Teenager-Models Mädchentraum und Knochenjob

Routine-Posen in Abendkleid oder Dessous haben sie alle drauf - dabei sind viele der Models, die von den Plakatwänden lächeln, erst im Teenie-Alter. Für Lysan, Laura und Claire ist der Einstieg in die Modewelt auch ein schmerzhafter Crashkurs im Erwachsenwerden.

Yannis Nikolaou kann nie abschalten. Nicht im Kino, nicht in der U-Bahn, nicht im Supermarkt. Ständig lässt der 38-Jährige seinen Blick über die Passanten gleiten, scannt ihre Gesichter. Der Gründer und Chef der Hamburger Model-Agentur "Place Models" ist immer auf der Suche nach Models für die Kampagnen von morgen.

Groß müssen die Mädchen sein - und sehr jung. Ob sie ungeschminkt sind, die Frisur nicht zum Typ passt oder sie im Schlabberlook stecken, "das ist dabei egal", sagt Nikolaou. "Was zählt, sind perfekte Proportionen und Ausstrahlung."

Wie bei Lysan Rinn. Auf den ersten Blick sieht die 15-Jährige aus wie ein ganz normaler Teenager, wie sie so im Flur der Hamburger Model-Agentur steht, die Hände in den Taschen der Jeans vergraben, mit Kapuzenpullover und bekritzelten Turnschuhen. Sie war mit Freundinnen in der Stadt unterwegs, als Yannis ihr die Visitenkarte der Agentur in die Hand drückte.

Statt bummeln zu gehen, fährt Lysan jetzt am Wochenende zu Shootings, wird stundenlang geschminkt, frisiert und posiert vor der Kamera. "Manchmal denke ich mir schon 'Wer ist das?', wenn ich so ein Foto von mir sehe." Lysan blickt verlegen zur Seite und dreht ihre Setcard in den Händen. Darauf eine junge Frau auf Highheels, mit rot geschminkten Lippen, die selbstbewusst in die Kamera blickt. Mit der Neuntklässlerin in Jeans hat sie kaum noch etwas gemein.

Erwachsenwerden im Schnellgang

Die meisten der Mädchen, die zu Hunderten von den Agenturwänden herablächeln, sind kaum älter als Lysan. Laura Israel war gerade zwölf Jahre alt, als sie von Yannis Nikolaou und seinem Partner Jan-Erik auf einem Sommerfest entdeckt wurde. "Komm in zwei Jahren wieder, wenn du dann Lust hast", hieß es.

Heute ist Laura 17 Jahre alt, die feste Zahnspange von damals ist verschwunden, die anfängliche Schüchternheit auch. Das blonde Mädchen wirbelt in der Agentur herum, begrüßt jeden mit einem strahlenden Lächeln und zeigt ihre neue Bluse vor: "Das sieht gut aus, oder?" Eine Entwicklung wie bei Laura sei ganz typisch, sagt Nikolaou: "Am Anfang kommen die Mädchen im Teenie-Outfit hier rein, mit verzupften Augenbrauen und weiten T-Shirts, doch dann beginnen sie, den Look der Fotoshootings zu imitieren - kleiden sich erwachsener, schminken sich wie Profis."

Die jungen Mädchen verändern sich nicht nur äußerlich. In der hektischen Welt am Set müssen sie sich wie Erwachsene verhalten. Oft muss das blitzschnell gehen: Laura war mit 15 zum ersten Mal allein verreist. Einen Monat verbrachte sie ohne Eltern in London, lief sie von Shooting zu Shooting, stellte sich mit der Setcard in der Hand vor. Doch das so erwachsen wirkende Äußere der Teenager-Models kann eines nicht verbergen: "Auch eine 15-Jährige, die 1,80 Meter groß und wunderschön ist, ist innerlich immer noch ein Kind", sagt Agenturchef Nikolaou.

Wer zu dünn ist, fliegt raus - sagt der Agenturchef

Wie schwierig es für die jungen Mädchen ist, sich in dieser Doppelrolle zurechtzufinden, zeigt sich auch im Schulalltag. Oft leidet das Verhältnis zu den Mitschülern unter dem Model-Job. Wie bei Laura: Anfangs wusste niemand aus ihrer Klasse von ihrer neuen Beschäftigung. Doch das änderte sich an dem Tag schlagartig, an dem jemand ein Frauen-Magazin mit in die Schule brachte. Darin: Laura in Dessous.

Danach war sie der Mittelpunkt des Schulhofgesprächs. "Furchtbar", erinnert sich Laura, "ausgerechnet meine engsten Freunde haben mich kritisiert." Seitdem versucht sie, sich und ihr Model-Leben nicht zum Thema in der Schule zu machen: "Wenn ich von einem Job komme, erzähle ich meinen Freunden einfach gar nicht mehr davon."

Wie wichtig es ist, Privatleben und Job zu trennen, merkt auch die Agentur: Gerade weil die Mädchen ständig "Du siehst toll aus" zu hören bekämen und stundenlang bei Aufnahmen von Fotografen angefeuert würden, müsse man Grenzen setzen, sagt Yannis Nikolaou. Einerseits, damit sie ihre eigene Wichtigkeit nicht überschätzten. Andererseits, damit der Wahn um ihr Äußeres nicht überhand nehme, zum Beispiel beim Gewicht: Auf ihre Ernährung müssten alle achten, gehungert werden dürfe jedoch nicht.

Auch in seiner Agentur habe es schon Fälle von Magersucht gegeben. Doch wer zu dünn sei, fliege raus, so Nikolaou. Er habe durchaus schon Mädchen beiseite genommen und ihnen gesagt: "Wenn ihr nicht zunehmt, seid ihr weg."

"Irgendwann kam mir das so sinnlos vor"

Bei allen Widrigkeiten wollen Laura und Lysan auch weiter modeln, wenn sie mit der Schule fertig sind. Viel reisen, tolle Leute kennenlernen und spannende Aufträge bekommen, davon träumen sie. Doch beiden ist klar, dass es nicht einfach wird, erfolgreich zu bleiben und sich gegen ihre Konkurrentinnen zu behaupten. Dafür sorgt schon ihre Agentur - und zwar mit knallharten Ansagen: "Wir sagen ihnen, dass sie austauschbar sind."

Vielleicht auch wegen dieses Drucks entscheiden sich manche Mädchen irgendwann bewusst gegen eine Karriere als Fotomodell. Zum Beispiel Claire (Name geändert) aus München. Genau wie Laura und Lysan modelte sie neben der Schule, nach dem Abitur wollte sie richtig in das Business einsteigen.

Wochenlang ging es von einem Casting zum nächsten: Morgens den Laufplan aus der Agentur holen, dann von einem "Go-and-See" zum nächsten, um dort mit dutzenden anderen Models zu warten, nur um ein paar Minuten lang ihr Setbook vorzuzeigen. "Ich hatte das Gefühl, ich verschwende meine Zeit", sagt Claire, "irgendwann kam mir das so sinnlos vor."

Teilen konnte sie ihre Gefühle allerdings mit niemanden aus dem Model-Geschäft: "Man ist zwar immer unter Leuten, aber eigentlich alleine, sagt Claire. "Echte Freundschaften gibt es nur selten." Der Leistungsdruck sei zu groß: "Alle sind nett zu einem, solange man gut Jobs bekommt - doch ich hatte immer das Gefühl, sobald ich nicht mehr funktioniere, werde ich fallengelassen."

Heute ist Claire 22 Jahre alt. Sie macht eine Ausbildung zur Krankenschwester und hat seit zwei Jahren nicht mehr vor der Kamera gestanden.