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Protestmärsche in den USA Es reicht

Wütend, traurig, hoffnungsvoll - 800.000 Menschen sorgen mit ihrem Widerstand gegen Waffengewalt in Washington für historische Momente. Die Protestbewegung wird mit der des Vietnamkriegs verglichen. Ihre Botschaft ist deutlich.

Die ganze Woche hat Sarah Fishman ihren dreieinhalbjährigen Sohn behutsam darauf vorbereitet, dass sie an diesem Samstag auf eine Demonstration gehen werden. Erst hat sie Orion erklärt, was Waffen sind. Dann, dass manche sie nutzen, um anderen Menschen wehzutun. Und dann, dass es viele tolle Kinder gibt, die daran jetzt etwas ändern wollen. Und dass sie diese Mädchen und Jungen unterstützen wollen.

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"March for our Lives": Wütend, traurig, hoffnungsvoll

Foto: SHAWN THEW/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Doch auf diesen Moment am Samstagnachmittag ist die junge Mutter nicht vorbereitet. Orion hat am Rande der Demonstration eine Fotokette entdeckt, die Dutzende Menschen hochhalten. Eingehend betrachtet er ein Foto nach dem anderen. Dann fragt er: "Mama, sind all diese Kinder erschossen worden?" "Ja", sagt Sarah Fishman mit Tränen in den Augen und denkt: "Und ich bin eine der Erwachsenen, die das zugelassen hat."

All diese Kinder, all diese Lehrer, all diese Leben, die viel zu früh und zu abrupt geendet sind. Auf jedem der mehr als 200 Blätter ist ein Foto zu sehen, darunter ein Name des Menschen und die Universität oder Schule, an der er gestorben ist. Die Reihe beginnt mit den Opfern des Texas Tower Shootings 1966 und endet mit Jaelynn Willey, die vergangenen Dienstag in Maryland angeschossen wurde und deren lebenserhaltende Maschinen am Donnerstag abgeschaltet wurden.

Und das sind noch nicht einmal alle Opfer von Schulmassakern: Laut "New York Times" sind allein seit dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 2012 an mehr als 240 Schulen und Colleges Schüsse gefallen, 139 Menschen starben. Hinzu kommen noch all diejenigen, die durch die Schüsse verletzt wurden. Oder diejenigen, die Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Väter, Mütter, Freunde oder Bekannte verloren haben.

Einige dieser Überlebenden stehen an diesem Samstag auf der großen Bühne vor dem Kapitol in Washington. Edna Chavez erinnert hier an ihren Bruder Ricardo, der 2007 erschossen wurde. Zion Kelly an seinen Zwillingsbruder Zaire, der vergangenes Jahr starb. Matthew Soto an seine Schwester Victoria, die vor fünf Jahren mit ihren Schülern an der Sandy Hook Grundschule Lebkuchenhäuser backen wollte und stattdessen erschossen wurde.

Es tut weh, all diese Geschichten zu hören. Im Publikum stehen Mütter und Söhne Arm in Arm, Mitschüler spenden einander Trost, Fremde fragen Fremde, ob sie irgendwas für sie tun können. Als ein Redner fragt, wer im Publikum Freunde oder Verwandte durch Schusswaffen verloren hat, gehen viele Hände nach oben.

Die Jüngeren teilen eine weitere Erfahrung: Für sie, die nach dem Amoklauf von Columbine 1999 zur Schule gegangen sind, sind Übungen zu Amokläufen Alltag. Sie alle wissen in der Theorie, wie sie sich im Ernstfall verhalten sollen. Und der Amoklauf in Parkland hat den Schülern gezeigt, dass es jederzeit dazu kommen könnte. Mal wieder.

Wohl auch weil diese Erfahrung mittlerweile mindestens eine ganze Generation prägt, sind so viele nach Washington gekommen. Die Veranstalter legen sich Stunden nach Beginn der Veranstaltung fest: 800.000 Menschen sollen zwischen Kapitol und Weißem Haus stehen. Längst wird der Protest mit dem Widerstand im Vietnamkrieg verglichen. Und zahlenmäßig würde er damit einen Rekord in der Geschichte der Demonstrationen in der US-Hauptstadt aufstellen. Wohl auch deshalb gibt es neben all der Trauer und Wut auch Optimismus und die Hoffnung, dass sich nun endlich etwas ändern könnte.

Idealistisch und realistisch

Es sind nicht nur junge Menschen, die ihre Plakate in die Höhe halten. Viele Lehrer, Eltern und Großeltern sind gekommen. Einer von ihnen ist John Adams, "bis vor sechs Monaten lebenslanger Republikaner" und Waffenbesitzer. Dass er einmal auf einer Großdemonstration in Washington fordern würde, dass der republikanische Präsident abgewählt und die Waffengesetze geändert werden, wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Doch die Zeiten haben sich geändert und er seine Werte und Überzeugen überdacht, erzählt der 78-Jährige. Als seine Enkelin Olivia Dotson ihn fragte, ob sie zusammen von Iowa nach Washington fahren wollen, um Teil des historischen Protests zu werden, zögerte er nicht.

Wie so viele andere Erwachsene ist auch er beeindruckt davon, was den Jugendlichen hier binnen so kurzer Zeit gelungen ist. Mit finanzieller Unterstützung haben die Überlebenden von Parkland den Moment des Entsetzens in eine Bewegung verwandelt, die längst das ganze Land erfasst hat. Sie nutzen soziale Medien ganz selbstverständlich, stellen Politiker zur Rede und haben dafür gesorgt, dass die mächtige Waffenlobby NRA an Rückhalt in der Bevölkerung eingebüßt hat. Stattdessen steigt die Zustimmung für strengere Waffengesetze und verpflichtende Backgroundchecks beim Waffenkauf.

Die Jugendlichen sind realistisch genug zu wissen, dass es dennoch dauern wird, bis ihre Ziele erreicht sind - und dass nicht alle dieselben Ziele haben. Manche wollen alle Waffen abschaffen, manche vor allem halbautomatische verbieten, manche halten bewaffnete Lehrer an Schulen für eine gute Idee, andere für die schlechteste seit Langem; die meisten sind für verpflichtende Backgroundchecks und dass Waffen nur an über 21-Jährige verkauft werden dürfen.

Aber alle stimmen mit der Botschaft der Redner überein: "Enough is enough." An keiner anderen Schule soll sich wiederholen können, was an der Sandy-Hook-Grundschule und der Marjory Stoneman Douglas High School passiert ist. "Schon Sandy Hook hätte der letzte Amoklauf an einer Schule sein müssen" - der Vorwurf geht an die Älteren, die Politiker.

Quälende Stille

Von denen haben die meisten Washington längst in die Osterferien verlassen, bevor die Demonstranten überhaupt dort ankamen. Selbst Präsident Donald Trump - übers Wochenende in Florida - äußert sich an diesem Samstag nicht zu dem Marsch. Doch auf Dauer sollen sie die Bewegung nicht mehr ignorieren können. Bei den Kongresswahlen im November - so die Hoffnung der Organisatoren - könnten deutlich mehr junge Menschen als sonst teilnehmen.

Als eine der Letzten betritt Emma González die Bühne, die nach dem Massaker in Parkland zum Gesicht des Protests gegen die Waffengewalt und für eine Reform der Waffengesetze geworden ist. Mit großen Schritten geht sie ans Mikrofon. Und was folgt, sind vielleicht die schwersten Minuten des Tages: Knapp sechseinhalb Minuten lang steht die 18-Jährige auf der Bühne - so lange, wie der Amokläufer an ihrer Schule um sich schoss und 17 Menschen tötete.

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Emma schweigt minutenlang, Tränen fließen ihr über die Wangen. Die 800.000 Menschen, die vor ihr auf der Straße stehen, verstummen und sind gezwungen, die Stille auszuhalten. "Das ist die Zeit, die der Killer brauchte", sagt sie, als sechs Minuten und 20 Sekunden verstrichen sind. Dann verabschiedet sie sich eindringlich: "Kämpft für euer Leben, bevor es jemand anderes tun muss."