Umgangsformen von Schülern Ihr könnt mir gar nichts

Sie pöbeln, mobben und ignorieren jede Regel: Wie unsozial sind Deutschlands Schüler? Eine Benimmtrainerin beklagt die Verrohung der Jugend. Doch so richtig verzweifelt sie an - den Eltern. Denn selbst die "brutalsten kleinen Schweine" kämen ohne Strafe davon.

Das Schöne an Facebook ist ja: Man kann es kinderleicht bedienen. Das müssen sich auch drei Elfjährige gedacht haben, als sie im Sommer 2011 einen pfiffigen Plan ersannen, um es ihrem Mathelehrer heimzuzahlen. Der Mann, nennen wir ihn Herrn Schmidt, hatte seine Schüler zuletzt mit harter Hand und noch härteren Klausuren genervt. Es war an der Zeit, ihn in die Schranken zu weisen.

Die drei Elfjährigen hatten nicht nur die Lust dazu, sie hatten auch die Möglichkeiten: Sie besuchten ein Gymnasium für Hochbegabte in Berlin.

Eines Morgens kam Herr Schmidt an die Schule und stellte fest, dass hinter ihm getuschelt wurde. Dann wurde er ins Büro der Direktorin zitiert. Dort erfuhr Herr Schmidt, dass er neuerdings ein eigenes Facebook-Profil besaß, prall gefüllt mit Videoclips von kopulierenden Menschen. Es dauerte eine Weile, bis Herr Schmidt glaubhaft versichern konnte, dass weder das Profil noch die Pornos von ihm stammten. Schulintern begann daraufhin eine Ermittlung, an deren Ende einer der drei elfjährigen Musterschüler einknickte.

Weil er die anderen verpfiff und sich bei Herrn Schmidt entschuldigte, war er fortan der Klassenidiot. Die beiden Mitverschwörer zuckten indes nur mit den Schultern - so, wie es ihnen ihre Eltern vorgemacht hatten. Eine Hochbegabten-Mutter lehnte es ausdrücklich ab, ihren Sohn zu einer Entschuldigung zu drängen. Die Sache sei doch witzig, erklärte sie in einem Krisengespräch, sie fände es phantastisch, was ihr Sprössling mit seinen elf Jahren schon alles könne.

"Wirst du jetzt komisch? Oder die anderen?"

Das war der Moment, in dem Miriam Hanke, die dabeisaß, ahnte, dass sie womöglich auf verlorenem Posten steht. Drei Jahre zuvor hatte Miriam Hanke einen "persönlichen Feldzug" begonnen. Es war ihr zunächst ein bisschen peinlich. Egal, wohin sie ging, immer hatte die Kulturmanagerin das Gefühl, verfolgt zu werden: von U-Bahn-Fahrern, die ihr fröhlich Bier auf den Mantel kippten, von Döneressern im Kino, die ihr den Knoblauchatem in den Nacken hauchten, von rempelnden, drängelnden, hetzenden Menschen. "Wirst du jetzt komisch? Oder die anderen?", fragte sich Hanke, entschied sich nach punktueller Feldforschung für Letzteres und bastelte sich einen neuen Job: Umgangstrainerin.

Das Geld für ein entsprechendes Projekt hatte sie schnell beisammen. Im Berliner Senat, bei der Europäischen Union und vor allem in der freien Wirtschaft fand sie Verbündete. Gerade Unternehmer, so Hanke, hielten die nachwachsende Azubi-Generation mittlerweile für verroht, verkorkst und /oder verblödet. "Was ich versucht habe zu vermitteln, war so eine Art Knigge für Jugendliche."

Ihre Rundreise in Sachen Anstand führte sie zunächst in eine Hauptschule nach Charlottenburg. Dort wurde sie von einer verängstigten Lehrerin begrüßt. Gemeinsam betrat man eine Klasse mit dreißig Schülern, die in den Unterricht tröpfelten, "als sei Schule so etwas wie ein Gleitzeitmodell". Die meisten telefonierten am Handy, man beschimpfte sich aufs Herzlichste, vermüllte den Klassenraum und ignorierte gewissenhaft die Lehrkraft. "Ich habe keine Ahnung, wie man das länger als drei Tage aushält", sagt Hanke.

"Respekt" ist für viele nur ein Wort aus dem HipHop

Die haben andere auch nicht. Weshalb inzwischen bundesweit Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Seit etwa zehn Jahren haben Schulen Anstand und Umgangsformen notgedrungen für sich entdeckt. Weil "Respekt" im Zweifelsfall nur eine Worthülse aus dem HipHop ist, bilden die Schulen eigene Lehrkräfte zu Benimmpaukern aus oder engagieren für teures Geld externe Berater.

Der Bedarf ist offenbar groß. Der Zustand, in dem sie ihre Siebzehn- und Achtzehnjährigen antreffe, sei erschütternd, sagt etwa die Darmstädter Berufsschullehrerin Simone Kurz (Name geändert).

"Die wissen nicht, wie man sich in Gesprächen verhält. Die wissen nicht, wie man jemanden ausreden lässt. Die wissen nicht, dass man in Bewerbungsgesprächen den Kaugummi aus dem Mund nimmt. Die wissen nicht, dass man dabei seine Jacke und seine Mütze ablegt. Und wenn man es ihnen sagt, machen sie es trotzdem nicht, weil das wahnsinnig uncool ist." Ihre Schüler, sagt Simone Kurz, beachteten die Regeln vor allem deshalb nicht, "weil sie die Regeln schlicht nicht kennen".

Nach ihren ernüchternden Erfahrungen in der Hauptschule setzte Miriam Hanke ihre Hoffnungen auf die nächste Station ihrer Reise: ein Gymnasium mit erfreulichem Ruf. Auch dort wurde sie schnell eines Schlechteren belehrt. "Auch auf dem Gymnasium fehlt den Schülern jedes Verständnis dafür, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind." Als Lebensziel hätten die meisten angegeben, reich werden zu wollen. Um jeden Preis.

Meins gibt's, deins nicht

Im gutsituierten Berliner Bezirk Zehlendorf war es gang und gäbe, dass die schwächeren Schüler massiv drangsaliert wurden. "Die wurden zum Teil zu Sklaven gemacht, indem man sie losgeschickt hat, damit sie mit ihrem eigenen Geld Brötchen für die Stärkeren kaufen." Was immer die Drangsalierer von den Drangsalierten wollten: Sie nahmen es sich einfach. "Meins gibt's, deins nicht", sagt Hanke. Irgendwo auf der schulischen Laufbahn, glaubt sie, muss die Fähigkeit zum Mitgefühl verlorengegangen sein.

An einem weiteren Gymnasium ereignete sich Ende 2009 ein Zwischenfall. Dort arbeitete eine Lehrerin, die Boykotteure ihres Unterrichts am Ende der Schulstunde zu sich rief, um sie mit eindringlichen Worten zur Räson zu bringen. An einem Freitagmittag nahm sie sich wieder mal einen ihrer hartnäckigsten Fälle vor. Dem Jungen war an dem Tag aber offenbar nicht nach einer Standpauke, also schnappte er sich den Schlüsselbund der Lehrerin, stürmte aus dem Klassenzimmer, schloss die Pädagogin von außen ein und entsorgte die Schlüssel in einer Mülltonne.

Der Rektor zitierte die Eltern anschließend zu sich. Diese jedoch drehten den Spieß einfach um: Die Lehrerin sei selber schuld, sie möge doch, bitteschön, aufhören, ihren Sohn ständig zu sich zu rufen. Der Junge werde sich auch nicht entschuldigen, sollte ihm irgendjemand Schwierigkeiten bereiten, werde man einen Anwalt einschalten. Gegebenenfalls werde man dann auch die Kosten für einen Psychologen einfordern, den man notgedrungen zurate gezogen habe, weil der Junge massiv unter seiner Lehrerin gelitten habe. Die Sache wurde nicht weiterverfolgt.

Die Eltern. Miriam Hanke weiß ein Lied von Müttern und Vätern zu singen, denen im Kampf um ihre Kinder jedes Mittel recht zu sein scheint. Mehr als einmal musste sie sich die Frage anhören, ob sie der katholischen Kirche oder einer anderen obskuren Sekte angehöre, nur weil sie darauf beharrte, dass, wer Mist gebaut hat, auch dafür geradezustehen habe.

Immer wieder sei sie bei Schülereltern auf verblüfftes Unverständnis gestoßen: Wie weltfremd sie eigentlich sei, wie blauäugig, sie sehe doch, was da draußen Tag für Tag los sei, da müsse man es den Kindern doch nicht noch schwerer machen. Selbst die "brutalsten kleinen Schweine" hätten keinerlei Sanktionen von ihren Eltern zu befürchten gehabt: Sie konnten doch nichts dafür, sie haben es doch nicht so gemeint, sie wurden doch mit Sicherheit provoziert, sie leiden doch selbst am meisten.

Mit den Kindern, sagt Miriam Hanke, sei sie im Zweifelsfall noch fertig geworden. Mit den Eltern wurde sie es nicht. Nach drei Jahren gab sie auf.

Dieser Text ist die gekürzte Version eines Kapitels aus dem Buch des SPIEGEL-Redakteurs Jörg Schindler "Die Rüpel-Republik - Warum sind wir so unsozial?", das jetzt als Taschenbuch erschienen ist (bei Amazon  erhältlich).

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