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24. März 2015, 08:49 Uhr

Social-Media-Kontrolle

US-Verlag forscht Schülern hinterher

Ein US-Schüler twittert über eine Prüfung - und muss die Meldung auf Anweisung seiner Direktorin wieder löschen. Die hatte Druck von der Schulbehörde bekommen, nachdem ein Verlag den Account des Schülers ausspioniert hatte.

Die Arbeit war geschrieben, die Schule vorbei, und der Schüler der Watchung Hills Regional High School in Warren, New Jersey, tat, was Schüler nachmittags so tun: Er twitterte ein paar Zeilen zu einer Prüfungsfrage, die ihn besonders beschäftigt hatte.

Eine Nachricht mit Folgen, denn am nächsten Tag meldete sich die Schulleitung mit der dringenden Aufforderung, den Tweet zu löschen. Aufmerksam geworden war die Direktorin von der Schulaufsicht von New Jersey - und die wiederum war vom Schulbuchverlag Pearson informiert worden, der die entsprechende Prüfung zur Verfügung stellt.

Mit zwölf US-Bundesstaaten hat Pearson einen Vertrag abgeschlossen, dort führt er den PARCC-Test durch ("Partnership for Assessment of Readiness for College and Careers"). Die in diesem Jahr erstmals eingesetzte Prüfung dient der vergleichenden Leistungskontrolle und soll helfen, die weiteren Erfolgsaussichten der Schüler an Colleges und Hochschulen abzuschätzen. Zum Pearson-Auftrag gehört auch, den regulären Ablauf des Tests sicherzustellen - und dafür überwacht der Verlag offenbar auch das Social-Web und stieß so auf den Schüler-Tweet.

Keine Spionage, sondern "Monitoring"

Besorgte Lehrer und Eltern hatten sich beim Blog bobbraunsledger.com gemeldet, der den Vorfall öffentlich machte. Insgesamt habe es mindestens drei solcher Maßregelungen gegeben.

Spionage sei das nicht, sagt Pearson. In einer Stellungnahme spricht der Verlag lieber von "Monitoring" und begründet sein Vorgehen mit Gründen der Fairness gegenüber allen Schülern und Lehrern: "Wir wollen sicherstellen, dass die Testergebnisse glaubwürdig und valide sind." Einzelne Fragen oder Prüfungselemente dürften deshalb nicht in der Öffentlichkeit auftauchen: "Dann sind wir verpflichtet, die staatlichen Behörden zu informieren."

Deshalb verfolge man die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken sehr aufmerksam: "Die Social-Media-Seiten von Schülern sind öffentlich und enthalten oft Hinweise auf ihren Namen und/oder darüber, wo sie zur Schule gehen", heißt es in der Erklärung. Geht es dann um Inhalte der PARCC-Prüfung, informiere man die staatlichen Vertragspartner - und welche Konsequenzen sich dann für die Schüler ergäben, liege allein in der Verantwortung der Schulbehörden.

Doch die Schnüffeleien des Verlags stoßen auf heftigen Widerstand. "Niemand sollte betrügen, wir verurteilen jeden Betrug," sagte Randi Weingarten, Präsidentin der American Federation of Teachers (AFT), dem Magazin "Motherboard", "aber wie weit darf ein privates Unternehmen oder die Schulbehörde gehen?" Der Verlag und der Staat hätten Datenschutz und Privatsphäre der Schüler verletzt, sagt Weingarten.

Die AFT hat deshalb eine Onlinepetition gestartet, mit der Pearson aufgefordert wird, das Ausforschen von sozialen Netzwerken zu beenden. Innerhalb weniger Tage haben bereits über zehntausend Menschen unterschrieben.

him

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