Turbo-Abiturienten nach Klasse 12 Wir Versuchskaninchen

Tausende Abiturienten haben das verkürzte bayerische Gymnasium absolviert - der erste G-8-Jahrgang. Was aber hat die Reform gebracht? Womit hatten Lehrer und Jugendliche zu kämpfen? Auf SPIEGEL ONLINE berichten Schüler, die es wissen müssen: Sie haben beide Systeme kennengelernt.

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Von Christina Kufer


Vor einigen Wochen hat Diana Niederhöfer, 19, das Motiv des Abi-Shirts für ihren Jahrgang in die Druckerei gebracht. Ein großer Hasenkopf prangt in der Mitte, um den Hals ein Tuch gewickelt: eine Mischung aus Osterhase und Ninja. "Versuchskaninchen verlassen den Bau" steht drunter.

Versuchskaninchen, treffender könnte man die Schüler des ersten Jahrgangs des achtjährigen Gymnasiums, kurz G8, in Bayern wohl kaum beschreiben. Diana ist eines von 32.800 bayerischen Versuchskaninchen, die vor einigen Wochen das Abitur nach der 12. Klasse gemacht haben, nicht mehr nach der 13.

Doch Diana war nicht immer im G8, das Gymnasium hat die Schülerin aus Neubiberg im letzten G-9-Jahrgang begonnen. Am Ende der 7. Klasse standen allerdings Fünfen in Mathe und Latein auf dem Zeugnis. In Bayern bedeutet das: die Klasse wiederholen. Diana fiel vom G9 ins G8, sie kennt also beides.

Es gibt in Bayern mehrere Schüler wie sie. Sie sind Versuchskaninchen und alte Hasen zugleich. Einige wiederholten die 7. Klasse, haben das G9 also nur ein Jahr lang kennengelernt, andere blieben später sitzen. Wer also erfahren will, wie sie funktioniert, die umstrittene Schulreform, muss solche Schüler fragen. Sie können aus eigener Anschauung berichten, kennen Probleme und Vorteile.

Der Druck wurde größer

"Die Umstellung war schwierig", sagt Diana. In den Sommerferien nach dem Sitzenbleiben holte sie das nach, was ihr die G8er voraus hatten: Lateinvokabeln, Stochastik, Grammatik. "Den Vorteil, durch das Wiederholen den Stoff noch mal zu machen, hatte ich nicht."

Im G9, so empfand es Diana, wurde der Unterrichtsstoff ausführlicher behandelt. Der Druck sei im G8 dann größer gewesen, auch von den Lehrern, die ihr Pensum absolvieren mussten. "Das hat man besonders gegen Ende des Schuljahres gemerkt", sagt Diana. Unterrichtsmaterialien wie Filme seien im G8 weitgehend weggefallen. "Dafür war die Zeit zu knapp."

Auch Solveig Hammans hat die 7. Klasse zweimal gemacht. "Der Wechsel war anfangs hart, da die neue Klasse auch neue Bücher hatte", sagt die 19-jährige Münchnerin. Sofern die Bücher überhaupt da waren, denn anders als im G9 musste Solveig nun manchmal bis zu den Weihnachtsferien warten, bis das Lehrmaterial zum Unterricht kam.

Den beiden Mädchen wurde schnell klar, dass einiges anders war im G8. Schule im G9 war eingespielt, die Lehrer kannten den Stoff, die Bücher, das Prozedere. "Im G8 wurde viel ausprobiert", erzählt Diana.

Der Spaenle-Bonus: Aus "nicht bestanden" wird "bestanden"

Das Versuchskaninchen-Gefühl kannte auch Maxi Hoelzl: Er musste die 11. Klasse wiederholen und stieg direkt in die neue G-8-Oberstufe ein, die jetzt Qualifikationsphase heißt und in der es immer wieder Änderungen gab. So wurde die Notenvergabe nach dem ersten Halbjahr der Oberstufe wieder geändert: Wo mündliche Noten zuvor aufgerundet wurden, rechnete man jetzt mit der exakten Punktzahl weiter.

Und auch nachdem die Abiturprüfungen schon geschrieben waren, gab es noch eine Neuerung: Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ließ kurz vor Bekanntgabe der Noten die Hürden für das Bestehen der Abiturprüfungen senken. Unter den Schülern sprach man schnell vom "Spaenle-Bonus", von dem so mancher G8er profitierte - aus "nicht bestanden" wurde bei einigen "bestanden". Für Maxi brachten die nachträglichen Änderungen lediglich große Verwirrung. "Selbst die Lehrer wussten oft nicht richtig Bescheid", sagt der 20-Jährige.

"Ich kann nicht mehr"

Der häufige Nachmittagsunterricht war für ihn ebenfalls ungewohnt. Durch die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr mussten die G8er schon in der Unterstufe deutlich mehr Zeit in der Schule verbringen. "Ich hatte viel mehr Wochenstunden als meine Freunde aus dem G9", sagt Maxi. An zwei Tagen in der Woche saß er bis um 17 Uhr in der Schule. Dazu kamen Hausaufgaben und die Vorbereitung auf den nächsten Tag. Sein ehrenamtliches Engagement als Fußballtrainer einer Jugendmannschaft gab er auf: "Dafür reichte die Zeit nicht mehr."

Ihre Hobbys musste auch Diana einschränken. "Ich hatte Phasen, wo ich mir dachte, ich kann nicht mehr", erzählt sie. Manchmal saß die Abiturientin bis um 18 Uhr in der Schule.

Vor allem für Oberstufenschüler änderte sich einiges. Grund- und Leistungskurse wurden abgeschafft. Die Schüler müssen nun ein wissenschaftspropädeutisches Seminar (W-Seminar) und ein praxisorientiertes Seminar (P-Seminar) wählen. Das Vier-Fächer-Abitur wurde um ein weiteres Fach ergänzt, Mathe und Deutsch sind verpflichtender Teil der Prüfungen.

"Die Seminare und die früheren Leistungskurse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge", sagt Carlos Haselmaier. Wie Maxi musste auch der 21-Jährige aus Oberbayern die 11. Klasse wiederholen. Die Seminare fand Carlos lehrreich. Im P-Seminar hat er mit seinem Kurs ein Hausaufgabenheft erstellt und an der Schule vermarktet. Die angehenden Abiturienten mussten Sponsoren finden, Marketingkampagnen entwickeln und gemeinsam ein Projekt verwirklichen. "Das fand ich interessanter als pures Lernen im G9." Dennoch hält Carlos die Leistungskurse von früher für besser: "Dort werden Neigungen der einzelnen Schüler berücksichtigt, und man kann seine Abiturfächer selbst wählen."

Überzeugt hat die vier Abiturienten das achtjährige Gymnasium nicht. "Man könnte was daraus machen", sagt Diana, sie hat das G8 aber vor allem als anstrengend in Erinnerung. "Ich habe gelernt, stressresistent zu werden und mir meine Zeit gut einzuteilen", sagt sie. Nur ein Jahr wegzunehmen und den Stoff kompakter zu machen, bringe nichts. Denn von Lehrplanentschlackung haben die vier Abiturienten wenig gemerkt. Diana hatte den Eindruck, dass zwar Inhalte gestrichen, die dann aber als Grundwissen vorausgesetzt wurden. So entstanden bei ihrem Jahrgang oft große Lücken: Manch ein Mathelehrer bot zusätzliche Stunden an, um den fehlenden Stoff nachzuholen.

Solveig sieht es so: Es sei nun mal der erste Jahrgang gewesen, da müsse man ausprobieren, Fehler machen, verbessern. Versuchskaninchen eben. Dennoch gefällt ihr schon die Grundidee der Schulzeitverkürzung nicht: "Ich hatte das Gefühl, dass uns ein Jahr genommen wurde."

insgesamt 313 Beiträge
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Seite 1
yolanthe85 29.08.2011
1. .
Nun, dann können unsere Schüler eben nicht am Donnerstag(!) schon mit den Disco-Besuchen anfangen. Wer mit dem Druck nicht klar kommt sollte sich mal überlegen ob er überhaupt auf ein Gym gehört.
hauptkommissartauber 29.08.2011
2. Wieso Turbo? Wieso Versuchskaninchen?
Darf ich die Autoren erinnern, dass 12 Jahren in Sachsen und Thüringen nichts anderes kennen? Von einem "Turbo" zu sprechen, wenn jetzt von 13 auf 12 Jahre umgestellt wird, ist genauso vermessen wie die Bezeichnung "Versuchskaninchen". Die Abiturienten erproben kein neues Modell auf ihre Fähigkeit, sondern setzt nur das um, was Sachsen und Thüringer set Jahrzehnten praktizieren.
hauptkommissartauber 29.08.2011
3. Der Autor sollte nochmal die Kolumne von Bastian Sick lesen.
Der Plural von Hobby ist nicht "Hobbies", sondern Hobbys.
iman.kant 29.08.2011
4. ...
Was für ein Blödsinn! Auf der einen Seite bemängeln wir dass unsere Kinder mehr Psychopharmaka schlucken und auf der anderen Seite erhöht man den Druck um ein einziges Jahr zu sparen. Wissen braucht Zeit zur Entfaltung, was erreicht unsere Gesellschaft damit? Sind wir jetzt schon soweit dass man vielleicht auch noch einen Turobkindergarten dransetzt?
Annika Hansen, 29.08.2011
5. ...
In der DDR, in Sachsen und in Thüringen verließen/verlassen die Schüler nach 12 Jahren die Schule mit dem Abitur und es geht/ging auch. Die Schüler, Lehrer und Eltern sollen sich mal nicht so zickig anstellen. Im Osten hatten wir einen Witz: warum gehen im Westen die Kinder 13 Jahre Schule? Antwort: da ist noch ein Jahr Schauspielunterricht mit bei.
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