Vertretungslehrer Thomas Hitzlsperger "Ab und zu mit Hitlergruß empfangen"

Sind Englands Fußballfans allesamt randalierende Säufer? Hassen sie wirklich die Deutschen? Nationalspieler Thomas Hitzlsperger alias "The Hammer" hat fünf Jahre dort gekickt - und verrät in der Vertretungsstunde des Jugendmagazins "Spiesser", welche Klischees über die Briten er für wahr hält.


12.25 Uhr: Die haben doch einen an der Waffel! In der ersten und zweiten Pause gibt es heute am Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart einen außerplanmäßigen Waffelverkauf als Teil des VfB-Mottotag: "Kommt alle in rot-weiß!". Eine Extrawurst bekommt Thomas Hitzlsperger. In Jeans und Hemd betritt er perlweißlächelnd die Schule. Erster Eindruck: Vollsympath, dieser "berühmte Sportler", wie ihn Rektor Frietjof Stephan der 10. Klasse ankündigt. Schüler Simon erhöht in hervorragendem Schwäbisch.

Simon: Der Bäschte!

Mehr Vorschuss gibt’s nicht, ran an die Gruppenarbeit. Das Thema: Vorurteile über England und Engländer finden und aufschreiben - in englischer Sprache. Die Stifte quietschen, Folien werden mit schludriger Schreibschrift betextet. Nicht ganz ohne Hürden.

Kay: Was heißt noch mal Leben auf Englisch?

Fünf Minuten haben die Teams Zeit. Rektor Stephan verpasst die Gunst der Gelegenheit und verschweigt Hitzlsperger, was er uns vor der Stunde geflüstert hat: Er ist eigentlich KSC-Fan und mag den VfB deswegen so gar nicht. Au Backe! Und noch einer schweigt: Simon soll mit Malika das Ergebnis seiner Gruppe vorstellen, lässt sie aber die ganze Arbeit machen.

Malika: English people drink a lot of alcohol and tea, they have a black sense of humor, love cricket and football and they don t like Germans. The food and the weather in Great Britain are really bad and most of the British football fans are aggressive, especially when they are in groups.

Simon hüllt sich weiter in schweigendes Grinsen.

Malika: Willst du eigentlich auch mal was sagen?

Simon: Ähm, the referee isn't as strict as in Germany... right?

Hitzlsperger: Yeah, that's right.

Hitzlsperger hat fünf Jahre in der englischen Premier League bei Aston Villa gespielt und weiß also, was very british ist und was nicht. Die Vorurteile in der Einzelkritik:

Hitzlsperger: Also das mit dem Tee stimmt, Engländer trinken sehr, sehr viel Tee - auch ich hab irgendwann fünf Tassen am Tag getrunken. Dass sie die Deutschen nicht mögen, liegt wohl daran, dass sie ein seltsames Geschichtsbewusstsein haben. Sie denken immer noch, alle Deutschen wären Nazis. Ich musste lange gegen dieses Vorurteil ankämpfen.

Julian: Wurdest du bei Spielen auch beschimpft?

Hitzlsperger: Ab und zu wurde ich von Anhängern der gegnerischen Mannschaft mit dem Hitlergruß empfangen. Das kam aber eher selten vor und wenn, dann habe ich es ignoriert. Was sollte ich auch anderes tun? Ich hätte ja nicht einfach in den Fanblock rennen können und die Leute zurechtweisen.

12.55 Uhr: Weiter geht es mit Wetter und Kricket. Mehr als das scheinen Ben und Frederick ihre neuen "Spiesser"-Kulis zu interessieren, die wir vor der Stunde verteilt haben. Lieber schnell zur nächsten Gruppe: fünf Jungs, von denen sich keiner nach vorne traut. Kay rappelt sich schließlich auf, stapft nach vorn und sagt die unbequeme Wahrheit:

Kay: Ihr seid alle Feiglinge! Ähm, und unsere Folie ist leider verschollen.

Auch das noch! Wenn da dem Vertretungslehrer mal nicht der Trikotkragen platzt...

Hitzlsperger: Das macht nichts.

Kay aber macht es doch etwas, zumindest seinem Sprachzentrum.

Kay: Also wir haben im Grunde genommen genau dasselbe wie die andere Gruppe. Also aggressive Fans...

Ähm, Englisch?

Kay: Oh yeah... well, we have wrote that äh the tactics of the football äh soccer people äh player is most kick and rush.

Von Stottern und Schwächen im Satzbau besonders erheitert, pressen Julian und Daniel ihre Köpfe in die Armbeugen, ihr Feixen hört man trotzdem. Erst den Schwanz einziehen und dann den Mund aufmachen, schöne Freunde sind das!

Kay: Ja, das ist gar nicht so einfach hier vorn.

Kay beendet den verkorksten Vortrag und spricht einen besonders herzlichen Dank an seine Gruppe.

Kay: Danke, ihr dreckigen Feiglinge!

Profi Hitzlsperger kehrt schnell zum Thema zurück. Kay hatte den hohen Ausländeranteil in der Premier League angesprochen.

Hitzlsperger: Der Anteil ist wirklich hoch, und weil sich England nicht für die EM qualifizieren konnte, wird jetzt den Ausländern die Schuld in die Schuhe geschoben, weil sie angeblich die Engländer aus den Vereinen verdrängen.

Braucht es also eine Quotenregelung, die den Ausländeranteil deckelt?

Hitzlsperger: Ich bin absolut gegen eine Quote. Wenn die englischen Spieler zu schwach sind, sollten sie lieber von neuen Einflüssen profitieren und von fremden Spielern lernen, statt über eine Quote nachzudenken. Aber sie glauben eben auch, dass sie den Fußball erfunden haben.

Etwas undifferenzierter kommt Raphael im letzten Vortrag auf den Punkt.

Raphael: Footballfans are hooligans, they are often drunk and fat.

Die Klasse johlt, auch Hitzlsperger kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Hitzlsperger: Naja, ich glaube davon sind eher die Amerikaner betroffen. Die Engländer unterscheiden sich optisch nicht so arg von den Deutschen. Aber was wirklich stimmt, ist, dass die Engländer sehr schnell, viel und oft trinken.

Jetzt lauschen alle gebannt, selbst die Kuli-Fraktion hat das Spielen eingestellt - im Raum steht die Luft und die Frage: Hat Hitzlsperger in England auch mal schnell und viel und also einen über den Durst getrunken?

Hitzlsperger: Ja, das ist schon vorgekommen. Oft sind wir samstags nach dem Spiel noch feiern gegangen, da ist das mal passiert. Aber nicht regelmäßig. Wenn man das nicht jede Woche macht, dann geht das schon in Ordnung.

Malika: Und wie ist das mit dem Rauchen?

Hitzlsperger: In England rauchen sehr wenige Menschen, vor allem, weil die Preise für Zigaretten so hoch sind.

Malika: Und rauchen Sie selber?

Hitzlsperger: Nein.

13.10 Uhr: Da wir eh gerade bei ungesunden Dingen sind, fragt Marisa wie es um das Sozialsystem in England steht.

Hitzlsperger: Die Gesundheitsversorgung ist katastrophal. Es gibt Leute, die reißen sich selbst die Zähne aus, weil sie sich den Besuch beim Arzt nicht leisten können. Die Zustände in den Krankenhäusern sind wirklich erbärmlich. Kranke Menschen werden aus der Notaufnahme nach Hause geschickt, weil sie nicht genug Geld haben.

Große Augen und eifriges Getuschel in der Klasse - na, hat noch jemand Lust, nach England zu gehen? Schließlich ist es doch heutzutage für die Karriere fast unvermeidlich, im Ausland gewesen zu sein, oder?

Malika: Glaube ich nicht. Wenn man Bäcker werden will, dann muss man nicht unbedingt für ein Jahr nach England oder Frankreich gehen.

Hitzlsperger: Das ist richtig. Ich würde einen Auslandsaufenthalt nicht jedem empfehlen. Wenn man sich unsicher ist, dann sollte man nicht gehen, denn es gibt keine Garantie, dass es gut läuft.

13.15 Uhr: Garantien gibt es im Leben eben selten. Da darf man sich ruhig freuen, wenn es mal richtig rund läuft - und wenn es nur der Waffelverkauf in der ersten und zweiten Pause ist.


Autorin Sandra Kühnel, 17, hat absolut gar keine Ahnung von Fußball. Für ihre fußballbegeisterten vier Brüder und den Papa sollte sie eigentlich Autogramme mitbringen, hat das aber verdaddelt. Au backe...



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