Verbot in Kraft Modedrogen-Mischer tüfteln an Spice-Ersatz

Aufgeraucht und ausverkauft: Nach dem Verbot ist die Modedroge Spice aus Läden und dem Internet-Handel verschwunden. Manche Händler ersetzen sie durch "Space", ein Placebo ohne jede Wirkung - doch zugleich kommen stärkere und gefährlichere Mixturen auf den Markt.
Von Bernd Dicks

"Zum Glück haben wir am Tag vor dem Verbot noch alles losbekommen, sonst wäre das echt ärgerlich gewesen", sagt eine Mitarbeiterin in einem Kölner Headshop und grinst. Sie möchte unerkannt bleiben. Bis kurz vor Ladenschluss hat sie am Mittwoch noch die Kräuterdroge Spice und das ähnliche Produkt Smoke verkauft. "Wir haben vor lauter Angst, dass wir es nicht mehr loswerden, sogar dicke Prozente für Hamsterkäufer gegeben."

Ausgeraucht: "Spice" verschwindet aus den Läden

Ausgeraucht: "Spice" verschwindet aus den Läden

Foto: DDP

Hamsterkäufer gab es wohl reichlich - anders ist der Absatz von mehr als 120 Tütchen zu je 33 Euro an einem Tag in diesem Laden kaum zu erklären.

Dass die Modedroge rasch verboten werden sollte, stand schon seit Ende Dezember fest. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hatten eine Eilverordnung für Ende Januar angekündigt. Doch dass es wirklich so schnell gehen sollte und schon an diesem Donnerstag das Aus für die Kräutermischung kam, glaubten viele Händler nicht.

Schmidt sah dringenden Handlungsbedarf an: "Die Kräutermischung Spice enthält gesundheitsschädliche und nicht zugelassene Stoffe. Spice ist nicht harmlos, es musste schnell aus dem Verkehr gezogen werden." Bätzing: "Jeder Konsum ist damit höchst riskant."

Im Dezember hatte ein Frankfurter Labor in Spice die Chemikalie "JWH-018" gefunden , ein synthetisches Cannabinoid, das bis zu viermal stärker wirkt als der natürliche berauschende Cannabiswirkstoff Tetrahydrocannabinol. Mitte Januar meldeten dann das Bundeskriminalamt (BKA) und Rechtsmediziner der Uniklinik Freiburg den Fund von "CP-47,497", ein weiteres synthetisches Cannabinoid, das ebenfalls viel stärker ist als Marihuana oder Haschisch.

Spice heißt jetzt Space: Abzocke mit Placebo

Mit der Legende von Spice als natürliche Kräuteressenz oder Räuchermischung ist es seitdem vorbei. Wegen der entdeckten Wirkstoffe ließ sich ein Verbot über das Betäubungsmittelgesetz durchsetzen.

Die meisten Verkäufer scheinen sich daran zu halten. Bei einer Stichprobe in acht Headshops in Köln und Düsseldorf waren zumindest sämtliche Kräutermischungen aus den Ladentheken verschwunden. Auch die zahlreichen Online-Händler haben Spice aus dem Sortiment genommen.

Dennoch geht das Verwirrspiel weiter. Inzwischen versuchen Händler, ein angeblich "legales Spice" mit dem mäßig originellen Namen "Space" an die Leute zu bringen. Die Werbung auf den entsprechenden Internet-Seiten verspricht eine "verstärkte Mischung, die beim Verbrennen einen entspannenden Duft verströmt".

Doch die neue Kräutermischung ist ein reines Placebo, sagt Toxikologe Volker Auwärter von der Uniklinik Freiburg SPIEGEL ONLINE: "Wir haben bei der Analyse von 'Space' keine Wirkstoffe feststellen können, insbesondere keine synthetischen Cannabinoide." Ein Selbstversuch des Toxikologen und erste Kommentare in Insiderforen belegen, dass Space "absolut gar keine Wirkung hat". Die Abzocke Rauschwilliger soll also auch ohne Wirkstoff funktionieren - bis zu 35 Euro für drei Gramm zahlen die Kunden.

Gefährlicheres Cannabinoid in den USA entdeckt

Wie wendig die Hersteller sind, beweist aber nicht nur dieses Beispiel. SPIEGEL ONLINE berichtete schon im Dezember, dass es genügend synthetische Substanzen auf dem Markt gibt, auf die man bei der Produktion von berauschenden Kräutern zurückgreifen kann.

Auf dem Fracht-Drehkreuz des Paketdienstleisters DHL in Wilmington im US-Bundesstaat Ohio haben Grenzschützer fünf Paketsendungen mit insgesamt über 50 Kilo Spice beschlagnahmt, berichtet die US-Zollbehörde. Eine Analyse des behördeneigenen Labors ergab, dass die Kräuter mit dem synthetischen Cannabinoid HU-210 versetzt sind. Diese Chemikalie steht in Deutschland bisher nicht auf der Liste der Betäubungsmittel. Daher dürften sich Konsumenten diese Substanz legal über internationale Online-Shops bestellen.

Der in den USA entdeckte Stoff ist ungleich heftiger als die bisher in Deutschland ermittelten Cannabinoide. HU-210 hat den US-Grenzschützern zufolge rechnerisch eine bis zu 800-mal stärkere Wirkung als THC. Das bestätigt auch das Klinikum Freiburg. "Diese Substanz ist in kleinsten Mengen bereits hochwirksam", warnt Toxikologe Auwärter. "Wenn die Hersteller sie beim Auftragen nicht gleichmäßig verteilt haben, droht eine Überdosis, die unter Umständen schwere gesundheitliche Konsequenzen haben kann."

In Deutschland wurde HU-210 bisher nicht in Spice-Proben entdeckt. Doch die Bundesdrogenbeauftragte verspricht, wachsam zu bleiben: "Wir werden die Kräutermischungen weiter überprüfen. Jeder Stoff, der gefunden wird, wird umgehend auf die Liste der Betäubungsmittel gesetzt", sagt Sabine Bätzing SPIEGEL ONLINE.

Spice-Konsum kann im Blut nachgewiesen werden

Parallel werde man auch andere Möglichkeiten suchen, solche Drogen zu verbieten. So hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Antrag einer Landesbehörde die Spice-Mischungen "SMOKE Aromatherapy Incense" und "Genie Enjoy Genie Blend" als zulassungspflichtige Arzneimittel eingestuft. Damit dürfen diese und ähnliche Produkte nicht mehr frei verkauft werden, weil es sich um "bewusstseinsverändernde Substanzen" handele.

Nur ein Problem bleibt vorerst: Die Polizei kann berauschte Personen derzeit nicht mit Drogenschnelltests auf möglichen Spice-Konsum testen. Die gängigen Prüfmethoden schlagen nicht an. Toxikologe Auwärter bestätigt aber, dass inzwischen mehrere Labore über Blutproben Spice-Konsum nachweisen können.

Die Polizei will gegen einen weiteren Verkauf der Modedroge vorgehen: "Sie wird Head- oder Smartshops kontrollieren, und Spezialisten des Landeskriminalamts werden das Internet überwachen", sagte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) den "Stuttgarter Nachrichten". Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen kündigte ebenfalls an, dass man bei ehemaligen Spice-Händlern in Zukunft genauer hinschauen werde, was dort hinter der Theke liegt.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.