Techno-Tanz Jumpstyle Mit 150 bpm gegen die Tristesse

Es sieht aus wie eine Mischung aus irischem Volkstanz und Kindergeburtstag, dazu pumpt rasanter Techno-Beat. Der Jumpstyle-Tanz vertreibt Jugendlichen wie Duc Ngo Viet, 17, und seinen Freunden die Langeweile in der Kleinstadt. Und wer hat's erfunden? Die Holländer.

Von Mathias Hamann


"Das Fernsehen ist da", kreischt der Moderator. Dann rummst der Bass, und 230 Leute laufen vor, zurück, hüpfen auf der Stelle. "Die haben keine Power", kommentiert Duc Ngo Viet verächtlich die Tanzversuche auf der Berliner Jugendmesse YOU. "Das ist kein Jumpstyle." Schließlich ist der 17-Jährige quasi ein Experte für rhythmisches Hüpfen. Wer den Tanz lernen möchte, sollte lieber zu einer richtigen Crew gehen, findet Duc.

Duc Ngo Viet lebt in der brandenburgische Kleinstadt Schwedt, die nicht viel zu bieten hat für 17-jährige Jugendliche. Sie liegt rund 100 Kilometer nordöstlich von Berlin, direkt an der Grenze zu Polen. Es gibt eine Ölraffinerie, ein paar Baumärkte und große Lebensmittelgeschäfte. "Sonst ist nicht viel los", sagt Duc. Früher hat er oft Langeweile gehabt. Und deswegen selbst etwas auf die Beine gestellt.

Duc hatte von Jugendlichen in den Niederlanden gehört, die in Gruppen zu Techno-Musik aus Detroit tanzten: im Jumpstyle. Tänzer hopsen dabei einzeln oder in Gruppen im Takt, werfen ihre Beine abwechselnd nach vorn und nach hinten und bauen Fußstellungen und Figuren ein, die sie "Kicks" nennen.

Hopsen gegen die Langeweile

130 bis 150 Beats per Minute müssen es schon sein, schließlich soll so schnell gehüpft werden, dass nur noch selten beide Beine den Boden berühren. Duos tanzen auch feste Schrittfolgen synchron oder spiegelbildlich, niemals aber berühren sich die Tänzer. Das Ganze erinnert dann an eine Mischung aus Kindergeburtstag und irischer Stepptanzshow.

Sowas ist eine willkommene Abwechslung zur kleinstädtischen Langeweile: Jeden Freitag treffen sich Duc und seine Freunde vor dem Schwedter Jugendclub "Karthauser" zum Jumpstyle-Training. Zusammen nennen sie sich "Jumpstyle Crew Uckermark" und tragen als Erkennungszeichen T-Shirts mit der Silhouette eines Tänzers, auf denen die Spitznamen der Mitglieder zu lesen sind. Auch in seiner Schule hat Duc bereits eine AG gegründet.

Gerade trudeln die letzten Tänzer zum Training ein. Auf dem Parkdeck neben dem Jugendclub holt Stephan "Ecki" Ecker sein Handy aus der einen Jackentasche und zwei faustgroße Lautsprecher aus der anderen. Die stöpselt der 19-Jährige ans Mobiltelefon, drückt auf Play, es scheppert melodiöser Techno mit 150 Beats pro Minute aus den kleinen Boxen. Dann beginnen sie zu hüpfen: Beine vor, zurück, dann drehen, Fuß nach hinten, Tipp auf den Boden.

Tanzschulen wittern ein neues Geschäft

"Es gibt in Holland Leute, die tanzen das schon seit sechs Jahren", erzählt Duc. Seitdem verbreitet sich das Phänomen: Die Technogruppe Scooter entdeckte die Jumpstyler; sie sponsert die deutsche Webseite und das Forum und widmete dem Tanzstil einen eigenen Song; in den Videos zu ihren letzten Hits tanzen einige Jumpstyler. Im Internet kursieren immer mehr Videos, auch Stefan Raab lud Jumpstyler in seine Abendshow.

Viele der Tanzcrews zeigen ihre eigenen Choreographien im Internet. "Ich habe von einem Freund Links zu anderen Jumpstyle-Gruppen bekommen", erinnert sich Duc. Er war begeistert, und seitdem filmen die Uckermärker ihre Trainingseinheiten, um dann ihre selbst entwickelten Techno-Choreographien ins Netz zu stellen. Duc programmierte dafür eine Webseite, dort finden sich auch Fotos, Links zu Clips und Infos zu ihren Treffen.

"Es gibt auch viele Lernvideos im Internet", sagt Duc. Die zeigen den Grundschritt: Springen und dabei in der Luft mit weiten Schritten scheinbar auf der Stelle laufen. "Das geht am Anfang ganz schön auf die Gelenke. Länger als drei Minuten schafft man's erstmal nicht", sagt Viola Bocker, das einzige Mädchen der Truppe. Für die 16-Jährige trotzdem ein passabler Aerobic-Ersatz: "Es ist lustiger und macht noch fitter."

Tanzschule? Jumpcrews können das besser

Als nächstes lernt jeder Neuling bei ihnen Drehungen, Kicks, Tipp auf den Boden und andere Sprünge: "Schon die ersten Grundschritte und einfachen Figuren kombiniert man ganz einfach zu einer Choreographie", sagt Duc. Eine haben die Schwedter mittlerweile einstudiert, an der zweiten arbeiten sie. Duc bringt dafür seine Kamera in Position, Stephan lässt die Handyboxen scheppern, los geht's. Anschließend drängelt sich die Crew um den Kamerabildschirm zur Videoauswertung.

Manchmal verabreden sich die Hüpfer aus der Uckermark auch mit anderen Tanzcrews in Braunschweig oder Berlin. Dann dröhnt es aus dem Ghettoblaster zum Beispiel vor dem majestätischen Berliner Reichstagsgebäude.

Auch auf der Jugendmesse YOU versucht eine Tanzschule, auf den Jumpstyle-Trend mit aufzuspringen. 230 junge Besucher sollen sich hier gleichzeitig bewegen, für einen Weltrekord-Versuch. Die Uckermärker sehen das skeptisch. "Lieber im Internet gucken und zu einer Jumpcrew vor Ort gehen, die machen das gratis und besser", meint Duc. Dann nehmen sie ihre Sachen und fahren zurück von der Berliner Messe nach Schwedt, vielleicht trainieren sie noch ein bisschen – richtigen Jumpstyle.



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