Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen "Wir müssten Dreijährige fragen, ob sie diese Verkehrspolitik wollen"

Kinder und Jugendliche wollen ihre Zukunft nicht mehr von alten, weißen Männern bestimmen lassen, sagt Jugendforscher Christian Alt. Ihr Protest stoße aber an Grenzen.

Victoria Penafiel/ Moment Open/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Alt, Jugendlichen wurde in Deutschland jahrelang vorgeworfen, sie seien unpolitisch. Nun gehen jeden Freitag Tausende Kinder und Jugendliche auf die Straße, um für besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Zufrieden?

Alt: Proteste in dieser Größenordnung, bei einem Zukunftsthema wie dem Klimaschutz, bei so jungen Menschen sind tatsächlich neu. Sie zeigen, dass Jugendliche nicht mehr politikfern sind. Sie wollen ihre Zukunft nicht mehr von alten, weißen Männern bestimmen lassen, sondern darüber mitentscheiden, was in 20, 30 Jahren passiert - und dafür heute gehört werden.

Zur Person
  • David Ausserhofer/ Deutsches Jugendinstitut
    Dr. Christian Alt, Jahrgang 1954, arbeitet seit 1986 im Deutschen Jugendinstitut. Das Institut erforscht die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker bemängeln, es gingen vor allem Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien auf die Straße. Stimmt das?

Alt: Nein, der große Zuspruch bei "Fridays for Futures" liegt nicht daran, dass sich das Bildungsbürgertum angesprochen fühlt, sondern die ganze Jugend. Das sind nicht nur Schüler von Gymnasien, sondern auch Real- und Berufsschüler. Alle haben das Gefühl, sie müssten ihre Zukunft retten - unabhängig vom Abschluss.

SPIEGEL ONLINE: Studien zeigen, dass sich Menschen ohne Abitur seltener politisch einbringen.

Alt: Wenn es um Bürgerinitiativen oder eine Unterschriftensammlung geht, finden Sie tatsächlich einen Bildungsbias. Oder wenn sich Menschen in Parteien oder Gewerkschaften engagieren. Sind Eltern Mitglied, ist es wahrscheinlicher, dass auch das Kind eintritt. Hier wird politische Teilhabe vererbt. Anders ist es jedoch bei politischem Aktivismus.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Alt: Beim Mitmachen, sich beteiligen und auf die Straße gehen, da finden Sie diese Unterschiede nach Schichten und Bildungsgrad nicht mehr. Da engagieren sich die Leute nicht in Parteien, sondern indem sie sich Initiativen wie "Fridays for Future" anschließen. Jugendliche fühlen sich hier auf eine andere Weise angesprochen. Das Problem ist nur, dass ihre politische Aktivität da stattfindet, wo sie noch zu wenig unmittelbare Wirkung entfaltet.

SPIEGEL ONLINE: Aber die "Fridays for Future"-Bewegung findet doch jede Menge Beachtung.

Alt: Die Erwachsenen sehen sie, loben die Aktionen sogar, reagieren aber nicht darauf. Wir müssen einsehen, dass die Jugendlichen hier politisch handeln, nur eben nicht in den vorgegebenen institutionalisierten Kontexten, sondern auf der Straße. Passiert weiterhin nichts, wird es brisant, weil die Jugendlichen dann den Eindruck haben, sie werden nicht ernst genommen, die Parteien ignorieren sie.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen kann das haben?

Alt: Eine erste Reaktion konnten wir bei der letzten Wahl zum Europaparlament beobachten. Etablierte Parteien haben deutliche Verluste zu tragen. Hinzu kommen Meinungsäußerungen in den sozialen Medien, die sehr deutlich zum Ausdruck bringen, was der jungen Generation missfällt. Ich erinnere nur an den Beitrag von Rezo "Jetzt reichts", der für erheblichen Aufruhr gesorgt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor, damit Kinder und Jugendliche mehr Gehör finden?

Alt: Deutschland hat bereits die Uno-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Da steht im Prinzip: Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden, sich zu beteiligen. Und die Gesellschaft ist angehalten, es ihnen zu ermöglichen. Wir alle wissen, dass wir von diesem Zustand weit entfernt sind.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit wird über eine Absenkung des Wahlalters diskutiert. Würde das helfen?

Alt: Das wäre eine Möglichkeit. Aber damit fänden Jugendliche nur alle vier oder fünf Jahre Gehör - und auch nur die über 16-Jährigen. Wenn die Kinderrechtskonvention ernst genommen würde, müssten wir Kinder im Alltag mitentscheiden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen?

Alt: Ein Beispiel: Erzieher statten Vierjährige mit Kameras aus. Damit sollen sie dokumentieren, welche Ecken im Kindergarten ihnen besonders gefallen und welche nicht. Damit befähigen sie die Kinder, eine Situation zu reflektieren und ihre Meinung kund zu tun. Das ist aber ein sehr radikaler Gedanke, weil wir dann alles, was Kinder uns erzählen, ernst nehmen müssten.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit sollte das reichen?

Alt: Wir müssten Dreijährige, die im Buggy durch die Abgase gefahren werden, fragen, ob sie diese Verkehrspolitik wollen. Und bei "Fridays for Future" hieße das, wir müssten uns überlegen, ob der Kohleausstieg erst zum Jahr 2038 wirklich im Interesse einer nachwachsenden Generation ist. Wenn wir Kinder und Jugendliche wirklich ernst nehmen wollen, müssten wir sie nicht nur anhören. Wir müssten die Interessen der Jungen umsetzen - notfalls gegen unsere eigenen.

Mitarbeit: Lisa Duhm

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