Tiere helfen Schülerinnen Leben lernen im Pferdestall

Letzter Ausweg für hartnäckige Schwänzerinnen: In Marburg lernen Mädchen, die am Leben zu scheitern drohen, im Umgang mit Pferden neues Selbstvertrauen. Weil sie die Tiere pflegen, heißt es früh aufstehen und Verantwortung zeigen - dann klappt es auch wieder mit der Schule.

dapd

Die meisten der 16 Mädchen aus den Wohngruppen des Marburger St. Elisabeth-Vereins saßen schon monatelang nicht mehr in einem Klassenraum und galten zuletzt als kaum "beschulbar", wie es im Behördendeutsch heißt. Jetzt sind sie auf dem besten Weg zu ihrem Schulabschluss. Ihre wichtigsten Helfer sind Pferde.

Beim Reitunterricht kuschelt sich Jacqueline, 14, eng an die braune Warmblutstute Lucy. Schon morgens hat ihr Tag mit Striegeln, Ausmisten und Hufe auskratzen begonnen. Jetzt übt sie Traben. Sie zog im Sommer nach Marburg, um die Angst vor der Schule zu verlieren. Das hat bereits geklappt. In der neuen Umgebung im Stadtteil Hermershausen hat Jacqueline schnell Freunde gefunden. Sogar gute Noten bringt sie nach Hause in die Wohngruppe.

Von der Zeit davor erzählt sie nur ungern. Sie hatte Stress in der Schule und wurde gemobbt. Mindestens ein halbes Jahr lang hat sie die Schule geschwänzt: "Ich bin einfach zu Hause geblieben", sagt Jacqueline. Ihre Eltern seien sowieso nie da gewesen.

Mathe mal ganz praktisch: Wie viel kostet ein Hasenstall?

Die Mädchen kommen aus schwierigen Elternhäusern. Die meisten sind von Gewalt und sexuellem Missbrauch traumatisiert. Manche konnten irgendwann nicht mehr über den Schulhof gehen. Manche blieben aus Angst um Mutter oder Geschwister daheim. Einige waren depressiv oder störten fast nur noch im Unterricht. Häufig waren sie vorher in der Psychiatrie. Fast allen hatten die vielen Misserfolge das Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit genommen.

2006 startete der St. Elisabeth-Verein das Projekt "Mädchen-Pferde-Schule". Im Hermershäuschen, einem kleinen Fachwerkhaus am Marburger Stadtrand, richtete sich die erste Mädchenwohngruppe ein. Heute gibt es noch zwei weitere Gruppen in der Nähe. Betreut werden sie von einem Team von Frauen, die Tag und Nacht zur Stelle sind.

Die schulischen Strukturen wurden komplett verändert. Morgens stehen die Jugendlichen weniger für die Schule als für ihre Tiere auf. Die Pferde müssen gestriegelt, die Ziegen, Enten, Katzen, Hasen und Meerschweinchen gefüttert werden. Unterricht gibt es zunächst am Küchentisch. Dabei kümmert sich Förderschullehrerin Susanne Abel nicht um Lehrpläne. Die Mädchen lernen anhand von Dingen, die sie selbst interessieren. Wer einen Hasenstall bauen möchte, muss im Internet recherchieren und die Kosten für das Material errechnen. Wer sein Zimmer gestaltet, muss ausrechnen, wie viel Farbe man für die Wände braucht.

"Ich habe gelernt, wieder zu lernen"

Nachmittags gehen die Mädchen dann in eine "normale" Förderschule - die Julie-Spannagel-Schule im benachbarten Neuhöfe. Sie haben immer denselben Lehrer, arbeiten in Kleingruppen und kommen zunächst nur nachmittags, wenn die anderen Schüler fort sind. Angst vor den Blicken auf dem Schulhof müssen sie dann nicht haben.

Wenn sie ihre Schulphobie überwunden haben, wechseln sie in den regulären Vormittagsunterricht. Manche gehen später sogar aufs Gymnasium. "Wir geben ihnen einfach die Lernzeit, die sie brauchen", sagt Geschäftsbereichsleiterin Margret von Pritzelwitz.

Die Pferde stehen drei Kilometer entfernt auf einem Reiterhof in Hermershausen. "Das Reiten hat eine ganz besondere Faszination", erklärt Pritzelwitz: "Wenn sich so ein großes Pferd von einem Mädchen führen lässt, wenn es auf Schenkeldruck reagiert und auf Kommando die Hufe hebt, wächst das Selbstbewusstsein der Mädchen."

Ihre rot-braune Stute sei genauso zickig wie sie selbst, erzählt Rebecca, 16: "Wenn ich sie anmotze, macht sie gar nichts mehr." Seit sie in der Mädchenwohngruppe lebt, hat sie praktisch keinen Ärger mehr mit Lehrern - zuvor war das ein Dauerthema. "Ich habe gelernt, wieder zu lernen", so Rebecca. Seitdem findet sie sogar Mathe toll. Der Hauptschulabschluss ist in greifbarer Nähe. Der Realschulabschluss soll folgen. "Das ist richtig cool", sagt sie.

Von Gesa Coordes, dapd/ son



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puter73 05.11.2011
1. Leider keine Problemlösung..
Auf die geschilderte Art u. Weise den Mädchen eine strukturierte, disziplinierte Lebensweise beizubringen, sie damit auch zu regelmäßigem Schulbesuch und besseren Lernleistungen zu bringen ist eine gute, begrüßenswerte Sache, ist aber leider nur für einen sicher unter 5% liegenden Anteil der Schulschwänzer möglich. Damit wird das immer weiter zunehmende Problem der zehntausende zählenden kaputten Jugendlichen, an deren traurigem Schicksal in erster Linie die verantwortungslosen Eltern Schuld sind, in keiner Weise auch nur annähernd gelöst, leider. Ein erschreckend großer Anteil der pubertierenden jungen Menschen ist durch das Versagen ihrer Familien, der Schule (auch der Lehrer) der Gesellschaft nicht leistungswillig u. hat dadurch leider wenig Chancen ein selbst verantwortungsvolles Leben zu führen. PS: Einer der fragwürdigsten Sätze für unsere Kinder lautet: "Die Kinder sollen es mal besser haben". Wenn damit gemeint ist, die Kinder zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft durch Bildung u. eine moralisch Lebensführung zu erziehen, in Ordnung. Meist wird aber leider darunter verstanden: noch mehr Freizeit, hedonistische Lebensführung, kurzfristige Erfüllung aller Wünsche, hemmungslose, unbegrenzte Internet-Handynutzung usw.. Eltern müssen Vorbild sei! Daran hapert es millionenfach!
MoGas 05.11.2011
2. Wohlfühlartikel
Ist das so ein Wohlfühlartikel, bei dem man als Leser das Gefühl bekommt, es wird was getan. Und damit ist das Problem dann aus der Welt. Das das nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist, fällt dabei komplett unter den Tisch.
gruenewiese 05.11.2011
3. Hedonismus
Zitat von puter73Auf die geschilderte Art u. Weise den Mädchen eine strukturierte, disziplinierte Lebensweise beizubringen, sie damit auch zu regelmäßigem Schulbesuch und besseren Lernleistungen zu bringen ist eine gute, begrüßenswerte Sache, ist aber leider nur für einen sicher unter 5% liegenden Anteil der Schulschwänzer möglich. Damit wird das immer weiter zunehmende Problem der zehntausende zählenden kaputten Jugendlichen, an deren traurigem Schicksal in erster Linie die verantwortungslosen Eltern Schuld sind, in keiner Weise auch nur annähernd gelöst, leider. Ein erschreckend großer Anteil der pubertierenden jungen Menschen ist durch das Versagen ihrer Familien, der Schule (auch der Lehrer) der Gesellschaft nicht leistungswillig u. hat dadurch leider wenig Chancen ein selbst verantwortungsvolles Leben zu führen. PS: Einer der fragwürdigsten Sätze für unsere Kinder lautet: "Die Kinder sollen es mal besser haben". Wenn damit gemeint ist, die Kinder zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft durch Bildung u. eine moralisch Lebensführung zu erziehen, in Ordnung. Meist wird aber leider darunter verstanden: noch mehr Freizeit, hedonistische Lebensführung, kurzfristige Erfüllung aller Wünsche, hemmungslose, unbegrenzte Internet-Handynutzung usw.. Eltern müssen Vorbild sei! Daran hapert es millionenfach!
Das Problem ist weniger die kurzfristige Erfüllung aller Wünsche, sondern Missbrauch und Vernachlässigung (die schlimmere Folgen hat als Missbrauch). In den USA werden Kinder, die in den ersten 24 Monaten ihres Lebens 15 Monate in unsicheren Verhältnissen leben ihren Eltern entzogen und zur Adoption freigegeben. Das ist eine sinnvolle Lösung. Die Folgen von Vernachlässigung und Missbrauch sind katastrophal und wirken lebenslang. Kinder sind keine Versuchskaninchen ihrer Eltern, sondern haben ein Recht auf eine gesicherte und liebevolle Kindheit.
MADmanOne 05.11.2011
4. Richtig
Zitat von MoGasIst das so ein Wohlfühlartikel, bei dem man als Leser das Gefühl bekommt, es wird was getan. Und damit ist das Problem dann aus der Welt. Das das nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist, fällt dabei komplett unter den Tisch.
Da haben Sie schon recht. Nichtsdestotrotz brauchen wir Menschen solche "Wohlfühlartikel", weil man sonst das Gefühl bekommt alles ist schlecht und egal was man tut es bringt ja doch nichts. Das ist fatal, weil es zu Resignation führt und man so die großten Probleme erst recht nicht angeht. Auch wenn hier vielleicht nur ein kleines Problem gelöst wurde zeigt es einem doch das es Sinn macht sich zu bemühen und mal an einer Ecke anzufangen...die kleinen Erfolge helfen einem motiviert zu bleiben und damit dann auch die großen Probleme anzugehen. Die Nachrichten bestehen sonst nur aus schlechten Nachrichten, Problemen und Katastrophen. Schön, auch mal was positives zu lesen und zu hören, daß die Liste der Probleme wieder um eine Position kürzer geworden ist. Da ist mir völlig egal wie wichtig das Problem jetzt für die Menschheit war.
fpa, 05.11.2011
5. "Sinn" statt perspektivloser Miesmacherei
Zitat von puter73Auf die geschilderte Art u. Weise den Mädchen eine strukturierte, disziplinierte Lebensweise beizubringen, sie damit auch zu regelmäßigem Schulbesuch und besseren Lernleistungen zu bringen ist eine gute, begrüßenswerte Sache, ist aber leider nur für einen sicher unter 5% liegenden Anteil der Schulschwänzer möglich. Damit wird das immer weiter zunehmende Problem der zehntausende zählenden kaputten Jugendlichen, an deren traurigem Schicksal in erster Linie die verantwortungslosen Eltern Schuld sind, in keiner Weise auch nur annähernd gelöst, leider. Ein erschreckend großer Anteil der pubertierenden jungen Menschen ist durch das Versagen ihrer Familien, der Schule (auch der Lehrer) der Gesellschaft nicht leistungswillig u. hat dadurch leider wenig Chancen ein selbst verantwortungsvolles Leben zu führen. PS: Einer der fragwürdigsten Sätze für unsere Kinder lautet: "Die Kinder sollen es mal besser haben". Wenn damit gemeint ist, die Kinder zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft durch Bildung u. eine moralisch Lebensführung zu erziehen, in Ordnung. Meist wird aber leider darunter verstanden: noch mehr Freizeit, hedonistische Lebensführung, kurzfristige Erfüllung aller Wünsche, hemmungslose, unbegrenzte Internet-Handynutzung usw.. Eltern müssen Vorbild sei! Daran hapert es millionenfach!
Mädchen und Pferd, das erzähle ich hier bereits seit vielen Jahren, und zwar aus eigener Anschauung. Und nun wird das in der Betreuung schwieriger Mädchen auch mal eingesetzt - mit positivem Erfolg - und es wird darüber berichtet. Und die Reaktion? Pure Miesmacherei! Ach ne? 95% bleiben also immer noch allein. Natürlich schlimm! Aber wie lautet denn Ihre Alternative? "100% bleiben allein!" Meinen Sie ernsthaft, dass Sie durch Schuldzuweisungen an Eltern, Schule/Lehrer und Gesellschaft die Lebenshistorie dieser Kinder wieder zurückdrehen können? Oder gar, dass sie die Schule nicht mehr als "sinnlose Schikane" erleben? Außerdem, so einfach ist es mit den Ursachen solcher Entwicklungen auch nicht. Da spielt vieles zusammen. Schön dargestellt in "The Genetics Myth" (http://www.youtube.com/watch?v=36HquPzdxf4) - bitte auch den Schluss beachten: "Environment did not begin at birth. It begins as soon as you have an environment. As soon as you are a fetus, you are ..." Ich fürchte, Sie haben persönlich mit solchen Kindern noch nichts zu tun gehabt, beurteilen das eher allgemein und abstrakt, und nicht an Hand von echten Einzelschicksalen. Es fehlt der Kitt, die Verbindung zwischen ihren Beobachtungen. Dabei geht um das subjektive Erfahren von Sinn und Sicherheit. Über ersteres habe ich mich bzgl. Mädchen und Pferd im Forum bereits mehrfach ausgelassen, z.B. http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=6757773&highlight=Pferd#post6757773 Das ist richtig! Leider aber leichter gesagt als getan. Mindestens einer der Eltern hat ja im Prinzip die gleichen Probleme. Und die Entfremdung ist doch in den allermeisten Fällen nicht selbt gewählt, sondern auch ein Prozess der negativen Auslese durch Gesellschaft und Mitmenschen, die ja gerade dieses fast ausschließlich an Konsum und Geld orientierte geradezu einfordern. Und gerade deswegen, weil das von jenen "Unverantwortlichen" als "sinnlos" erachtet wird, geraten sie in die Falle, sprich Schuldenfalle. Eben weil sie zu Dingen und Geld wenig Bezug haben und damit verschwenderisch umgehen.
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