Verkleidete Rechte Tarnkappen-Nazis buhlen um junge Linke

Sie tragen die Klamotten der Linken und plündern die Symbole der Antifa - vom Che-Guevara-Button bis zum Palästinensertuch. "Autonome Nationalisten" treiben ein bizarres Versteckspiel, um Jugendliche zu umgarnen. Der Verfassungsschutz reagiert alarmiert.
Von Timo Nowack und Markus Flohr

Tim suchte Verbündete, doch seine Suche endete bedrohlich. Auf dem Bahnsteig in Recklinghausen sah er sieben Jungs mit weiten Cargohosen und Baseballkappen. Auf ihren Kapuzenpullis stand: "Fight the System". Tim fühlte sich richtig bei ihnen, denn der 16-Jährige ist Punk, er trägt Tarnjacken in Armeefarben und hat seine Haare zu einem Iro geschnitten.

"Fahrt ihr auch zur Demo nach Dortmund?", fragte er. Dortmunds Bürger demonstrierten an diesem Tag gegen einen Nazi-Aufmarsch. "Ja", antwortete einer der Jungs, "aber auf die andere Seite." Jetzt wurde Tim klar: Er war hier nicht an Antifaschisten geraten, sondern an Neonazis. Bevor sie handgreiflich wurden, konnte er sich in den Zug retten.

Tims Geschichte bliebe eine Momentaufnahme, die Szene einer unglücklichen Verwechslung, stünde sie nicht für einen Trend: Die deutschen Rechtsextremen tarnen sich. Über viele Jahre waren sie leicht erkennbar an Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel. Solche klassischen Neonazis gibt es noch immer - und daneben inzwischen auch "Autonome Nationalisten", die auf ein Verwirrspiel setzen: Sie tragen die Klamotten der Linken, hören die Musik der Linken, verwenden die Symbole der Linken. Aber sie denken rechts und gelten als besonders gewaltbereit.

Die "Autonomen Nationalisten" buhlen vor allem um Jugendliche in Großstädten und Ballungsräumen. Sie verzichten auf den plumpen Brutalo-Look - Hauptsache, das rechte Weltbild stimmt: "Es spielt keine Rolle, welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht", schreiben die "Autonomen Nationalisten Wuppertal/Mettmann" auf ihrer Internetseite. Und weiter: "Das heißt, dass wir uns dafür einsetzen, alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren."

Ausgerechnet Rio Reiser beschallt den Nazi-Aufmarsch

Es ist eine besonders perfide Strategie. Während die NPD, Bastion der alten Rechten, sich in Ostdeutschland gutbürgerlich gibt, kopieren die neuen Rechten das Auftreten ihres politischen Gegners, der Linksautonomen. Neben Basecaps und XXL-Hosen tragen sie T-Shirts mit antikapitalistischen Sprüchen, bisweilen sogar Che-Guevara-Buttons und Palästinensertücher ("Arafat-Feudel"). Bei Aufmärschen hören sie Songs von Rio Reiser oder den Ärzten, wählen für Flugblätter und Plakate Zeichentrick- und Graffiti-Figuren, dazu auch abgewandelte linke Symbole wie die doppelte Flagge der Antifa. Vor Angliszismen haben sie keine Scheu ("We will rock you" oder "Fuck the law!").

Wer ist wer? Eine Szene aus Brandenburg im vergangenen Herbst: Drei Jungs um die 20 stehen im Örtchen Seelow auf dem Marktplatz vor der Kirche herum. Ihre Köpfe verschwinden unter den Kapuzen der Pullover. Einer gräbt in seiner Bauchtasche nach Drehtabak. Der zweite blinzelt über den Rand der Sonnenbrille, zupft das Ziegenbärtchen in Form. Der dritte schnieft in sein Palästinensertuch.

Ihre Kleidung: Turnschuhe, Jeans oder Arbeiterhosen, Baseballkappen. Dazu Piercings und Tattoos. Auf die Hose genäht haben sie sich Che Guevara und poppige Bildchen mit Flammen, Graffiti-Schriftzügen, schwarzen Billardkugeln, japanischen Manga-Comics.

Subtiler, brutaler, aggressiver - die neuen und die alten Neonazis

Rechte Gruppen wollen an diesem Tag in Seelow gefallener Wehrmachts-Soldaten gedenken, mit einem Schweigemarsch und Kränzen. Wer es nicht besser weiß, hält die drei Jungs für einen Teil der Gegendemo. Selbst der Polizist mit seiner Kamera weiß für einen Moment nicht, wen er filmen soll: Die hier? Oder doch die da hinten, wo der Lärm herkommt, wo die anderen stehen? Die radikalen Rechten kopieren alles, was dem Schwarzen Block mal hoch und heilig war. Sie waschen die linken Kleidungsstücke so lange auf rechts, bis es ihre sind.

Dass es zwischen Linken und Rechten einige inhaltliche Parallelen gibt, erleichtert den Autonomen Nationalisten ihr Versteckspiel. Kapitalismuskritik, die Ablehnung der israelischen Politik, Revolutionsrhetorik, Anti-Globalisierungs-Parolen: Bei Aufrufen wie "Kapitalismus zerschlagen, autonomen Widerstand organisieren!" sind Verwechslungen leicht möglich. "Auch die "Autonomen Nationalisten" lehnen diesen Staat ab - aber sie sind in ihrer Ablehnung viel radikaler als die 'Alt-Nazis' und halten an Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus fest", sagt Ralf Beltermann vom Arbeitskreis "Dortmund gegen Rechtsextremismus".

So schätzt es auch das Bundesamt für Verfassungsschutz ein. "Im Gegensatz zum weit überwiegenden Teil der klassischen Neonazi-Szene, die derzeit auf Militanz verzichtet, akzeptieren sie das Gewaltmonopol des Staates nicht", sagt eine Sprecherin der Behörde. "Bei ihnen herrscht eine hohe Bereitschaft zur situativen Gewaltanwendung und zu offensiven Aktionen gegen Polizei und politische Gegner" - und für die Polizei sei es "oft schwierig, zwischen links- und rechtsextremistischen Autonomen zu unterscheiden".

Wie groß ist die Szene wirklich?

Der Verfassungsschutz bewertet die "Autonomen Nationalisten" in einem neuen Bericht  allerdings als "militante Randgruppe". Sie seien "im Gesamtgefüge weitgehend isoliert, abgesehen von einigen Führungsfiguren mit Kontakten in die klassische Neonaziszene". Die rechtsextreme Szene diskutiere dieses Konzept seit zwei, drei Jahren "eher ablehnend", eine breite Umsetzung sei auch nicht zu erwarten, so die Sprecherin. Das Bundesamt schätze die Anhänger der Szene auf lediglich "etwa 150 bis 200 Personen in Deutschland".

"Das halte ich für arg untertrieben", kontert Ralf Beltermann. "Die Szene dürfte erheblich größer sein. Man sieht hier vor Ort die Aktivitäten und das Potential bei überregionalen Demonstrationen." Die Aktivisten der neuen Generation seien meist Anfang bis Mitte 20, würden sich hervorragend im Einsatz von neuen Medien auskennen und auch vor Gewalttaten gegen bekannte Antifaschisten nicht zurückschrecken, bis hin zu Überfällen. Für Jugendliche sei nur schwer zu erkennen, mit wem sie es zu tun haben. So seien die "Autonomen Nationalisten" in Sachen Musik offen und könnten Jugendliche in Discos oder Konzerten leichter ansprechen, da sie erst einmal unerkannt blieben.

Zum 1. Mai planen Neonazis aus ganz Deutschland eine Großdemonstration in Dortmund. Die Polizei rechnet mit rund 1000 Teilnehmern. Die gesamte rechte Szene wird vertreten sein, mit Rednern der NPD-Spitze. Die Aufkleber und Flugblätter ähneln der Werbung für ein alternatives Rockkonzert: "Komm zur Demo", lädt ein lächelndes Pärchen im Stile der sechziger Jahre ein - und darüber der Slogan: "Gemeinsam gegen den Kapitalismus."

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