Übertritt aufs Gymnasium Der Elternwille ist nicht ungerecht

Gymnasium, Real- oder Hauptschule - hier entscheiden sich Lebenswege. Sollen Eltern oder Lehrer über die Schulform bestimmen? Berliner Forscher kamen jetzt zu einem überraschenden Ergebnis.
Grundschulkinder in Hamburg (Archiv): Wenn Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule mitreden, verschärft das die soziale Ungleichheit nicht

Grundschulkinder in Hamburg (Archiv): Wenn Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule mitreden, verschärft das die soziale Ungleichheit nicht

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

"Mein Kind soll aufs Gymnasium" - mit dieser Forderung konfrontieren viele bildungsbewusste Eltern am Ende der Grundschulzeit die Lehrer. Dürfen Väter und Mütter selbst über die Wahl der weiterführenden Schule entscheiden, verschärft das die soziale Ungleichheit im Bildungssystem jedoch nicht: Der Anteil der Gymnasiasten aus bildungsnahen Familien steigt in diesem Fall nicht an.

"Dieses Ergebnis hat uns überrascht", sagt Stefanie Jähnen vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), die zusammen mit ihrem Kollegen Marcel Helbig am Dienstag eine Studie  zum Übergang in die weiterführenden Schulen vorstellte. Die Bildungsforscher hatten für ihre Untersuchung 13 Reformen der Übergangsempfehlung untersucht, die es zwischen 1949 und 2009 in verschiedenen Bundesländern gegeben hatte.

Neun Mal war dabei der Elternwille freigegeben worden, in vier Ländern bekamen die Grundschullehrer die Aufgabe, die Schulform für die Kinder zu bestimmen. "In Bundesländern, die die verbindliche Grundschulempfehlung durch die Lehrer abgeschafft haben, wechselten wider Erwarten nicht mehr Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern auf das Gymnasium", so die Forscher, "bisher hatte man angenommen, dass durch die Freigabe des Elternwillens Kinder aus höheren sozialen Schichten beim Zugang zum Gymnasium einen Vorteil haben."

"Keine einheitliche Wirkung"

Einzelne Bundesländer haben die Empfehlungen im Laufe der Jahre gleich mehrfach geändert - etwa das Saarland, wo der Elternwille 1988 zunächst freigegeben, 2000 dann beschränkt und 2009 wieder freigegeben wurde. Auch NRW hat drei Wechsel hinter sich. "Das erlaubt spannende Einblicke in die Funktionsweise von Schulpolitik einzelner Länder", sagt Stefanie Jähnen.

Eindeutige Empfehlungen für Bildungspolitiker lassen sich aus den Ergebnissen jedoch nicht ableiten - weder für noch gegen eine generelle Freigabe der Schulwahlentscheidung. "Die Ergebnisse zeigen, dass die schulrechtlichen Reformen über die Zeit und Länder hinweg keine einheitliche Wirkung haben", schreiben die Forscher. Für Stefanie Jähnen ergibt sich daraus eine naheliegende Schlussfolgerung: "Es gibt für die Bundesländer möglicherweise wichtigere Baustellen als die Verbindlichkeit der Übergangsempfehlung", sagt die WZB-Forscherin.

Aktuell überlassen zehn Bundesländer die Wahl der weiterführenden Schulform allein den Eltern. In sechs Ländern bestimmen die Grundschullehrer die höhere Schulform. Dass die Freigabe des Elternwillens nicht zu mehr sozialer Ungleichheit führt, widerspricht bisherigen Erkenntnissen. Doch die aktuellen Befunde der WZB-Forscher werden durch eine weitere Studie  bestätigt, die von Mannheimer Soziologen durchgeführt wurde.

Immerhin - einen eindeutigen Effekt konnten die WZB-Forscher doch ausmachen: Wurde die verbindliche Empfehlung abgeschafft, ging im entsprechenden Bundesland in aller Regel im Folgejahr der Anteil der Gymnasiasten nach oben. Dagegen sank die Gymnasialquote, wenn die Grundschullehrer über die weitere Schullaufbahn entscheiden durften. Und das entsprach genau den Erwartungen der Bildungsforscher.

Foto: Stefanie Jähnen/ Marcel Helbig/ WZB
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