Test-Überraschung Einwandererkinder sind beim Politikwissen gleichauf

In der Grundschule wissen Einwandererkinder noch deutlich weniger über Politik als Mitschüler mit deutschen Eltern. Bei Sechstklässlern aber gibt es kaum Unterschiede. Das zeigt eine neue Studie - Forscher rätseln, warum Migrantenkinder beim Demokratie-Test offenbar so schnell aufholen.
Jugendliche im Bundestag: Den Bundespräsidenten kannte fast niemand

Jugendliche im Bundestag: Den Bundespräsidenten kannte fast niemand

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Jugendliche aus Einwandererfamilien wissen genauso viel über Politik und Demokratie wie ihre Mitschüler deutscher Herkunft. Das ergab eine Studie der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim, die Anfang 2011 veröffentlicht werden soll.

Einwandererkinder erreichten im Politik-Test 6,2, deutsche Jugendliche 6,3 Punkte. Der winzige Unterschied ist statistisch nicht relevant. Auch Jugendliche mit türkischen Wurzeln, die bei Schülerstudien meist besonders schlecht abschneiden, lagen mit 6,1 Punkten im Durchschnitt.

Die Forscher befragten im Frühjahr fast 1600 Sechstklässler in Hamburg und Bayern. 40 Prozent der Jugendlichen gingen auf Hauptschulen, 23 Prozent auf Realschulen, neun Prozent auf Gymnasien und drei Prozent auf Gesamtschulen. Sechs von zehn Jugendlichen hatten einen Migrationshintergrund, von ihnen hatten rund 40 Prozent türkische Wurzeln.

Die Kinder mussten Fragen beantworten und Politiker auf Fotos erkennen. Beim Wissenstest ging es unter anderem um die Häufigkeit von Bundestagswahlen, die gesetzgebenden Institutionen oder die Meinungs- und Religionsfreiheit. Die Antworten wurden auf einer Skala von null Punkten (kein Wissen) bis zehn Punkten (großes Wissen) bewertet.

Zwei von hundert Einwandererkindern kannten Horst Köhler

Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler - vor allem, weil eine andere Studie vor kurzem ergeben hatte, dass Grundschüler aus Einwandererfamilien deutlich weniger über Politik und Demokratie wissen als ihre Mitschüler. Dafür waren rund 540 Zweitklässler in Bayern getestet worden.

"Wir hatten nicht erwartet, dass die Jugendlichen annähernd gleich viel über demokratische Prozesse wissen", sagte der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders, der die neue Studie leitete. Er hält das Wissen der Schüler für gut. "Man muss ja bedenken, dass die Lehrpläne erst nach der sechsten Klasse die intensive Beschäftigung mit dem politischen System vorsehen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Laut Reinders ist es die erste Studie in Deutschland, die das politische Wissen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland vergleicht.

Im Bildertest, bei dem Schüler Politiker erkennen mussten, stellten die Forscher dagegen Unterschiede fest: 93 Prozent der deutschen Jugendlichen erkannten Angela Merkel, bei den Einwandererkindern waren es 82 Prozent. Horst Köhler, zum Zeitpunkt des Wissenstests noch amtierender Bundespräsident, erkannten nur fünf Prozent der deutschen und nur zwei Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Ihre damaligen Landesväter, Ole von Beust und Günther Beckstein, erkannten sieben Prozent der Einwandererkinder und zehn Prozent ihrer Mitschüler. Bei der Fragen nach Parteien konnten deutsche Schüler im Durchschnitt 2,5 nennen, Kinder von Einwanderern 1,5.

Deutsche Medien an erster Stelle

Warum sich bei Grundschülern das politische Wissen zwischen Einwanderer- und deutschen Kindern stark unterscheidet, in der sechsten Klasse aber kaum noch, wissen die Forscher nicht. "Wir müssen offen zugeben, dass wir hierfür noch keine schlüssige Erklärung haben", sagte Reinders.

Hinweise fanden sie aber bei der Untersuchung der Mediennutzung:

  • Insgesamt informieren sich rund 72 Prozent aller getesteten Jugendlichen häufig oder sehr häufig durch das deutschsprachige Fernsehen über Politik, 40 Prozent durch das Internet, 38 Prozent lesen Zeitungen.
  • 65 Prozent der Kinder mit deutschen Eltern nutzen das Fernsehen. Bei den Einwandererkindern sind es 76 Prozent, die deutsche Fernsehsendungen sehen, und 59 Prozent Zuschauer von Sendungen aus dem Herkunftsland.
  • Jeder zweite Jugendliche mit ausländischen Wurzeln informiert sich im Internet, bei den deutschen ist es nur etwa jeder vierte.
  • 40 Prozent der deutschen Jugendlichen lesen Tageszeitungen, 35 Prozent der Einwandererkinder - auch hier liegen deutsche Tageszeitungen deutlich vor denen aus dem Herkunftsland der Eltern.

Reinders sieht einen Zusammenhang zwischen den vergleichsweise schlechten Ergebnissen der Migrantenkinder bei den Pisa-Studien und deren Mediennutzung: "Wenn ich nicht so gut darin bin, deutsche Texte zu lesen, dann bieten sich das Fernsehen und kurzweiligere Internetseiten natürlich eher an als Zeitungen", so Reinders.

Bei der jüngsten Pisa-Studie aus dem Jahr 2009 waren Kinder von Einwanderern deutlich schlechter im Lesen als ihre deutschen Mitschüler. Allerdings ist ihr Rückstand im Vergleich zur Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 von gut anderthalb Schuljahren auf ein Jahr zusammengeschmolzen.

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