Streit über Schulbuch-Propaganda in Venezuela "Danke, Chávez"

Eltern in Venezuela beschweren sich über Schulaufgaben, die einzig dem verstorbenen Präsidenten Chávez und seiner sozialistischen Revolution huldigen, einige verbrannten Bücher vor Schulen. Regierungsnahe Medien konterten mit einem Nazi-Vergleich.

AP

Wie viel Land muss die Regierung noch enteignen? Wie viel Geld sparen die Bürger, wenn sie in staatlich subventionierten Fachgeschäften einkaufen? Solche Fragen sollen Schüler in Venezuela im Mathematikunterricht errechnen.

Es sind Aufgaben wie diese, die auch Venezuelas Schulen zu einem Schauplatz des Konfliktes zwischen der sozialistischen Regierung und ihren Widersachern macht. Die Kritiker sehen in der Verbreitung von Schulbüchern, die den verstorbenen sozialistischen Staatspräsidenten Hugo Chávez als Helden feiern und das Regime mit Lob bedenken, plumpe Staatspropaganda. Die sogenannten "Bolivarischen Lehrbücher" sind nach dem Unabhängigkeitskämpfer und Nationalhelden Simón Bolívar benannt und werden von der Regierung bereitgestellt.

"Sie unterziehen unsere Kinder einer Gehirnwäsche, tilgen die Geschichte unseres Landes und ersetzen sie durch ihre eigene Version", beschwert sich der Informatiker Hector Cuevas, der empört war, als sein Sohn in der 6. Klasse die Schulbücher ausgehändigt bekam. In einem Rechenbuch sei eine Aufgabe zum Bruchrechnen mit dem Hinweis über ein Ernährungsprogramm versehen, das von der Regierung aufgesetzt worden sei, damit die Armen genug zu essen hätten.

Und eine Aufgabe in einem Englisch-Buch hebt die Vorzüge einer Halle hervor, die von der Regierungsorganisation Fundabit errichtet wurde. Im Übungsdialog heißt es: "Es ist ein Fundabit-Projekt!". "Das ist exzellent!", lautet die vorgegebene Antwort.

Brennende Bücher

Einige Eltern griffen daraufhin zu drastischen Protestmaßnahmen: Vor Schulgebäuden warfen sie Schulbücher auf die Straße und verbrannten sie. Regierungsnahe Medien konterten, indem sie das Vorgehen mit den Bücherverbrennungen der Nazis in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland verglichen.

Aus Sicht der Verfechter der staatlichen Schullektüre, die seit 2011 in dem südamerikanischen Land ausgegeben wird, werden darin schlicht Themen abgedeckt, die bisher in den Schulbüchern nicht zu finden waren. Es würden Beispiele aus dem täglichen Leben im sozialistischen Venezuela aufgegriffen.

Bildungsminister Hector Rodriguez rief Kritiker auf, mit der Regierung zusammenzuarbeiten. "Sicherlich können sie verbessert werden, so wie alles menschliche Streben", zitiert ihn die venezolanische Nachrichtenseite Noticias24 in Bezug auf die Bücher. "Diejenigen, die Kritik üben wollen, sollten die Bücher lesen, wenn sie einen Fehler finden, sollten sie es uns wissen lassen, um ihn auszubessern."

Kritiker bemängeln jedoch nicht einzelne Fehler, die es zu korrigieren gilt, ihnen geht es vielmehr um Propaganda für umstrittene Regierungsprogramme. Eine frühe Version eines Soziallehrebuches zeigt beispielsweise das Foto eines Rentners, der "Danke, Chávez" schreibt. Den Schülern wird die Aufgabe gestellt, zu erklären, warum er das tut.

Rückgriff auf alte Bücher

Chávez hatte das Land einer "bolivarischen Revolution" unterzogen, sein Ziehsohn, der heutige Präsident Nicolás Maduro, führt seit seiner Wahl im April 2013 den Sozialismus fort. Chávez war im März 2013 gestorben.

Die Bücher sind für den Unterricht im ganzen Land bestimmt, allerdings sind sie in sozial schwachen Gegenden am weitesten verbreitet. Dort haben Lehrer meist keine andere Wahl, als auf die von der Regierung bereitgestellten Bücher zurückzugreifen.

Der Informatiker Cueavas ist mittlerweile dazu übergegangen, das Mathebuch seines eigenen Vaters zu Rate zu ziehen, um mit seinem Sohn zu üben. Die anderen Textbücher will er seinem Sohn nicht länger zumuten: "Sie kommen immer mit Beispielen wie: 'Wenn deine Mutter zu einem von der Regierung subventionierten Supermarkt geht und zwei Pfund Zucker und drei Pfund Fleisch kauft, wie viel Pfund kauft sie insgesamt?'", beschwert sich Cuevas. Er schlägt als Alternative vor: "'Wenn deine Mutter zwei Stunden ansteht, um Zucker zu kaufen, und später nochmal drei Stunden ansteht, um Fleisch zu kaufen, wie viele Stunden wartet sie insgesamt?'"

loe/AP

insgesamt 44 Beiträge
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olivervöl 10.01.2015
1. Schulbuch-Propaganda
Es dürfte nicht verwundern, dass von der Regierung bezahlte Schulbücher das wiedergeben, was diese Regierung lesen will. Als ich in den 1970ern in Westdeutschland zur Schule ging, zeigte mein Schulatlas Ostpreußen und Königsberg weiß-braun schraffiert als "zur Zeit unter polnischer Verwaltung" bzw. "zur Zeit unter sowjetischer Verwaltung". Und die Ostdeutschen waren der Feind, klar.
caracho! 10.01.2015
2. interessanter Atlas.....
Also ich ging auch in den 70ern zur Schule (oh Gott, ist das echt schon soo lange her...?), ich hatte den Diercke Weltatlas, da war nix dergleichen zu finden. Ich hab ihn noch irgendwo, ich such mal, um das Erscheinungsjahr rauszufinden.....
Inspektor Harry Callahan 10.01.2015
3. Ideologie und Zeitgeist
Ich würde das jetzt nicht überbewerten. Bücher, auch Schulbücher, spiegeln immer den herrschenden Zeitgeist wieder. Ich kann mich erinnern, das ich in der Grundschule von der Lehrerin ein Schulbuch geschenkt bekam mit den Titel: "Deutschland jenseits der Oder-Neiße-Linie". Das dürfte so um 1973/74 gewesen sein und fällt in die Zeit der Entspannungspolitik von Willy Brandt. Solche und ähnliche Lehrbücher wurden von der Schulverwaltung aussortiert und den Schülern geschenkt, weil sie nicht mehr in den Zeitgeist passten. Schaut man mal in amerikanische Standard-Lehrbücher über "Economics", z.b. von Gwartney oder Parkin etc., wimmelt es da von Farbfotos die nur die Herrlichkeiten des amerikanischen Kapitalismus zeigen. Soll man sich darüber aufregen? Nein. Gerade der letzte Satz des Beitrags von Kritiker Cuevas ist interessant: Preise in einer Marktwirtschaft müssen ökonomisch auch als "Diskriminierungsmechanismen" analysiert werden. Preise diskriminieren Arme genauso wie Warteschlangen Menschen mit genügend Einkommen diskriminieren. In diesem Fall wäre auch die Schulbuchfrage von Cuevas nicht ideologiefrei. Am besten wäre es, wenn man in einem Schulbuch in diesem Zusammenhang die Vor- und Nachteile verschiedener Diskriminierungsmechanismen darestellt und es dabei belässt. So etwas nennt man in der Ökonomie komparative Institutionenanalyse.
Waudel 10.01.2015
4. Faktisch und juristisch
Bis zu einem völkerrechtlichen Vertrag ist anektiertes Gebiet zwar faktisch in der Gewalt dessen, der anktiert hat, nicht jedoch völkerrechtlich. Das galt für Ostpreußen genau so, wie heute für die Krim, Mauretanien, Golanhöhen und Ostjerusalem. Ein Atlas muss sowohl die Fakten wie auch die Rechtslage darstellen, wenn er objektiv sein will.
webstar2568 10.01.2015
5. auch in D verbreitet
ich bin im 21. Jahrhundert zur Schule gegangen und man kann ganz simpel nachweisen dass z.b. unser Geschichtsbuch nicht neutral war, allein mit einer Sprachanalyse (z.b. beim Vgl. DDR/BRD). es ist normal, dass das so, man müsste nur den Schülern diese Art Medienkompetenz vermitteln. es wird immer gesagt "das böse Internet, glaubt da ja nichts" aber tagesschau und Geschichtsbuch werden als unfehlbar hingestellt. Insofern gilt für alle Länder und Medien dieser Welt: mit Vorsicht zu genießen, Dinge nochmal abgleichen. dann ist es auch nicht mehr so schlimm wenn solche Sachen in einem Schulbuch stehen
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