Gewalt unter jugendlichen Paaren Verliebt, verletzt, verzweifelt

Sie fühlen sich bedroht, genötigt, bedrängt: Statt einfach nur verliebt zu sein, erleben erschreckend viele Jugendliche in ihrer ersten Beziehung schon Gewalt. Darauf deutet eine aktuelle Studie hin. Forscher fordern, Jungen und Mädchen besser auf die erste Liebe vorzubereiten.

Verzweifelt: Viele Jungen und Mädchen erleben Gewalt in der Beziehung
Corbis

Verzweifelt: Viele Jungen und Mädchen erleben Gewalt in der Beziehung


Die erste Liebe beflügelt, verzaubert, sie sorgt für diesen verklärten Blick, diese warmen Gefühle. So sollte es zumindest sein. Forscher der Hochschule Fulda haben sich mit dem beschäftigt, was nicht sein sollte, und fragten hessische Schülerinnen und Schüler: Habt ihr in der Beziehung oder beim Date schon mal Gewalt erlebt? Schon mal irgendeine Form der Grenzüberschreitung? Mehr als jeder Zweite sagte: Ja.

Im Englischen gibt es für dieses Phänomen schon einen eigenen Begriff: Teen Dating Violence, Gewalt beim ersten Kennenlernen Jugendlicher. In einer Studie aus Großbritannien berichteten vor rund vier Jahren 80 Prozent der Mädchen und 51 Prozent der Jungen von emotionaler Gewalt, 25 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen sogar von körperlicher Gewalt. In Deutschland ist dieses Gebiet bislang kaum erforscht. Die Ergebnisse der Forscher aus Fulda liefern nun erste Anhaltspunkte.

Denn repräsentativ sind die Ergebnisse von Beate Blättner, Professorin im Fachbereich Pflege und Gesundheit, und ihrem Team nicht: Sie zogen aus allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen eine Stichprobe; integrierte Gesamtschulen und private Schulen waren ausgeschlossen. Von neun Schulen nahmen insgesamt 509 14- bis 18-Jährige an der Befragung teil; hinterher gewichteten die Forscher die Daten. Sie gehen davon aus, dass jene nicht teilgenommen haben, die von schwerer Gewalt betroffen sind. Sie haben ihre Eltern nicht um ihr Einverständnis gebeten, vermuten die Forscher. "Ausmaß und Schwere von Gewalt werden somit eher unterschätzt", schreiben sie in ihrem Aufsatz.

Die Ergebnisse in Kürze:

  • Von den Befragten hatten insgesamt 181 Schülerinnen und 173 Schüler schon mal ein Date oder eine Beziehung - nur auf diese Befragten beziehen sich auch die Prozentangaben.
  • Rund 66 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen sagten, sie hatten bislang mindestens einmal irgendeine Form der Grenzüberschreitung oder Gewalt erlitten. Derartige Erfahrungen würden überwiegend in der achten und neunten Klasse gemacht, schreiben die Forscher.
  • Rund 61 Prozent der Mädchen und 57 Prozent der Jungen berichteten von emotional schwierigen Situationen, beispielsweise von Aggressionen oder Drohungen.
  • Rund 28 Prozent der Mädchen und 20 Prozent der Jungen sagten, sie seien zu etwas gezwungen worden, was sie nicht wollten. Rund sechs Prozent der Mädchen und zwei Prozent der Jungen sagten, sie seien mit Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden.
  • Etwa jeder zehnte Befragte gab an, er habe schon körperliche Gewalt erfahren. Dabei ging meist darum, dass die Mädchen und Jungen geschubst, geohrfeigt oder festgehalten wurden. Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die schon in der Familie Gewalt erlebten oder bezeugten, erlebten auch häufiger selbst Gewalt. Ein bereits bekanntes Muster.
  • In rund 57 Prozent der angegeben Fälle ging die Grenzüberschreitung oder Gewalt von einem Jungen bzw. einem Mann aus.
  • Wie Jungen und Mädchen auf diese Erlebnisse reagieren, variiert natürlich: Sie trennen sich von ihrem Partner, ihrer Partnerin, sie haben Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, sie essen weniger - oder mehr. Trinken Alkohol. Ziehen sich zurück. Entwickeln Ängste.
  • Und wo holen sie Hilfe? Die Mehrheit aller 509 befragten Schüler sagte: bei Freunden (rund 93 Prozent der Mädchen und 74 Prozent der Jungen), gefolgt von Eltern (rund 41 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen) und Geschwistern (rund 29 Prozent der Mädchen und 20 Prozent der Jungen).

Damit die erste Liebe wirklich vor allem beflügelt, fordern die Forscher präventive Maßnahmen: In Schulen müsse über das Thema gesprochen werden, spätestens im Alter von etwa 14 Jahren. Die Jungen und Mädchen müssten lernen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu zeigen, und sie müssten lernen, respektvoll miteinander umzugehen.

fln

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