US-Militärschule Im Gleichschritt in den Unterricht

Sie marschieren, sie exerzieren, sie salutieren: Im kalifornischen Oakland werden Schüler mit militärischem Drill und eiserner Disziplin auf College-Form getrimmt, die Lehrer unterrichten in Uniform. Eltern und Schüler halten große Stücke auf die Militärschule - aber das umstrittene Projekt ist ein Armutszeugnis für das US-Schulsystem.

Von Jochen A. Siegle


Es gibt Orden: Bürgermeister Brown zeichnet die diszipliniertesten Schüler aus
Siegle - Kling

Es gibt Orden: Bürgermeister Brown zeichnet die diszipliniertesten Schüler aus

"I love it, love it, love it", ruft Carla Andrade voller Begeisterung. "Dies ist die beste Schule der Welt." Die überschwängliche 13-Jährige hat allen Grund zur Freude: Soeben ist sie für ihre guten Leistungen in den vergangenen Wochen ausgezeichnet worden. Dafür erhält sie einen Stoff-Orden fürs Revers ihrer khakifarbenen Uniform, feierlich überreicht auf dem improvisierten Exerzierplatz hinter dem Pausenhof - mit Nationalhymne, Fahnen und Händedruck von Oaklands Bürgermeister Jerry Brown, der in den siebziger Jahren einmal Präsidentschaftskandidat für die Demokraten war und gegen Jimmy Carter verloren hatte.

Carla Andrade ist Schülerin einer Militärschule, des Oakland Military Institute (OMI) in Kalifornien. Schulklassen heißen hier "Platoons", Schüler werden "Kadetten" genannt, Anweisungen schneidig mit "Yes, Sir" erwidert. Neben Mathe und Englisch stehen auch Selbstverteidigung oder Schach auf dem Lehrplan. Anstatt Nachsitzen oder Tafeldienst gibt es als Strafe Liegestütze, und auf dem Schulgelände wird wie selbstverständlich salutiert.

Marschieren soll Disziplin vermitteln

Aber vor allen Dingen wird marschiert. "Das ist eine der wichtigsten Grundlagen, die wir den Kindern vermitteln", sagt Colonel Bradford Jones, militärischer Leiter der Highschool, während eine Schülerformation im Gleichschritt an ihm vorbeizieht. "Denn mit Marschieren wird Disziplin vermittelt."

Parade-Schule: Colonel Jones und seine Militärschüler
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Parade-Schule: Colonel Jones und seine Militärschüler

Und der gilt vor allem auch in den Klassenzimmern, die Namen tragen wie "Fort Responsibility" oder "Fort Justice". Jeder Lehrer wird von einem Army-Sergeant unterstützt, der für Ruhe und Ordnung sorgen soll. "Die Lehrer sind für den Unterricht, das Militärpersonal für die Disziplin verantwortlich", sagt der hoch gewachsene Army-Pensionär mit der perfekt sitzenden grünen Uniform und klischeehaften, verspiegelten "Top Gun"-Sonnenbrille.

Auf Europäer wirkt das Getue mindestens befremdlich, es hat aber scheinbar positive Effekte, wie Carla Andrade sagt: "Dadurch ist das Lernen viel effektiver und macht einfach mehr Spaß." Dennoch ist der harte Drill nicht Sache jedes Schülers: Im ersten Jahrgang sind rund ein Viertel der Kinder wieder abgesprungen, weil sie entweder dem Druck nicht gewachsen waren oder wegen "Disziplinlosigkeit" von der Schule verwiesen wurden.

Chaos an den öffentlichen Schulen

Musterschülerin Carla indes hält durch. Nach ihrem Abschluss möchte die Tochter lateinamerikanischer Einwanderer unbedingt Jura studieren. Den Traum, eines Tages eine Uni besuchen zu können, teilt sie nicht nur mit dem Gros ihrer 300 Mitschüler, die in der Regel ebenfalls aus Oaklands "Inner City" und sozial schwachen Verhältnissen stammen; 80 Prozent sind Afro-Amerikaner. Auch die Verantwortlichen der Schule sehen ihre wichtigste Aufgabe darin, diesen Kindern mit Militärgeldern die Chance für eine vernünftige Ausbildung zu geben und den Weg zum College zu ebnen.

Denn das ist in Oakland alles andere als üblich. An anderen öffentlichen Schulen herrscht schlicht das Chaos: Überfüllte Klassen, überforderte Lehrer und Eltern sind die Regel, vor allem in den heruntergekommenen und von Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt dominierten Stadtteilen im Osten und Westen der 400.000-Seelen-Metropole. Allein im vergangenen Jahr hat es hier über 110 Morde gegeben - meist waren die Opfer Jugendliche, erschossen auf offener Straße.

"Vernünftiges Lernen ist in solch einer Umgebung praktisch unmöglich", sagt Colonel Jones. Daher schaffen pro Jahr auch kaum mehr als 30 Absolventen von sechs öffentlichen Highschools die Zulassung zu einem College. "Und das ist ein Armutszeugnis für unser Schulsystem", so Jones, "wir wollen es dagegen schaffen, dass möglichst alle unserer Schüler studieren können."

Als erster hatte Bürgermeister Brown den Handlungsbedarf erkannt und 2001 das ehrgeizige und umstrittene Projekt initiiert - überhaupt das erste seiner Art in Kalifornien. Zunächst stellten sich die Schulbehörden, aber auch die Stadtoberen massiv gegen die Schule. Neben großen pädagogischen Bedenken monierten Kritiker vor allem, dass sich eine unter strengem Regiment geführte Militärakademie für Kinder kaum mit einer derart liberalen und pazifistischen Gegend wie der San Francisco Bay Area vertragen würde.

Finanzhilfe vom Pentagon

In der Tat trennt Oakland nur ein Steinwurf von Berkeley, dem einstigen Epizentrum der Friedensbewegung. Und das seit jeher alternative San Francisco mit seinen Alt- und Neo-Hippie-Hochburgen wie dem Haight-Ashbury-Viertel liegt in Sichtweite auf der anderen Seite der Bucht.

Fahnenschwenken gehört zum Lehrplan: Statt Nachsitzen Liegestütze
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Fahnenschwenken gehört zum Lehrplan: Statt Nachsitzen Liegestütze

Jerry Brown, einst selbst ein "Peacenik", gibt offen zu, dass das Konzept nicht sonderlich beliebt ist - was auch empörte Kommentare in der Lokalpresse zeigen. Dafür sei die "College Preparatory Academy" aber umso wirkungsvoller: "Ich bin sehr zufrieden, wie sich die Kinder entwickeln", sagt Bürgermeister Brown. Er bezieht für die Gratis-Schule Finanzhilfen in Höhe von drei Millionen Dollar von der kalifornischen Nationalgarde und dem Pentagon. Damit steht dem OMI pro Schüler deutlich mehr Geld zur Verfügung als anderen staatlichen Schulen. "Dennoch geht es keineswegs darum, Militärnachwuchs zu rekrutieren", sagen Brown und Jones unisono.

Diesem Vorwurf müssen sie sich nach wie vor oft stellen. Doch die wenigsten der 12- bis 14-jährigen Jungen und Mädchen denken bei aller Begeisterung für ihre unorthodoxe Schule daran, eines Tages beim US-Militär Karriere zu machen. Laut Jones wollen derzeit nur drei seiner Schützlinge auf Militär-Eliteschmieden wie West Point.

Einer davon ist der 14-jährige Cody Kopowski, der heute ebenfalls eine Anstecknadel, schon seine neunte, verliehen bekommen hat. "Ich möchte auf alle Fälle später Soldat werden", sagt der rothaarige Kadettenprimus mit der blitzenden Zahnspange - der Irak-Krise zum Trotz, die hier offenbar niemand thematisieren will. Nur Jones klagt ein wenig: über Personalschwund. Denn seit Anfang des Jahres sind bereits vier seiner 28 Militärleute an den Golf abkommandiert worden.

Trainingseinheiten mit dem "Drill-Team"

Um sein Ziel zu erreichen, leistet Kopowski nach Schulschluss regelmäßig Überstunden und büffelt zu Hause in Militärgeschichtsbüchern ("mein größtes Hobby") oder läuft Marathon. Das hilft ihm auch bei Trainingseinheiten mit dem "Drill-Team" in der Schule. Denn das leitet eine "ganz besonders harte" Ausbilderin, wie auch Lehrer David Payne bestätigt und auf deren "ganz besonders glänzenden" schwarzen Stiefel hinweist. "Die ist unser Äquivalent zum Schleifer im Film Ein Offizier und ein Gentleman", sagt Payne.

In den Unterricht, marsch: Trotzdem kaum Interesse an Militärkarriere
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In den Unterricht, marsch: Trotzdem kaum Interesse an Militärkarriere

Er unterrichtet seit Januar Englisch, ist einer von 14 "zivilen" Lehrern am OMI und trägt dennoch Uniform samt Schiffchen. Zuvor war Payne an einer staatlichen Schule in Vallejo beschäftigt. "Auch wenn das schon eine ziemliche Umstellung war, kann ich nun wesentlich besser arbeiten und mich endlich aufs Unterrichten konzentrieren", sagt Payne.

Diese Begeisterung teilen sichtlich auch die Eltern. Auf dem Parkplatz vor den OMI-Containern im Oaklander Hafengewerbeviertel berichtet eine Mutter, dass ihr Sohn, ein Siebtklässler, "viel konzentrierter" sei, seit er aufs OMI gehe. "Ich bin so froh, dass er angenommen wurde", so die Frau.

Denn das ist alles andere als garantiert: Aller Kritik zum Trotz erreichten Jones vor Beginn des Schuljahres 900 Bewerbungen. Daher musste das Los über die Drill-Schulplätze entscheiden. Nach Absolvierung eines zweiwöchigen Vorbereitungs-Camps und Leistung eines Eides auf Vaterland und Familie - und natürlich die Schule - wird im September ein neuer und damit der dritte Jahrgang die ersten Marschbefehle entgegennehmen.



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