Unchristliche Entlassung Katholische Lehrerin unterrichtete zu viel - gefeuert

Sie war beliebt, verdiente wenig und sprang bei Engpässen ein: Religionslehrerin Angelika Lüning wurde nach 30 Jahren von der katholischen Kirche gefeuert, weil sie auch andere Fächer unterrichtete - darunter evangelische Religion. Eltern und Kollegen sind in Rage.

Von Bruno Schrep


Sie diskutierte mit ihren Schülern über die Folgen der Französischen Revolution und über die Entstehung des Nationalsozialismus, erklärte ihnen die Unterschiede zwischen einer Aktiengesellschaft und einer GmbH, brachte ihnen bei, wie man eine Bohrmaschine benutzt.

Über 30 Jahre lang unterrichtete Angelika Lünig, 52, an der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule in Braunschweig. Jetzt wurde sie fristlos entlassen.

Ihr wird zur Last gelegt, jahrelang gegen ihren Arbeitsvertrag verstoßen zu haben - ein Vorwurf, den die Lehrerin nicht bestreiten kann und nicht bestreiten will. Kurios dabei: Ihr Ungehorsam nutzte der Schule und den Schülern. Und ihre Entlassung schadet dem Ruf ihres Arbeitgebers gewaltig.

Demo in Hildesheim: "Scheinheilig" nennen Eltern und Lehrer die Kirche
DPA

Demo in Hildesheim: "Scheinheilig" nennen Eltern und Lehrer die Kirche

Die Lehrerin ist seit 1976 bei der katholischen Kirche angestellt. Im Auftrag des Bistums Hildesheim sollte sie katholischen Religionsunterricht erteilen. Weil sie auch andere Fächer unterrichtete, insbesondere evangelische Religion, begründete das Bistum ihren Rausschmiss mit Pflichtverletzung und Vertrauensbruch.

Die Entscheidung ist nicht gut angekommen. Christen und Nichtchristen empfinden die Ausbootung der beliebten Lehrerin ohne vorherige Anhörung oder Abmahnung als unbarmherzig und viel zu hart. Bei einer Demonstration vor dem Hildesheimer Dom protestierten Mitte Mai rund 100 Lehrer und Elternvertreter gegen die "christlose Kündigung", auf einem Transparent wurde der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle als "Bischof Gnadenlos" geschmäht.

Rausschmiss als Warnung für andere Lehrer?

"Hat Frau Lünig heidnische Bräuche zelebriert oder den Papst verunglimpft?", heißt es in einem Schreiben des Elternbeirats. Die Lehrerin selbst, die seit Anfang Februar wieder ausschließlich katholische Religion unterrichtete, will die Entscheidung nicht hinnehmen: "Ich werde mit Leuten auf eine Stufe gestellt, die silberne Löffel geklaut haben."

Katholikin Lünig hat zwar nicht studiert, lernte ursprünglich Goldschmiedin. Nebenbei paukte sie jedoch theologisches Wissen in kirchlichen Abendkursen und schaffte einen Abschluss, der dazu berechtigt, Schulkinder zu unterrichten. Die kirchliche Lehrlaubnis, die "Missio canonica", gilt jedoch ausschließlich für das Fach katholische Religion.

Lehrerin Lünig war jedoch offenbar nicht die Einzige, die sich nicht an diese Vorgabe hielt. Womöglich deshalb wollte die Kirche in ihrem Fall ein Exempel statuieren. Ihr Rausschmiss sollte warnendes Beispiel für alle von der Kirche ausgebildeten und finanzierten Religionslehrer sein.

Rund 140 sogenannte Katecheten sind allein beim Bistum Hildesheim angestellt, in Deutschland insgesamt sind es mehrere Tausend. Als Aushilfen, Vertreter und Lückenbüßer sind sie hochbegehrt.

"Anderweitiger Einsatz ist an Niedersachsens Schulen gang und gäbe", schimpft etwa Inge Schnabel, bis vor kurzem Religionslehrerin in Bad Nenndorf. Ihr Vorwurf: "Beim Thema Religionsunterricht wird geschludert und getäuscht." Schulleiter, aber auch Kollegen, übten oft Druck auf Religionslehrer aus, auch andere Fächer zu unterrichten.

"Machen Sie mal" - bequeme Lösung für die Schule

Lehrermangel, ausgefallene Unterrichtsstunden und unzufriedene Eltern veranlassten auch den früheren Gesamtschulrektor Karl-Heinz Adamski, Religionslehrerin Lünig Mitte der neunziger Jahre zum Vertragsbruch anzustiften. "Können Sie nicht auch Gesellschaftslehre unterrichten?", fragte er. "Und eine Klasse übernehmen?" Antwort : "Eigentlich darf ich das nicht." "Machen Sie mal."

"Ich wusste zwar, dass dies nicht korrekt ist", erinnert sich der seit 2001 pensionierte Pädagoge. "Aber ich dachte, da kräht kein Hahn danach." Jetzt wird laut Georg Weßling, Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums, geprüft, ob das Land gegen den Pensionär nachträglich ein Disziplinarverfahren einleitet.

Auch Adamskis Nachfolger beließen es bei der für die Schule bequemen Lösung. Angelika Lünig, die weder Geschichte noch Politik oder das ebenfalls in Gesellschaftslehre integrierte Fach Geographie studiert hatte, brachte Schülern der Klassen fünf bis zehn das harte Leben im Mittelalter nahe, erklärte, warum Wüsten entstehen, vermittelte als gelernte Handwerkerin im Fach Wirtschaft und Technik auch praktisches Wissen.

Vor allem aber: Die Katholikin erteilte bei Engpässen auch evangelischen Religionsunterricht, unterstrich dabei das Gemeinsame und nicht das Trennende beider Konfessionen. Besuchte mit katholischen Schülern auch evangelische Gottesdienste - und umgekehrt. Organisierte und leitete Klassenfahrten, darunter auch Freizeiten in einem Kloster.

Erst als ein Kontrolleur der Landesschulbehörde Anfang des Jahres bei einer Prüfung von Stundenplänen Alarm schlug, flog die stillschweigend geübte Praxis auf. "Vorher haben wir nichts davon gewusst", versichert Michael Lukas, Sprecher des Bistums Hildesheim.

"Wo ist eigentlich Schaden entstanden?"

Die fristlose Kündigung erfolgte, obwohl Schüler, Eltern und auch die Kollegen die katholische Seiteneinsteigerin überaus schätzten; auch gab es nie Beanstandungen. Ex-Rektor Adamski: "Alle hatten großes Vertrauen in ihre pädagogischen Fähigkeiten."

Hinzu kam: Lehrerin Lünig war eine billige Arbeitskraft. Mit rund 1400 Euro netto verdiente sie weit weniger als ihre Beamtenkollegen. Ihr Gehalt überwies das Bistum Hildesheim, das Land Niedersachsen gab die Personalkosten an die Kirche zurück.

"Wo ist eigentlich Schaden entstanden?", fragt deshalb Franz Rollinger, derzeit kommissarischer Leiter der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule. "Der Schaden liegt im Bruch des Arbeitsvertrages", antwortet Bistumssprecher Lukas. "Das kann sich kein Arbeitgeber bieten lassen."

Klar ist jedoch: In Hildesheim, wo nicht mit den heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit gerechnet wurde, der Fall eigentlich klammheimlich abgewickelt werden sollte, haben die Verantwortlichen ihre rigorose Entscheidung längst bitter bereut. Der Imageschaden ist immens.

Vor einem Schlichtungsgespräch zwischen Kirchenleitung und Lehrerin Ende Mai hat Bischof Trelle deshalb eine "menschlich akzeptable Lösung" angekündigt. Wie die aussehen soll, ist jedoch offen.

"Ziel ist die Weiterbeschäftigung", sagt Christof Knauer, der Hildesheimer Anwalt der Lehrerin. Sollte die Kirche auf der Kündigung bestehen, will der Anwalt vor dem Arbeitsgericht Braunschweig klagen.



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