Türkische Töchter "He, Mädchen, lasst uns zur Schule gehen"

500.000 türkische Mädchen gehen nicht zur Schule. Kein Geld für Hefte und Stifte? Daran soll es nicht scheitern. Die Regierung bezahlt den Ärmsten nun das Schulmaterial - und stößt auf Widerstand bei religiösen Traditionalisten.


Imam Mehmet Sadik Altin klingelt in der türkischen Stadt Van an jeder Tür. Er hat ein dringendes persönliches Anliegen und einen Auftrag von der Regierung: Er möchte türkische Eltern überreden, ihre Töchter zur Schule zu schicken.

Achtfache Mutter Meryem Benek: Ohne Geld keine Schulchance
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Achtfache Mutter Meryem Benek: Ohne Geld keine Schulchance

Keine leichte Aufgabe für den Geistlichen, denn oft geben ihm Eltern an der Haustür die gleiche Antwort wie Meryem Benek, Mutter von fünf Mädchen und drei Jungen. Sie habe kein Geld, ihren Töchtern Hefte und Stifte zu kaufen, sagt sie. Deshalb schicke sie die Kleinen erst gar nicht zur Schule.

Doch Imam Altin erklärt der Mutter, dass die türkische Regierung von nun an armen Familien monatlich 39 Lire (25 Euro) für den Schulbesuch einer jeden Tochter zur Verfügung stellt. Meryem Benek wusste nichts von dieser Unterstützung. Und gelobt, die Töchter zur Schule zu schicken, sobald sie das Geld erhalte.

Türkische Schulhöfe - sie erinnern nicht selten an reine Jungeninternate. Etwa 500.000 Mädchen bleiben in der Türkei dem Unterricht fern, besonders in armen Landesteilen machen sich nur wenige auf den Weg zur Schule. So wird im Osten allmählich die Hälfte aller Mädchen zu Analphabetinnen, obwohl offiziell Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr besteht.

Viele glauben, der Islam verbiete die Schule

Die Dunkelziffer der Schwänzerinnen dürfte sogar noch höher liegen: Die Zahlen basieren nämlich allein auf der Differenz zwischen männlichen und weiblichen Schülern. Dabei wird aber nicht berücksichtigt, dass auch viele Jungen nicht zur Schule gehen.

Dagegen will die türkische Regierung nun angehen. In der Stadt Van im Osten der Türkei wurde im Jahre 2003 die Initiative "He, Mädchen, lasst uns zur Schule gehen" ins Leben gerufen, die sich mittlerweile zu einer landesweiten Kampagne gemausert hat. Dabei geht es den Behörden nicht nur um das persönliche Schicksal von jungen Frauen. Sie wissen, dass eine EU-Mitgliedschaft der Türkei viel näher rückt, wenn nicht nur die Jungen, sondern auch alle Mädchen täglich über Büchern brüten.

Schulhof (in Van): 20.000 Mädchen noch eingeschult
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Schulhof (in Van): 20.000 Mädchen noch eingeschult

Erste Erfolge lassen sich bereits vorzeigen: Allein in Van wurden in den letzten zwei Jahren rund 20.000 Mädchen nachträglich eingeschult. Landesweit waren es etwa 120.000 Schülerinnen.

Da vielen Eltern wirklich das Geld für Unterrichtsmaterialien fehlt, wurde mit Hilfe der Weltbank ein Programm zu ihrer finanziellen Unterstützung aufgelegt. Und hier werden Familien mit Töchtern ganz klar bevorzugt: Für ihren Schulbesuch gibt es monatlich 39 Lire, für Jungen dagegen nur 28 Lire. Doch noch scheint dieser Anreiz nicht auszureichen, um wirklich allen türkischen Mädchen eine Schulbildung zu garantieren.

Für die Kampagne wurden vor allem die örtlichen Imame eingespannt, die in der Türkei häufig Beamtenstatus haben. Die Geistlichen versuchen Eltern zu überzeugen, dass der Schulbesuch von Mädchen nicht dem Islam widerspricht, wie viele Muslime in ländlichen Gegenden glauben. Doch hierbei stoßen sie häufig auf den Widerstand der Traditionalisten.

"Diese Mädchen sind unsere Zukunft"

"Die Leute sagen, ein Mädchen kann hier zu Lande mit 16 Jahren heiraten, warum sollte sie da vorher noch lange zur Schule gehen", erläutert der Imam Zeki Tanriant die Einstellung unter armen Dorfbewohnern. "Und sie glauben, dass der Islam einen Schulbesuch von Mädchen verbiete." Tanriant hält dem entgegen, dass Allah dem Propheten Mohammed befohlen habe, die Menschheit zum Lesen zu erziehen. Dass dies nur für Jungen gelten solle, sei nirgendwo geschrieben.

Inoffizielle Religionsführer sehen dies anders und versuchen vielerorts, die Kampagne zur Schulbildung von Mädchen zu unterminieren. Dabei kommen ihnen auch politische Differenzen gelegen. In den überwiegend von Kurden bewohnten Gebieten im Osten der Türkei schicken viele Eltern ihre Kinder schon deshalb nicht zur Schule, weil sie einen Unterricht auf Türkisch ablehnen.

Flaggen in Istanbul: Behörden schielen auf EU-Verhandlungen
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Zudem herrscht an türkischen Schulen absolutes Kopftuchverbot für Schüler und Lehrkräfte, denn in der Schule sollen keine religiösen Präferenzen ausgelebt werden. Das Verbot ist allerdings immer wieder Thema hitziger Debatten.

Trotzdem will das Bildungsministerium bis zum Jahr 2007 dafür sorgen, dass wirklich alle türkischen Kinder eine Schule besuchen - denn wer die Geschlechter ungleich behandelt, hat es in EU-Beitrittsverhandlungen schwer. Fatma Özdemir Ülüc, türkische Bildungsreferentin bei der UNECSO, betont allerdings, dass es bei der Kampagne nicht um die EU, sondern um die Türkei selbst gehe: "Diese Mädchen sind unsere Zukunft."

Von Louis Meixler, AP

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