Türkische Schulen "Wir erklären sogar den Dreisatz mit Atatürk"

In der Schule lernen Kinder lesen, rechnen, schreiben. In der Türkei lernen sie außerdem: Staatsgründer Atatürk bedingungslos zu lieben. Sie können seinen Lebenslauf auswendig und singen seine Kampflieder - als Schutz gegen den Islamismus, sagen Befürworter. Die Kritiker leiden unter der Indoktrination.
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Schüler in der Türkei: Und täglich grüßt der Atatürk

Foto: Markus Flohr

Sie haben sich nicht angekündigt. Sie kündigen sich nie an. Lehrer Azad Türkmen*, 43, schwarze Haare, blauer Pullunder, breites Lächeln, spricht mit Schülern der Firuzaga-Gesamtschule in Istanbul über türkisches Kino, als zwei Männer im Klassenzimmer stehen.

Sie tragen graue Anzüge und sprechen leise: Aus Ankara seien sie und hätten ein paar Fragen. Die Schüler sitzen starr auf den Bänken. Eben redeten sie noch über ihre Lieblingsfilme und -Schauspieler. Alle hatten etwas gesagt, es gab viel zu lachen. So ist das meist in den Stunden bei Azad Türkmen. Jetzt ist es so still im Klassenzimmer, dass man ein Schiff vom Bosporus tuten hört. Der Lehrer weiß: Wenn den Männern aus Ankara die Antworten der Schüler nicht gefallen, ist er seinen Job los.

Erste Frage: "Wie hieß Atatürks Großmutter?" Und: "Wie endete die Schlacht von Gallipoli? Wer möchte die ersten drei Zeilen des Freiheitsmarsches singen?" So geht es weiter.

Die Männer arbeiten für das Bildungsministerium; sie überwachen in den Schulen, ob die "Bildungsstandards" eingehalten werden. In der Türkei bedeutet das: Was wissen die Kinder über Mustafa Kemal Atatürk, den Gründer der Republik? Was über die Flagge, das Militär, die Nation?

Atatürk ist zu einer Obsession geworden

Man kann die Türkei mit einer Turnerin beim Spagat vergleichen: Ein Bein setzt sie schwungvoll in die Moderne, mit dem anderen hängt sie in der Vergangenheit fest. Wo der nächste Schritt landen soll, das weiß sie noch nicht genau.

Die Moderne, das sind: Unternehmer, die Filialen in Peking und New York eröffnen; die jungen Künstler aus Istanbuls Altbauten; die fortschrittlichen Universitäten des Landes. Die Vergangenheit - das ist der finstere Nationalismus, das Misstrauen gegenüber Fremden und die quasi-religiöse Verehrung des Staatsgründers Atatürk. Sein Leben und Wirken ist in der Türkei zur Staatsdoktrin geronnen: "Kemalismus".

Mehrmals im Jahr reisen die Bildungswächter aus Ankara von Schule zu Schule und prüfen, ob die Kinder und Jugendlichen Atatürks Botschaft auch ausreichend verinnerlicht haben. Sie sind unterwegs, um die weltliche, die kemalistische Türkei gegen den politischen Islam zu verteidigen, so sagen sie das. Mustafa Kemal Atatürk, Vater der Türken, Sohn eines Zöllners aus Thessaloniki, erster und ewiger Präsident der modernen Türkei, ist für seine Nachfolger zu einer Obsession geworden.

Das Verhör endete gut für Azad Türkmen. Seine Schüler haben den Kontrolleuren erzählt, wie viel sie von Atatürk wissen und wie sehr sie ihn alle lieben. Sie waren ein wenig zurückhaltend, weil sie sich lieber mit dem Lehrer weiter über Kino unterhalten hätten. Er wird seinen Job behalten. Aber die Männer in den Anzügen blieben nach der Stunde und fragten, ob ihm sein Beruf wirklich Spaß mache. Da musste er lachen.

Der Staatsgründer ist allgegenwärtig

Jetzt gießt Azad Türkmen sich im Lehrerzimmer einen warmen Cay ein. "Du denkst, an den Schulen sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, aber nein: Alles dreht sich nur um Atatürk." Im Geschichtsunterricht sei für die Antike kein Platz, für die Französische Revolution nicht, allenfalls für Hitler. Selbst in Fächern wie Mathematik und Biologie stehe Atatürk im Mittelpunkt: "Wir erklären sogar den Dreisatz am Beispiel Atatürks", sagt Türkmen sarkastisch. In Mathe komme Atatürk in jeder zweiten Sachaufgabe vor, etwa mit Anekdoten aus seinem Leben. Und gehe es um Größenordnungen, werde die Truppenstärke der türkischen Armee mit jener der Allierten im Ersten Weltkrieg verglichen.

In der Pausenhalle begrüßt die Schüler jeden Morgen ein Atatürk-Schrein, groß wie ein Fußballtor: in der Mitte ein Bild des jungen Atatürk, dazu der Text des Unabhängigkeitsmarsches (eine Hymne auf den Befreiungskrieg des jungen Generals gegen die westlichen Alliierten im Ersten Weltkrieg), kemalistische Sinnsprüche und eine türkische Fahne. Eine Wanduhr steht immer auf fünf nach neun - da starb Atatürk am 10. November 1938 in Istanbul.

In den Klassenzimmern sind Schautafeln aufgestellt: Atatürk als Kind, als Soldat, als Feldherr, als Staatsmann. "Ne mutlu Türküm diyene" steht drüber, "wie froh dürfen wir sein, uns Türken zu nennen".

Diese Schule ist nicht etwa eine Ausnahme - Atatürk ist 70 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig in der Türkei. Straßen sind nach ihm benannt, Stadien, Flughäfen. In jedem Büro hängt sein Porträt an der Wand, in vielen Restaurants, in Wohnzimmern, an wichtigen Gebäuden. Sein Gesicht prangt auf jedem Geldschein. Die Atatürk-Fanpage auf Facebook hat über eine Million Anhänger. Winston Churchill bringt es auf gerade 3500.

Alle berufen sich auf das türkische Idol

Ohne Atatürk lässt sich in der Türkei nichts machen, keine Schule und auch keine Politik: Alle Parteien berufen sich auf ihn, gerade die rechten - und das immer noch mächtige Militär. Die Türkei ist ein Land, mag es scheinen, von Atatürks Gnaden.

Allein die Regierungspartei schert aus. Seit 2002 an der Macht, bemüht sich die islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan um eine neue Politik. Zwar distanziert sich auch Erdogan nicht öffentlich vom Idol seiner Landsleute, aber ein neuer Kurs ist erkennbar: Als erster Regierungschef hat er die Macht der kemalistischen Generäle begrenzt. Gerade sie verstehen sich als Erben des Staatsgründers.

Auch an den Schulen ändert sich seitdem vieles, wenngleich nur langsam. Die AKP hat das Bildungsbudget aufgestockt, das Schulsystem dezentralisiert, die Lehrpläne im Sinne der EU reformiert. "Wir sind heute im Unterricht freier, als wir es noch vor fünf Jahren waren", sagt Azad Türkmen.

Die alte Staatselite - Professoren, Richter, Offiziere - werfen Erdogan vor, die Prinzipien des Kemalismus zu verraten. Schlimmer noch: das Land zu islamisieren. Das alte Establishment reklamiert dabei den Republikgründer gern politisch für sich. Nie wird die Opposition müde, vor der "geheimen islamistischen Agenda" der AKP zu warnen.

Schluckimpfung gegen islamischen Fundamentalismus?

"Ohne Atatürk hätten wir hier längst die Scharia", sagt auch Sila Hacilar. Die Direktorin der Firuzaga-Gesamtschule ist keine glühende Nationalistin. Aber sie sieht den Kemalismus als das kleinere Übel, als Schluckimpfung gegen den islamischen Fundamentalismus, der die Frauen wieder unter das Kopftuch zwinge und die Jungs in die Moschee.

Zu Unrecht, findet Harry Tzimitras, Politikprofessor an der liberalen Istanbuler Bilgi Universität: "Atatürk würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, welche Leute heute in seinem Namen sprechen." Tatsächlich sei nicht die Religion verantwortlich für fehlende Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei - sondern die alten nationalistischen Dogmen: die Glorifizierung Atatürks, die beherrschende Rolle des Militärs, überbordender Nationalstolz.

Seinen Anfang nimmt das alles in der türkischen Grundschule. Sie verpflichtet die Kinder auf einen politischen Personenkult, der ihnen Atatürk zu einem Vater neben ihrem eigenen Vater werden lässt.

"Es ist gefährlich, schon Kinder mit nationalistischer Propaganda zu vergiften", sagt Harry Tzimitras. Atatürk habe sich als Staatsmann um die Türkei verdient gemacht und sei ein Modernisierer gewesen, sogar ein Freiheitskämpfer. Aber er sei eben auch zum Diktator geworden, der den Türken eine neue Kultur und Erziehung verordnete, der Gegner verfolgen und hinrichten ließ. Davon freilich sei in türkischen Schulbüchern nichts zu lesen.

"Atatürk ist Gott"

Viele Lehrer sind die Indoktrination leid. Manche sagen es nur hinter vorgehaltener Hand, aber sie wünschen sich mehr Offenheit an den Schulen, mehr Pluralismus, eben "mehr Wissenschaft, weniger Atatürk", wie Azad Türkmen es sagt. Die alten Eliten im Ministerium und in den Behörden indes wehren sich gegen jede Reform. Sie fürchten um Macht und Privilegien. "Atatürk zu kritisieren, ist in der Türkei unvorstellbar", sagt der Lehrer. "Wir fragen die Kinder: 'Wer ist Atatürk?' Und sie sagen: 'Atatürk ist Gott'."

Die Glocke läutet das Wochenende ein. Die Schüler packen ihre Taschen, laufen raus auf den Schulhof, sie raufen sich und flirten ein wenig - "und was machst du morgen?" Aber erst stellen sie sich noch auf dem Hof in ordentlichen Reihen auf. Sie schauen auf zu einem gemauerten Podest, auf dem eine Fahne an einem Mast weht, daneben blickt sie eine Büste des großen Atatürk aus Gold getünchten Augen grimmig an.

Der zweite Schulleiter nimmt ein Mikro, geht vor der Büste auf und ab und wünscht allen ein gutes Wochenende. Dann stehen alle wie auf Kommando still: Rektor, Lehrer, Schüler. Ein Lautsprecher knarzt, ein feuriger Militärmarsch brummt über den Hof. Die Schüler posieren wie Soldaten, die Hände an die Oberschenkel gedrückt, den Blick auf die Büste. Und sie singen vom großen Volk der Türken, von seinem Führer Mustafa Kemal.

Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei - endlich Wochenende. Ein Fußball rollt aus Reihe zwei. Kindergeschrei brandet auf. Alle laufen vom Hof, ab nach Hause.

*Name von der Redaktion geändert

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