Türkei Lehrer darf nicht über Evolution sprechen

Ob der Mensch vom Affen abstammt, wollte ein Fünftklässler in Ankara von seinem Lehrer wissen. Der erklärte daraufhin die Evolutionstheorie - und handelte sich damit eine Verwarnung von der Schulbehörde ein. Die Lehrergewerkschaft will den Fall vor Gericht bringen.
Charles Darwin (als Wachsfigur): Im türkischen Unterricht hat seine Lehre keinen Platz

Charles Darwin (als Wachsfigur): Im türkischen Unterricht hat seine Lehre keinen Platz

Foto: JOSE MANUEL RIBEIRO/ REUTERS

Was nicht auf dem Lehrplan steht, darüber darf im Unterricht nicht gesprochen werden. Nach dieser Logik hat die türkische Schulbehörde nun einen Grundschullehrer in der Hauptstadt Ankara verwarnt. Er hatte den Schülern einer fünften Klasse die Evolutionstheorie von Charles Darwin erläutert. Daraufhin hatte sich die Mutter eines Jungen beschwert, was zu der Verwarnung führte.

Laut einem Bericht der englischsprachigen Tageszeitung "Hürriyet Daily News" fragte ein Schüler den Lehrer im Unterricht, ob es wahr sei, dass der Mensch vom Affen abstammt. Der Pädagoge, der seit 14 Jahren unterrichtet, beschrieb in seiner Antwort die evolutionäre Lehre des britischen Naturforschers Darwin.

Nachdem ein Schüler seinen Eltern von der Unterrichtsstunde erzählt hatte, zeigten die den Lehrer bei der Behörde an und kritisierten, dass er die Abstammung des Menschen auf die Evolutionslehre Darwins stützte. Zudem beklagten sie, er habe den Schülern aus der Bibel vorgelesen. Die Schulbehörde untersuchte den Fall, befragte mehrere Schüler und verwarnte schließlich den Grundschullehrer.

Schüler fragt, Lehrer antwortet - und wird verwarnt

Die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, Zübeyde Kilic, kündigte an, ihre Organisation werde vor einem Verwaltungsgericht gegen das Vorgehen der Behörde klagen. Der Lehrer habe nicht Darwins Theorie gelehrt, sondern nur auf eine Frage geantwortet, sagte Kilic der "Hürriyet Daily News". "Wir wollen Schüler, die alles hinterfragen, und gleichzeitig verwarnen wir Lehrer, nur weil sie die Grenzen des Curriculums überschreiten."

Für Gewerkschafterin Kilic ist das Vorgehen gegen den Lehrer ein Anzeichen für eine Islamisierung des türkischen Bildungswesens. Er zeige den "Konflikt zwischen jenen, die religiöse Grundsätze im Bildungswesen verankern wollen, und jenen, die sich auf die Wissenschaft verlassen", sagte Kilic. Sie glaubt, der Lehrer sei gemaßregelt worden, weil das Bildungsministerium die Evolutionslehre ablehne und der kreationistischen Schöpfungslehre anhänge.

Gegner der religiös-konservativen Regierung in Ankara werfen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder vor, er wolle aus der Türkei einen Gottesstaat machen - was Erdogan ebenso energisch bestreitet.

juf/AFP