Christen-Sekte "Zwölf Stämme" Vermisste Kinder wieder aufgetaucht

Seit Mitte September waren zwei Kinder der umstrittenen Christen-Sekte "Zwölf Stämme" verschwunden. Jetzt meldet die Nachrichtenagentur dpa: Die Mädchen sind bei ihrer Großmutter in der Schweiz.

Kinder der "Zwölf Stämme": Zwei Mädchen verschwanden Mitte September aus einer Pflegefamilie
Anna Kistner

Kinder der "Zwölf Stämme": Zwei Mädchen verschwanden Mitte September aus einer Pflegefamilie


Die zunächst als vermisst gemeldeten Kinder der umstrittenen Sekte "Zwölf Stämme" sind in der Schweiz. Wo genau sich die Mädchen, zehn und 17 Jahre alt, aufhalten, teilte das Landratsamt im bayerischen Donauwörth nicht mit. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sind die Geschwister aber bei ihrer Großmutter.

Mitte September waren die Mädchen, die bei einer Pflegefamilie im Raum Ansbach untergebracht waren, nach der Schule nicht dorthin zurückgekommen. Sie wurden daraufhin zur Fahndung ausgeschrieben.

Wie die Kinder in die Schweiz gelangten, sei unklar, sagte ein Sprecher des Landratsamtes. Die Behörde habe Anzeige gegen unbekannt wegen Kindesentziehung erstattet. Darüber hinaus stellte sie einen Antrag auf Rückgabe der Kinder. Da die Mädchen die doppelte Staatsbürgerschaft hätten, sie dies jedoch nicht ganz einfach. Die Eltern der Mädchen meldeten sich am 28. Oktober beim Einwohnermeldeamt ihres bisherigen Wohnsitzes ab.

Die Mädchen gehörten zu den 40 Kindern, die von den Behörden wegen Prügelvorwürfen Anfang September aus der Glaubensgemeinschaft auf dem Gutshof Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen und im mittelfränkischen Wörnitz geholt wurden. Die beiden Mädchen stammen ursprünglich aus der Wörnitzer Gemeinde.

Die Gruppe "Zwölf Stämme" hatte mehrfach eingeräumt, dass sie ihre Kinder züchtigt. Dies hatte zuletzt der Fernsehsender RTL dokumentiert. Den Eltern wurde per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht entzogen. Die meisten Kindern sind derzeit in Pflegefamilien. Allerdings gab es schon länger Anzeichen dafür, dass die Sekte versucht, sich mit den Kindern ins Ausland abzusetzen. Seit Juli hatte ein Teil der Gemeinschaft in einer Ortschaft in Sachsen-Anhalt gelebt. Von dort sollen mehrere Jungen und Mädchen im Alter zwischen rund sieben und 16 Jahren auf einen Hof der "Zwölf Stämme" in Tschechien gebracht worden sein.

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Urchristen "Zwölf Stämme": Kinder verschwunden
Die bibelfrommen Christen sind sehr umstritten: Aussteiger warfen den rund hundert Bewohnern des Gutshofes Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen im vergangenen Jahr vor, ihre Kinder mit der Rute zu misshandeln. Die Gemeinschaft wies die Vorwürfe damals zurück.

Erst die Recherchen des Fernsehreporters Wolfram Kuhnigk, der mit Unterbrechungen knapp zwei Wochen auf Gut Klosterzimmern lebte, lieferten offenbar Beweise, die den Behörden bislang fehlten: Seine verdeckt angefertigten Aufnahmen zeigten weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den Po schlägt. Die Aufnahmen lösten einen Großeinsatz der Polizei aus, die die Kinder der Sekte entzog. Ob sie wieder in die Familien und damit in die Gemeinschaft zurückkehren werden, ist bislang Gegenstand mehrerer Verfahren.

"Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien in Bayern, zuvor wohnten sie in Pennigbüttel, nördlich von Bremen. Dort hatte sich die Gemeinschaft Anfang der neunziger Jahre niedergelassen. Die Mitglieder bauen Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt die Behörden schon länger.

otr/dpa

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jautaealis 05.11.2013
1. Das abstrakte Gut der Religionsfreiheit ...
... rechtfertigt zweifelsohne nicht das konkrete Leid auch nur eines einzigen Menschenkinds – und wäre in Fällen von solcherlei Sekten vollständig sowie unwiderruflich aufzuheben! Null Toleranz heißt hier das Gebot – ähnlich wie im Rahmen einer anderen Religion gegenüber den Taliban...
allereber 05.11.2013
2. Vorsicht:Kindermissbrauch
In der Katholischen Kirche leben Kinder noch gefährlicher.
huggythebear 06.11.2013
3. Wegsperren
Es wird wohl die Ankunft von Ausserirdischen benötigen, um die Menschheit von der Idiotie der Religion zu befreien. Aber Kinder zu züchtigen ist eine Straftat und die Spinner gehören in den Knast!
Blaue Fee 06.11.2013
4.
Ich frage mich, ob die Pflegeeltern ihre Aufsichtspflicht nicht vernachlässigt haben oder die Behörden wieder zu nachlässig waren. Es war doch eigentlich vorhersehbar, dass sich die Eltern dieser Kinder nicht an Gesetze oder Beschlüsse halten und einen Versuch starten würden, diese wieder zu sich zu holen.
schutsch 06.11.2013
5. Wer machts besser?
Ich bin auch gegen Züchtigung, doch dürfen wir deswegen Kinder entführen und in Heime oder Pflegefamilien stecken, in denen, nachgewiesener Weise, Kinder fast immer verrohren? Wo ist die Verhältnismäßigkeit? Wenn Eltern Kinder züchtigen, könnte man sie ja von besseren, alternativen Erziehungsmethoden überzeugen. Wo diese allerdings diese sind sehe ich auch noch nicht so ganz. In Waldorfschulen wird für antiautoritäre Erziehung der Unterricht ausgesetzt, so laut ist es häufig. Gesetze gegen strenge Erziehung braucht Alternative, wenn uns nicht unsere Kinder völlig abhanden kommen sollen. Wer will in diesem Staat noch Kinder haben? Als Eltern soll man für alles die Verantwortung übernehmen, doch Rechte hat man kaum noch.
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