Unicef-Bericht 40 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden sind arm

Jedes zwölfte Kind in Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze. Ein Unicef-Report zeigt: Am stärksten betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, mehr als jedes dritte gilt als arm. Die finanziellen Schwierigkeiten haben oft lebenslange Folgen.
Essensausgabe bei einer Tafel: Wer arm ist, leidet nicht nur an Geldmangel

Essensausgabe bei einer Tafel: Wer arm ist, leidet nicht nur an Geldmangel

Foto: Stefan Sauer/ dpa

Sie schneiden in der Schule schlechter ab, sie leben ungesünder, sie schauen mehr Fernsehen: Kinder, die in Deutschland unter die Armutsgrenze fallen, haben mit weitaus mehr Problemen zu kämpfen als Gleichaltrige, denen es finanziell besser geht. Das zeigt der neue Unicef-Report "Reiche, kluge, glückliche Kinder?" zur Lage der Kinder in Deutschland.

Demnach lebten in Deutschland zwischen 2000 und 2010 rund 8,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen jahrelang in Armut. Auf die heutige Situation bezogen wären demnach insgesamt rund 1,1 Millionen Heranwachsende einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend relativer Armut ausgesetzt. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden: 40 Prozent der Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen, leben unterhalb der Armutsgrenze, sagte am Donnerstag der Geschäftsführer des deutschen Uno-Kinderhilfswerks Unicef.

Die Ursache liegt jedoch nicht in der Familienform, sondern in den sozialen und ökonomischen Problemen vieler alleinerziehender Eltern. Familien mit nur einem Elternteil gelten als arm, wenn das monatliche Einkommen unter 1300 Euro liegt. Stark gefährdet sind dem Report zufolge auch Kinder arbeitsloser Eltern, Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder in problematischen und gewaltbelasteten Lebensverhältnissen.

Arme Kinder sind häufig unzufriedene Kinder

Die betroffenen Kinder würden weniger Sport treiben, mehr fernsehen und häufiger rauchen. Außerdem hätten sie bereits am Ende der vierten Klasse in Mathematik und Naturwissenschaften einen Leistungsrückstand von einem halben Lernjahr im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die nicht in Armut aufwüchsen.

Der Bericht zeigt auch: Diese Kinder sind im Durchschnitt sehr viel unzufriedener mit ihrem Leben als ihre Altersgenossen - und diese Unzufriedenheit hält oft ein Leben lang an. "Gelernte Hoffnungslosigkeit macht es schwer, Herausforderungen im weiteren Leben zu meistern", sagte Jürgen Heraeus, Chef von Unicef-Deutschland, bei der Vorstellung des Berichts.

Unicef fordert deshalb von der neuen Bundesregierung gezielte Hilfen für Alleinerziehende, um Kinderarmut zu bekämpfen. US-Studien zeigten demnach, gezielte Hilfen für Kinder in Armut führten dazu, dass sie als Erwachsene selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten. Dabei ginge es nicht nur um finanzielle Hilfen: Um benachteiligte Kinder früher und gezielter zu fördern, gehörten laut Unicef zum Beispiel die besten Schulen in die Problemviertel der Großstädte und nicht in bürgerliche Wohngegenden.

"Kein Jammern auf hohem Niveau"

Wenig sinnvoll ist aus Sicht von Unicef das Kindergeld, solange alle Eltern unabhängig von ihrem Einkommen gleich viel bekommen. "Das Kindergeld ist eine sehr ineffiziente Maßnahme, Kinderarmut zu bekämpfen", sagte der Berliner Soziologie-Professor Hans Bertram, der Mitglied des Deutschen Komitees für Unicef ist. Sinnvoller sei es etwa, das Kindergeld nach Bedürftigkeit unterschiedlich zu erhöhen sowie eine Grundsicherung für alle Kinder auszuzahlen.

Das Kindergeld wird in gleicher Höhe ausgezahlt, unabhängig vom Einkommen. Die Unions-Parteien wollen die Leistung erhöhen. Bei der SPD stößt eine pauschale Aufstockung aber auf Vorbehalte, die Sozialdemokraten wollen das Kindergeld nach Einkommen staffeln.

Verglichen mit anderen Ländern geht es den deutschen Kindern im Schnitt allerdings ziemlich gut: In einem Kindeswohl-Vergleich von 29 OECD-Staaten liegt die Bundesrepublik auf Platz sechs. Aber, so warnt Unicef-Chef Heraeus: "Durchschnittswerte bergen die Gefahr, dass gravierende Probleme eines Teils der Kinder nicht gesehen werden."

"In einem reichen Land arm zu sein, kann viel demütigender sein, als in einem armen", erklärt auch der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Ein Kind, das mitten im Winter in Sandalen auf dem Schulhof stehe, leide mehr unter den lachenden Mitschülern als unter der Kälte. "Auch wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind - das ist eben nicht Jammern auf hohem Niveau."

lgr/dpa/Reuters
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