Vertretungslehrer Jan Delay Immer schön peacig bleiben

Eizi Eiz, Boba Ffett, Eißfeldt - Jan Delay hat viele Namen. Und eine neue Rolle: Für eine Vertretungsstunde schickte das Jugendmagazin "Spiesser" den Musiker an eine Hamburger Gesamtschule. Die 9c fragte er: Darf man mit Gewalt protestieren? Und wofür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen?

Dennis Williamson

11.46 Uhr: Die 27 Schüler der 9c an der Rudolf-Roß-Gesamtschule erwarten heute ihren Vertretungslehrer für das Fach Gemeinschaftskunde. Thema: Protestkultur. HipHopper und Hamburger Jung Jan Delay macht es sich hinter dem Lehrerpult gemütlich.

Jan Delay: Das ist ein bisschen komisch, in einer Schule zu sein, nach 14 Jahren. Ich versuch' mich locker zu machen. Bisschen wie im Krankenhaus. Aber das wird bestimmt alles ganz easy.

Super, nicht nur die Schüler sind aufgeregt. Und offensichtlich auch nicht die einzigen, die relativ unvorbereitet sind.

Jan: Und was habt ihr gerade in Gesellschaftskunde?

Nach einem kurzen Zögern kommt aus der Klasse: "Nationalsozialismus".

Jan: Na, das ist ein tolles Thema!

12 Uhr: Jan Delay lässt die Schüler erstmal Referate über Gandhi, die 68er und die Black Panther Party halten, um dann auf den Tisch zu hauen.

Jan: Kommen wir zu Gewaltprotesten! Im Ernst. Mir geht es gar nicht darum, dass Gewalt geil ist oder spannender als friedlicher Protest, sondern ich möchte viel mehr wissen, was ihr darunter versteht. Kennt ihr Proteste, die friedlich waren?

Pascal: Iran. Dort gab es Proteste wegen der Wiederwahl von Ahmadinedschad. Die Demonstranten werfen dem Staat Wahlfälschung vor.

Jan: Genau. Und habt ihr mitbekommen, wie die darauf aufmerksam machen, was in ihrem Land passiert?

Emir: Ja, die stellen Videos ins Internet und schreiben Blogs.

Jan: Aber es wird ihnen schwer gemacht, sie werden verhaftet und bestraft. Und da sind wir schon beim nächsten Thema: Wenn es nicht mehr ausreicht, gewaltlos zu bleiben, schlägst du dann zurück?

Marlon: Ich würde zurückschlagen. Ich würde mein Recht, zu protestieren, verteidigen.

Fotostrecke

8  Bilder
Herr Delay als Lehrer: Wie viel Gewalt ist erlaubt?

Jan: Und was sagst du zu dem Argument, dass in dem Moment, in dem du dann zurückschlägst und Gewalt ausübst, du nicht besser bist als die anderen?

Marlon: Ich bin denen dann vielleicht ähnlich, aber das ist reine Notwehr.

Aydin: Ich bin ein Mann des Stolzes und würde nicht einfach Schläge einkassieren. Was hat der denn, was ich nicht habe?

Jan: Na zum Beispiel einen Schild, einen Stock, eine Gaspistole.

Emir: Aber ich glaube, dass der Großteil der Protestierenden auch Action sehen will.

Jan: Gerade in Iran ist das nicht so. In Deutschland vielleicht. Wir sind verwöhnt, uns geht es gut. In Iran aber sind die Menschen in ihren Rechten beschnitten, das können wir uns gar nicht vorstellen. Weißt du, was ich meine?

Emir nickt eingeschüchtert.

Jan: Sehr gut, Eins.

Die Klasse lacht. Emir argumentiert und denkt die Gewaltspirale weiter.

Emir: Und wenn Menschen zu mehr bereit sind? Dann gehen sie mit einer Bombe hin. Das ist dann doch nicht mehr friedlich!

Jan: Genau das ist der Punkt: Wo ist da die Grenze? Erst schlagen die Menschen mit der Faust, der nächste hat eine Waffe und der übernächste dann die Bombe. Ist es nicht moralischer und besser zu sagen: Unser Protest bleibt friedlich? Sollte man seinen Stolz dann nicht mal hinterfragen?

Marlon: Aber wenn Polizisten zuschlagen und damit durchkommen, denkt die Regierung, sie kann machen, was sie will.

Jan: Es gibt auch andere Beispiele, zum Beispiel in der DDR. Da haben die Leute es geschafft, indem sie jeden Montag auf die Straße gegangen sind. Und die sind immer peacig geblieben.

12.25 Uhr: Die Tür geht auf. Schüler anderer Klassen stecken ihre Köpfe rein und brüllen: "Jaaan Deeelaaaay!" Es kommt zu keinen Protesten, stattdessen geht es weiter im Stoff.

Jan: Aber ihr gebt mir doch Recht: Wenn jemand einem anderen auf die Fresse haut, dann ist das Gewalt, oder? Und: Meint ihr, dass es Unterschiede in der Art der Gewalt gibt? Wenn jemand einen Stein hat und der andere eine Panzer, dann ist die Gefahr, die vom Mann mit dem Stein ausgeht, bei Null.

Aydin: Ja. Israel nutzt zum Beispiel jede Gelegenheit für einen Angriff auf die Palästinenser.

12.30 Uhr: Der nächste Konflikt kommt also auf den Tisch.

Jan: Israel ist letztendlich auch ein schwaches Land. Die müssen sich verteidigen. Wenn sie schießen, tun sie das aus Angst.

Aydin: Die Israelis haben kleine Kinder getötet. Und die Palästinenser haben nicht so viele Waffen.

Jan: Werfen aber trotzdem Raketen nach Israel.

Aydin: Ja, weil sie angegriffen werden.

Jan: Ich will gar nicht sagen, die einen sind gut und die anderen böse. Aber ich will, dass du siehst, dass es immer zwei Seiten gibt.

Aydin: Die Israelis denken immer nur an sich.

Mit diesem Satz ist die Klasse nicht ganz einverstanden und grummelt. Jan will aber noch einmal auf Aydin eingehen.

Jan: Es gehört schon viel dazu, in ein Land einzumarschieren. Da gebe ich dir Recht. Aber auch die Palästinenser sind bereit, Leute umzubringen. Da stellt sich die Frage, was ein gewalttätiger Protest bringt, wenn sich 50 Jahre lang nichts ändert und die Fronten sich stattdessen verhärten. Waffen schrecken eher ab, als dass sie zu einer Einigung führen.

12.39 Uhr: Schluss mit dem Blick über den Tellerrand! Protest gibt es auch vor der Haustür in Deutschland...

Jan: Wofür lohnt es sich denn, hier auf die Straße zu gehen? - Abgesehen vom iPhone natürlich - iPhone für alle!

Die Klasse schmunzelt. Jans überraschende Liebesbekundung zu seinem Handy sorgt für eine kleine Verschnaufpause in der ernsten politischen Debatte. Justin antwortet.

Justin: Im Sommer war Schulstreik.

Jan: Geht ihr da nur hin, weil schulfrei ist?

Justin: Ich war dort, weil ich es wichtig finde. Wir müssen ja noch ein paar Jahre in die Schule.

Die Stunde ist fast vorbei. Jan wirft sich noch einmal in Pose und schreibt Autogramme, bevor er sich auf sein Fahrrad schwingt und davon düst. Nazni fand nämlich heraus, dass Herr Delay keinen Führerschein hat.

Jan: "Ich bin zu faul und ein bisschen öko."

Text: Paula Irmschler; Fotos: Dennis Williamson



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.