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06. Oktober 2006, 06:02 Uhr

Tschüss, alte Heimat

Raus aus Röppisch

Spätestens beim Abiball rührt sich bei vielen Jugendlichen der Fluchtinstinkt. Marc Röhlig, 20, verlässt gerade die Provinz und stürzt sich ins Studium. Leicht fällt ihm der Abschied nicht - von Heimatstadt und Freunden, der "Kalten Eiche" und der "Forellenkeller"-Disco.

In meinem Zimmer haben sich in den letzten Jahren viele Bilder gesammelt. Keine Fotos, die in Alben oder an Pinnwänden kleben. Es sind Fotos, die an gespannten Stricken überall im Raum hängen, Foto-Wäscheleinen. Darauf zu sehen sind meine Freunde, unsere Feiern und ungezählte Eindrücke aus meiner Heimat. Die Erinnerungen an diese Foto-Wäscheleinen sind ziemlich verblichen – als hätte sie jemand zu lange im Sonnenlicht hängen lassen. Ein seltsames Gefühl. Im vergangenen Jahr wurde ich zum Praktikums-Nomaden, zog von Großstadt zu Großstadt. Ich war oft fort. Und jetzt verlasse ich meine Heimat endgültig.

Ich wohne im Osten von Thüringen, in Gera. Genauer: in Röppisch. Noch genauer: im letzten Haus von Röppisch, direkt neben dem Ortsausgangsschild. Gera ist eine 100.000-Einwohner-Geisterstadt, Röppisch ist ihr südlichster Stadtteil. Und die Bezeichnung "Stadtteil" ist in diesem Fall nur eine Verniedlichung für "Dorf". Wenn ich in Ortsausgangsrichtung aus meinem Fenster schaue, dann wölben sich rechts saftige Weizenfelder und links stattliche Baumkronen gen Himmel.

Dazwischen flüchtet die Bundesstraße 92 ins Ungewisse. Hinter meinem Haus liegt noch unser Garten, mit Apfelbäumen, Teich und Holzterrasse. Dahinter, gleich nach dem Maschendrahtzaun, ankert ein stoischer Strommast, ein richtiges Metallungetüm. Wenn es abends ganz still ist, kann man den Strom leise knistern hören. Auf dem Dorf ist es oft still.

Wenn ich in die Innenstadt will, habe ich zwei Möglichkeiten: Ich warte an der Bundesstraße auf den Regionalbus. Samstags fährt der zweimal, um zehn Uhr und dann noch um halb zwei; oder ich laufe bis zur ersten und äußersten Straßenbahnhaltestelle von Gera. Zu Fuß dauert das eine halbe Stunde.

Plötzlich sieht alles viel schöner aus

Über die Jahre gerechnet kamen so mehrere Wochen zusammen, in denen ich nichts anderes gemacht habe, als die Straßenbahn zu erwischen. Der Weg zur Haltestelle geht durch Röppisch hindurch, vorbei an der kleinen steinernen Kirche und dem stillgelegten Konsum, dann die Tempo-30-Straße den Heeresberg hinauf. Von dort, von der Kuppe des Heeresberges, kann ich auf ganz Gera herabschauen.

Da ist zuerst die Plattenbausiedlung Lusan; zwei Dutzend kantige Betonhochhäuser, aufgereiht wie fahlgraue Zahnreihen. Dahinter schließt sich der Stadtkern an; ein Meer aus zinnoberrot bis rotbraunen Dächern, das Rathaus und die Nikolaikirche strecken ihre Türme dazwischen empor. Mittendrin schlängelt sich das Wasser der Weißen Elster blassblau durch die Stille. Und im Norden dann, ganz hinten im Blick, da kreuzt die Autobahn Geras Idyll; die drei Essen, unsere Heizkraftwerkschlote, wachen als stumme Monolithen über die Stadt.

Seltsam, was man so alles schön findet, wenn man es nicht mehr jeden Tag sieht. Aber mittlerweile sind sogar die Schornsteine ein Stück Heimat für mich. Wenn ich nach langer Abwesenheit über die Autobahn nach Hause komme, leuchten die Essen bereits aus der Ferne.

Gera hat gerade noch 100.000 Einwohner, zwei Einkaufszentren und ein Stadtmuseum. Es gibt eine Einkaufsstraße, die "Sorge" genannt wird, es gibt ein stillgelegtes Sommerbad, und Gera war die erste deutsche Großstadt, die vollständig vom Fernbahnnetz der Deutschen Bahn abgeschnitten wurde.

Flucht ist eine stille Pflicht

Meine Schulzeit ist zwei Jahre her. Damals wurden zwei von sechs bis dahin existierenden Gymnasien geschlossen, weil in Gera die Jugend schneller abwandert, als sie erwachsen wird. Die Gymnasiasten wurden auf die verbliebenen Schulen aufgeteilt. Ich hatte statt 40 plötzlich 140 Mitschüler in der Oberstufe. Schon beim Abiball wurde klar, das wir uns so schnell nicht wieder sehen werden: Flucht ist eine stille Pflicht für die jungen Geraer.

Die meisten meiner Jahrgangsstufe gingen zum Studium in die größeren Nachbarstädte, viele erprobten sich in einem Auslandsjahr oder gingen in die alten Bundesländer. Es ist nicht so, dass man im Osten keine Zukunft hat. Tatsächlich gibt es hier viele gute Universitäten. Und, ja, auch von Ausbildungsplätzen habe ich gehört. Aber ich will mehr erreichen. Und dazu ist die Wanderung in den Westen die einzige Lösung – erproben konnte ich das ja nun ein Jahr lang.

Ich habe auf meiner Praktikumstour viele wirklich große Städte gesehen. Und Großstadt war toll: Es gab U-Bahnen, die sich wie Raupen durch die Innenstadt fraßen. Jeder darf hier sein eigener Chef sein. Doch die Vertrautheit fehlt, die blieb in der Heimat. All die Erlebnisse und Geschehnisse, die mir daheim in Gera richtiggehend peinlich sind, wurden wichtiger. Es machte Spaß, sie neu zu entdecken.

Wie war das, als mein Vater den alten Trabi wieder flott gemacht hat? Oder als Hilly das erste Mal in Bundeswehrmontur vor uns stand? Oder als Nadine sich das Geburtsjahr aus dem Schülerausweis gekratzt hat, um sich für die Disco älter zu machen? Genau, die Samstagabende im "Forellenkeller", unserer lokalen Disco. Wir tanzten bis in die Morgenstunden und liefen danach kilometerlang an der Straßenbahnschiene nach Hause, bis uns die Nachtbahn einholte. Oder die "Kalte Eiche", der Baum unserer Stadt. Sie steht einsam und solide auf einem breiten Weidenhügel. Mit Freunden habe ich hier oft gefeiert, den 18. Geburtstag von Jens zum Beispiel. Er musste eigentlich zur Schule, aber wir haben ihn entführt und ihn hoch zur "Kalten Eiche" gekarrt. So eine "Kalte Eiche" hat wohl jeder Landstrich in Deutschland.

Zwischen Beschämung und Stolz

Sich zu erinnern ist nicht einfach, aber es kann wunderschön sein. Wenn mir gar nichts mehr einfällt über Gera, dann setze ich mich an den Computer und surfe meiner Vergangenheit nach, dann will ich mir die Heimat auf den Bildschirm holen. Auf der Internetseite der "Ostthüringischen Zeitung" gibt es die neuesten Fotostrecken im Netz: Die Kandidatinnen vom Schönheitswettbewerb "Miss Lusan" gehören dazu, die Bilderstrecke "120-Meter-Schlote Heizkraftwerk Süd gesprengt" sind auch dabei.

Auf einer anderen Webseite kann ich die Wegstrecke bis in die Heimat berechnen: 460 Kilometer sind es von Hamburg aus, 260 aus Berlin. In Stockholm ist man 1250 Kilometer von der Heimat entfernt und ihr gleichzeitig unheimlich nahe.

Im Oktober wird mein Studium in Freiburg beginnen. 575 Kilometer Heimatentfernung. Wenn ich dort unten bin, weit weg von Röppisch und Gera, dann will ich mich erst recht erinnern. Vielleicht muss ich erst die Geras aus 460 oder 1250 Kilometer Entfernung kennen lernen, um mein eigenes Gera schön zu finden. Vielleicht ist Heimat der Spagat zwischen Beschämung und Stolz.

In meiner Studentenbude werden sie dann wieder hängen, die Foto-Wäscheleinen. Die Bilder werden die alten sein. Doch die dazugehörigen Erinnerungen sollen, nein, müssen wieder frisch sein – als kämen sie direkt aus der Waschmaschine.

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