Streit ums Turbo-Abi Initiativen erhöhen Druck auf Kultusminister

Im Streit um das Turbo-Abi machen die Gegner Druck: In Berlin gaben Initiativen aus mehreren Bundesländern eine gemeinsame Erklärung ab. Die G8-Reform sei "absolut gescheitert". Wirtschaft und Politik wollen am achtjährigen Gymnasium festhalten.
G9-Kämpferin: Für Anja Nostadt ist das achtjährige Gymnasium gescheitert

G9-Kämpferin: Für Anja Nostadt ist das achtjährige Gymnasium gescheitert

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Sie heißen G-ib-8, G9-jetzt-HH, "Ja zur Wahlfreiheit" - doch so verschieden die Namen der Initiativen sind, so einheitlich ist ihr Ziel: Sie wollen erreichen, dass eine neunjährige Gymnasialzeit wieder der Standard in Deutschland wird. Das Turbo-Abi, die allgemeine Hochschulreife nach der 12. Klasse, die in den vergangenen zehn Jahren fast überall eingeführt wurde, soll verschwinden.

Am Donnerstag haben sich Initiativen aus mehreren Bundesländern zusammengetan, um gemeinsam gegen das achtjährige Gymnasium zu kämpfen. Bei einer Pressekonferenz in Berlin forderten sie von ihren Landesregierungen den "schnellstmöglichen Stopp von G8". Die Reform sei "absolut gescheitert", sagt Initiatorin Anja Nostadt. Es gebe "kein einziges pädagogisches Argument" für G8.

Nostadt engagiert sich in Nordrhein-Westfalen bei G-ib-8, der "Bürgerinitiative Familiengerechte Schule und Bildung". Die Gegner des Turbo-Abiturs betonen stets, dass sie breit aufgestellt sind: Zu den Unterstützern zählen laut Nostadt neben Lehrern auch Psychologen, Politiker und Ärzte aus beinahe allen westdeutschen Bundesländern. Sie verweisen auf den Stress, den die Kinder durch G8 haben, auf die fehlende Freizeit, die verlorene "wertvolle Bildungszeit".

"Verstaatlichung von Kindheit und Jugend"

Nostadt, von Beruf Psychotherapeutin, sagt, durch die verkürzte Schulzeit habe sie "komplett überlastete Kinder" als neue Klientel kennengelernt. Deren Geschichten hätten sie berührt und politisiert. Sie wehre sich "gegen die Verstaatlichung von Kindheit und Jugend". Wie die meisten, die gegen das Abitur nach zwölf Jahren kämpfen, hat auch Nostadt schulpflichtige Kinder, doch sie betont, ihr Engagement habe nichts damit zu tun, "dass wir helikoptermäßig über den Kindern kreisen".

Der Zeitpunkt für die Erklärung ist bewusst gewählt, stehen doch die Schulminister in mehreren Bundesländern beim Thema Turbo-Abi unter großem Druck. Während es in den ostdeutschen Bundesländern Tradition hat, wird es in vielen westdeutschen Bundesländern zurzeit in Frage gestellt:

  • In Bayern haben die Freien Wählerein Volksbegehren für die Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium initiiert,
  • in Hessen können Gymnasien bereits zwischen G8 und G9 wählen,
  • mit Niedersachsen will ein ganzes Bundesland die umstrittene Reform kippen, die zuständige Ministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) betont den Willen zum "Systemwechsel".
  • In Hamburg brachten eine Eltern eine Volksinitiative für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auf den Weg.
  • Und in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gibt es optionale G-9-Züge.

Trotz der heftigen Gegenwehr der Eltern ist eine Reform der Reform umstritten. Schulforscher betonen, dass es für die Lernqualität unerheblich sei, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert. So erzielten zuletzt ausgerechnet die ostdeutschen Bundesländer besonders gute Resultate in Leistungsvergleichen - dort ist das achtjährige Gymnasium etabliert, über zu viel Stress klagt kaum jemand.

Sylvia Löhrmann, nordrhein-westfälische Schulministerin und derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz, warnte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) : "Man kann nicht alle paar Jahre das ganze System auf den Kopf stellen." Als Beleg dafür, dass auch die Schulen nicht zurück wollen, gilt der Grünen-Politikerin die geringe Zahl der freiwilligen G9-Rückkehrer: 2010 hätten alle 630 Gymnasien das G9 wählen können, nur 13 Schulen hätten sich für diesen Schulversuch gemeldet.

Wirtschaftsvertreter warnen: "Nicht das Rad zurückdrehen"

Auch Rüdiger Käuser, Vorsitzender der westfälisch-lippischen Direktorenvereinigung, sagte in der FAZ: "Es wäre schlicht töricht, im laufenden Prozess wieder alles umzukehren." Schon jetzt sei die Schullandkarte in Deutschland unübersichtlich - eine Reformreform würde den "unsäglichen bildungspolitischen Flickenteppich" noch vergrößern, sagte Käuser.

In der Bevölkerung kommen diese Appelle nicht unbedingt an. So zeigten Umfragen, wie jüngst im Auftrag des Magazins "Stern", dass sich eine stabile Mehrheit der Befragten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren wünscht. Mit diesen Zahlen gerüstet fordert auch der Deutsche Philologenverbandes, Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, einen bundesweiten Kurswechsel: Der Elternwille lasse sich nicht stoppen, sagt Verbandschef Heinz-Peter Meidinger.

Engagierte Fürsprecher hat das Abitur nach acht Jahren derzeit fast nur noch bei Wirtschaftsverbänden. "Die Bundesländer dürfen nicht der Versuchung erliegen, das Rad zurückzudrehen", erklärt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Eine Schulzeit von acht Jahren könne stressfrei funktionieren, wenn sie richtig organisiert werde. Daran aber glauben die Elterninitiativen schon lange nicht mehr.


KOMMENTAR ZUM TURBOABITUR: IMMER DIESE G8-ELTERN!

Foto: Arne Dedert/ picture-alliance/ dpa

Überhastet wurde die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt - doch eine Rücknahme des Turbo-Abiturs wie jetzt in Niedersachsen macht alles nur noch schlimmer. Die Landkarte der Bildung in Deutschland wird mehr denn je zum Flickenteppich. mehr...

fln/dpa/AFP
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