das ist dann weniger angenehm."

Ist der Geruch von Körperflüssigkeiten oder der Verwesung zu penetrant und macht damit die Arbeit unerträglich, kommt ein äußerlich unspektakulärer weißer Kasten zum Einsatz, der Ozonisator. Durch elektrische Impulse werden Sauerstoffmoleküle in ihre Atome geteilt, die sich anschließend neu zu Ozonmolekülen zusammenfügen. Zerfallen die giftigen Ozonmoleküle wieder, bleibt gereinigter Sauerstoff zurück. Nach circa 30 Minuten ist die Luft wieder frisch, und die Arbeit kann beginnen.

Draußen auf dem Hof steht ein Firmenwagen, in dem ein Mann Selbstmord mit einer Pistole begangen hat. Die Scheibe rechts hinter dem Beifahrersitz ist mit blauer Plastikfolie abgeklebt. Sie werden verschiedene Reinigungsmittel für die Entfernung von Proteinen und Hämoglobin verwenden müssen, um den Wagen wieder für den Kunden nutzbar zu machen. "Die meisten Leute denken, dass so eine Reinigung nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber die sehen nur, was wir vor Ort tun", sagt Christian Heistermann.

Was man nicht sieht: wie die Geräte, die Ähnlichkeit mit einem handelsüblichen Staubsauger oder einem Kescher mit Plastiksack haben, nach der Tatortreinigung im Betrieb auseinandergenommen, ausgespült, desinfiziert und wieder zusammengebaut werden. Anschließend ist das Auto, in dem die Geräte transportiert wurden, an der Reihe. Die Desinfektion muss auch hier vorgenommen werden. "Denn Hygiene ist das A und O", sagt Bernd. Blut und Gewebe, das sie aufgesammelt haben, werden in einem eigenen Müllcontainer gesammelt, der von einem Spezialtransport abgeholt wird.

Nur ein bis zwei extreme Einsätze pro Monat

Bei manchen Einsätzen erleben die Tatortreiniger Dinge, die sie nicht so schnell vergessen. Manche Selbstmörder ordnen ihre privaten Dinge sorgfältig, um sich dann an einem abgelegenen Ort das Leben zu nehmen. "Da denkt man schon darüber nach, was einen Menschen zu so etwas treibt", sagt Heistermann.

In einem extremen Fall war in einer Wohnung ein Heroin-Abhängiger an einer Überdosis gestorben. Dort erwarteten die Tatortreiniger Blutspuren an den Wänden, verschimmelte Kleidung in der Waschmaschine, Unmengen leerer Bierflaschen sowie Fischkonservendosen und beißender Geruch in der gesamten Wohnung.

Als Putzkräfte entrümpeln und reinigen Bernd und seine Kollegen auch Messie-Wohnungen. "Eine Frau war über ein dreiviertel Jahr nicht gefunden worden und der beißende Gestank deshalb kaum noch zu ertragen." Den Weg zum Fenster mussten sie sich erst einmal freikämpfen, weil sich in der Wohnung der Müll stapelte. "Nachdem wir den Geruch endlich beseitigt hatten, war es allerdings mehr eine Entrümpelung als eine Tatortreinigung", sagt Bernd.

Das sind allerdings krasse und relativ seltene Fälle. Normalerweise haben sie es nur ein bis zweimal im Monat mit solch gruseligen Arbeitsorten zu tun, die restlichen Tage verbringen sie mit normaler Gebäudereinigungen. "Mehr Tatortreinigungen wollen wir gar nicht machen. Es ist schließlich alles andere als angenehm", sagt Ausbilder Heistermann.

(*Name geändert)

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