Leben und Lernen

Anzeige

Maßstabsgetreue Kontinente

US-Schüler lernen mit neuer Weltkarte

Europa und die USA schrumpfen, Indien und Australien wachsen: Die Bostoner Schulbehörde will Kindern zeigen, wie die Welt wirklich aussieht - und verabschiedet sich von der Standardweltkarte.

Montag, 20.03.2017   12:54 Uhr

Anzeige

Seit mehr als 500 Jahren bestimmt ein Belgier unsere Weltsicht. Flugkapitäne, Nautiker und Schüler auf der ganzen Welt beugen sich über Karten, die auf Gerhard Mercator zurückgehen. Jeder Atlas, jede GPS-gesteuerte Navigation, jede Google-Maps-Karte beruht im Prinzip auf seiner Projektion des Erdballs.

Mercator war der Erste, dem es mit geometrischer Präzision gelang, die gekrümmte Erdoberfläche als ebene Karte darzustellen. Ein Unterfangen, das in etwa so ist, als würde man eine Apfelsine schälen und die Schale dann flach auf den Tisch pressen.

Anzeige

Ohne Brüche und Verzerrungen ist die Sache unmöglich. Mercator fand eine ebenso geniale wie einfache Lösung: Er zog die Längengrade der Erde an den Polen wie Kaugummi auseinander, bis sie allesamt zueinander parallel verliefen. Rechtwinklig dazu zeichnete er anschließend die Breitengrade ein. Deren Abstand zueinander ließ er zu den Polen hin anwachsen, den Norden und den Süden blähte er auf.

So erscheint Grönland etwa gleich groß wie Afrika, obwohl der afrikanische Kontinent in Wahrheit gut 14-mal größer ist. Schweden wirkt dreimal so groß wie Indien, dabei weist es nur ein Siebtel von dessen Landfläche auf.

Anzeige

In öffentlichen Schulen in Boston wird deshalb neuerdings eine andere, maßstabsgetreuere Weltkarte verwendet: Im Vergleich zur Mercator-Karte sind die USA und Europa darauf geschrumpft, Afrika und Lateinamerika schmaler, aber länger. Und Deutschland liegt nicht mehr in der Mitte der Karte, sondern im Norden.

"Die Mercator-Projektion zeigt Europa als Zentrum der Welt", sagt Colin Rose, der bei der Bostoner Schulbehörde für das Pilotprojekt zuständig ist. Mit den neuen Weltkarten wolle man "den Lehrplan entkolonialisieren" und nicht mehr nur die "weiße Sicht der Geschichte" zeigen.

Die Weltkarte, die nun in Boston zum Einsatz kommt, geht auf den Bremer Historiker und Hobby-Kartograf Arno Peters zurück. Er versuchte in den Siebzigerjahren, Mercators Verzerrung mit seiner "Peters-Projektion" auszugleichen. Anders als Mercator ließ er die Abstände zwischen den Breitengraden zum Äquator hin anwachsen.

Als er seine Karte 1973 der Öffentlichkeit präsentierte, urteilte die Deutsche Gesellschaft für Kartografie, sie zeige "groteske Deformierungen der einzelnen Erdteile" und die Kontinente sähen aus, "als wären sie aus zerlaufenem Soft-Eis". Trotzdem konnte Peters Kirchen und Uno-Organisationen für seine Karte begeistern und auch ein Atlas wurde gedruckt.

An vermeintlich gerechteren Weltkarten versuchen sich Kartografen und Designer immer wieder. Erst vor wenigen Monaten bekam ein Japaner einen begehrten Designpreis für seine Version der Kontinente:

In Boston bekommen die Schüler im Unterricht nun die Kartenversionen von Mercator und Peters vorgelegt. Die ersten Reaktionen seien erstaunlich gewesen, sagt eine Lehrerin. "Es war spannend zu sehen, wie die Schüler plötzlich infrage gestellt haben, was sie bisher zu wissen glaubten."

vet

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung