Unicef über arme Kinder Deutschland landet nur im Mittelfeld

Gesundheitsvorsorge gut, Lebensbedingungen mäßig, Bildungschancen schlecht - so beschreibt Unicef die Situation armer Kinder in Deutschland. Ihr Risiko, in der Schule abgehängt zu werden, sei größer als in den meisten anderen Ländern, so eine neue Studie kurz vor der Pisa-Veröffentlichung.
Wenig Chancen: Der Bildungserfolg hängt stark vom Geldbeutel der Eltern ab

Wenig Chancen: Der Bildungserfolg hängt stark vom Geldbeutel der Eltern ab

Foto: Z1022 Patrick Pleul/ dpa

Unicef

Das Uno-Kinderhilfswerk hat unzureichende Hilfen für arme Kinder in mehreren Industrieländern angeprangert. Eine Reihe von reichen Staaten lasse ausgerechnet seine ärmsten Kinder im Stich, heißt es in einem Bericht des Unicef-Studienzentrums Innocenti, der am Freitag veröffentlicht wurde.

(OECD)

Die Studie vergleicht die Aktionen zur Verbesserung der Chancengleichheit für arme Kinder in 24 Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung . Vorbildlich sind demnach Dänemark, Finnland, die Niederlande und die Schweiz. Die Schlusslichter bilden Griechenland, Italien und die USA. Deutschland liegt insgesamt im Mittelfeld, schneidet aber im Bereich Schulbildung schlecht ab.

Verglichen werden in der Studie die materiellen Lebensbedingungen, etwa das Familieneinkommen und die Wohnsituation, die Schulbildung sowie der Gesundheitszustand der Kinder. Deutschland erreicht unter den 24 untersuchten Ländern insgesamt Platz neun, gefolgt von Österreich, Kanada und Frankreich.

Gute Noten erhält die Gesundheitsvorsorge armer Kinder - hier rangiert die Bundesrepublik auf Platz vier nach den Niederlanden, Norwegen und Portugal. Dabei berücksichtigten die Wissenschaftler, inwiefern sich die Kinder gesund ernähren, ob sie beispielsweise über Kopf- und Bauchschmerzen klagen und ob sie regelmäßig Sport treiben.

In der OECD hat jedes dritte Kind zu wenig Platz zum Leben

Im Ranking der Unicef liegt Deutschland bei den materiellen Lebensbedingungen mit Platz zehn im oberen Mittelfeld. Bewertet wurden unter anderem das Familieneinkommen einschließlich Sozialleistungen, der Wohnraum pro Person in einem Haushalt sowie die Lernbedingungen der Kinder zu Hause, etwa die Ausstattung mit einem Schreibtisch, einem Computer, Internet, Lexika, Büchern oder Rechengeräten. In der gesamten OECD habe etwa jedes dritte Kind nicht genügend Platz zur Verfügung, heißt es in der Studie.

Als unzureichend bewertet Unicef hingegen die Chancen von Kindern aus benachteiligten Familien im deutschen Schulsystem. Sie erzielen beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften deutlich schlechtere Ergebnisse als Kinder aus der Mittelschicht; die Unterschiede sind in Deutschland größer als in den meisten anderen Ländern der OECD. In der Unicef-Studie erreicht Deutschland hier nur den 20. Platz - noch schlechter schneiden Italien, Österreich, Frankreich und Belgien ab. Spitzenreiter sind Finnland, Irland, Kanada und Dänemark.

Die zu geringe Chancengleichheit in Deutschland ist immer wieder Ergebnis von Vergleichsstudien. Die Unicef-Studie bezieht sich hier auch auf bereits veröffentlichte Daten: Grundlage für diese Einstufung war die Pisa-Studie der OECD aus dem Jahre 2006, ein internationaler Vergleich der Fähigkeiten 15-jähriger Schüler. Drei Pisa-Studien in den letzten zehn Jahren hatten immer wieder gezeigt, dass die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland besonders ausgeprägt ist.

Am kommenden Dienstag wird die OECD die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie veröffentlichen. Dafür waren die Schüler 2009 getestet worden. Experten rechnen nicht mit rasanten Verbesserungen der deutschen Jugendlichen. Andreas Schleicher, internationaler Pisa-Koordinator der OECD, sieht zwar an deutschen Schulen "enorm viel in Bewegung", kritisiert aber weiter, dass schon Zehnjährige nach Leistung sortiert würden. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm schätzt das ähnlich ein: Deutschland teile Kinder zu früh auf unterschiedliche Schulen auf, das verschärfe die soziale Ungleichheit. Bildungserfolg und soziale Herkunft seien noch immer zu eng gekoppelt. "Wir haben zu wenig bis gar nichts getan, um das zu ändern", sagte Klemm am Freitag.

"Chancenungleichheit für die ärmsten Kinder ist keineswegs unabwendbar"

Für die Unicef-Studie bewerteten die Innocenti-Mitarbeiter die Lebensbedingungen der Kinder aus den zehn Prozent der Bevölkerung, die am ärmsten sind. Außer auf die Pisa-Ergebnisse stützen sie sich unter anderem auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation sowie eine EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen.

Die einzelnen Indikatoren verglichen sie anschließend mit dem Mittelwert der übrigen 90 Prozent. Ziel der Studie war es, den Graben zwischen Kindern aus der Mittelschicht und den untersten Schichten aufzuzeigen. Dabei hätten insgesamt recht wenig statistische Daten über die sehr frühe Kindheit vorgelegen, die aber bei der Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle spiele, so die Wissenschaftler.

Kinderarmut

"Der Vergleich zeigt, dass Chancenungleichheit für die ärmsten Kinder keineswegs unabwendbar ist", betonte Innocenti-Präsident Gordon Alexander. Alle untersuchten Länder gehörten zu den reichsten Industriestaaten weltweit und seien durchaus in der Lage, die zu bekämpfen. Einige von ihnen gingen mit gutem Beispiel voran und zeigten, dass die Chancenungleichheit gebrochen werden könne.

Die meisten der Angaben für den Vergleich wurden noch vor der Wirtschaftskrise gesammelt, deren Folgen die Situation vieler Familien noch verschlechtert habe. Der Innocenti-Präsident rief die Industriestaaten auf, die ärmsten Kinder gerade angesichts der Krise ausreichend zu schützen. Jedes Kind habe nur "eine Chance, sich normal zu entwickeln". Es sei Pflicht der Regierungen, ihm diese Chance zu garantieren - in guten wie in schlechten Zeiten.

bim/fln/AFP
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