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24. März 2006, 10:23 Uhr

Vertretungsstunde

DDR-Zeitreise mit Jessica Schwarz

Ronald, Jessica und Max sind die Hauptdarsteller des Films "Der rote Kakadu". Als Vertretungslehrer in der 11. Klasse einer Berliner Schule warfen sie einen Blick zurück: auf Dreharbeiten, rasende Roller und Rockmusik in der DDR der frühen Jahre, kurz vor dem Mauerbau.

Geschichtsstunde für den Elfer-Kurs der Rückert-Oberschule in Berlin. Thema heute: Jugend in der DDR. Als Anschauungsmaterial hat das Jugendmagazin "Spiesser" drei berufsbedingte DDR-Jugendliche mitgebracht, die sich erst auf den zweiten Blick als Schauspieler entpuppen. Es handelt sich um Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld und Max Riemelt, Hauptdarsteller im Film "Der rote Kakadu".


8.55 Uhr, arg früh. Ronald, Max und Jessica setzen sich ans Pult, sie haben Pappbecher mit Kaffee dabei, um die letzte Müdigkeit zu vertreiben. Es geht los.

Ronald: So, habt Ihr denn auch die Aufsätze fertig? Ich sammel gleich mal ein!

Ähm. Haben wir da was nicht mitbekommen?

Ronald: Na gut, dann eben keine Aufsätze. Dafür stelle ich uns kurz vor. Frau Schwarz, Herr Riemelt und ich, Herr Zehrfeld. Wir reden heute mit euch über die Jugend der sechziger Jahre in der DDR und über euch. Wir vergleichen, sozusagen.

Jessica: Habt Ihr die DDR-Geschichte schon mal durchgenommen?

Maarit: Ganz bestimmt...

Jessica: (lacht) Aha, da mag jemand das Thema nicht!

Aber Unterricht bleibt Unterricht, und Thema bleibt Thema. Deswegen erklärt Ronald schnell den Inhalt des Films "Der rote Kakadu": Siggi liebt Luise, Luise liebt Wolle, und die Welt ist furchtbar kompliziert, vor allem, wenn ein paar Volkspolizisten einem das Leben schwer machen. Vor dem Hintergrund des drohenden Mauerbaus 1961 erzählt der Film von drei jungen Menschen, die Sehnsucht haben. Nach Spaß, Freiheit und dem großen Leben.

Ronald: ...und deshalb fanden es viele nicht schlimm, in der DDR zu leben. Nee, die wollten da was mit aufbauen. Das war denen wichtig! Was ist euch wichtig? Wofür würdet ihr etwas in Kauf nehmen?

Camille: Persönlichkeitsentwicklung ist mir wichtig. Ich glaube nicht, dass das 1961 in Dresden, wo der Film spielt, möglich war. Da musste man sich über den Staat definieren.

Max: Ja, dass ist meiner Figur, dem Siggi, auch wichtig. Der interessiert sich nicht für Politik, aber er will an die Kunsthochschule, das ist ihm wichtig. Da muss er das System halt in Kauf nehmen.

Ronald: Es geht immer irgendwie darum, das zu machen, was gerade halt nicht geht. Kunsthochschule? Geht nicht. Rock'n'Roll? Geht nicht. Da ist eine Sehnsucht in den Jugendlichen, in unseren Figuren. Die gab es damals. Man muss sich das mal vorstellen, da gab es sogar für den Roten Kakadu, die Bar, in der sich unsere Figuren immer treffen, eine Musikregel: 60 Prozent Ostschlager, 40 Prozent Rock'n'Roll.

Matthias: Habt ihr die DDR noch kennen gelernt?

Jessica: Ich komm aus einer Kleinstadt im Westen, da hatte man nicht viel mit der DDR am Hut. Für mich war's schon schwierig, mich dem Thema zu nähern. Ich hatte tausend Fragen, und einmal hat mich der Ronald abends mit an die Elbwiesen genommen und mir alles erklärt. Da waren Wörter, die kannte ich noch nicht einmal! Und ein paar Meter weiter saßen so Typen, und der eine rief "Ist doch alles längst vorbei, Alte".

Also, als wir gedreht haben, sind wir dann irgendwie reingekommen. Durch die Kostüme, das Make-up. Und die Dresdner haben uns wahnsinnig geholfen. Jeder Taxifahrer hat uns was erzählt. Und dann sind wir auf einem alten Roller durch die Stadt gedüst, auf den Spuren von Wolle und Luise.

Ronald: Ich hab mich verliebt, in diesen Roller.

Jessica: Ja, das hast Du!

Ronald träumt vom Roller, aber der Zeiger der Uhr rückt weiter. Unterricht, meine Damen und Herren! Keine Träumereien!

Ronald: Lasst uns darüber reden, was diese Zeit ausgemacht hat. Da war einerseits eine große Aufbruchstimmung, andererseits aber auch Angst vor der Zukunft. Das hat die Menschen zusammengebracht. Das Miteinander war stärker.

Maarit: Aber in einer Großstadt wie Berlin kann das nie so sein. Man kann nicht jeden kennen. Deswegen gibt es auch dieses Miteinander nicht mehr.

Dorothee: Das hat doch nichts mit Groß- oder Kleinstadt zu tun, eher mit den Menschen selbst.

Camille: Ja, das ist so eine Werte-Sache, heute sind den Menschen andere Dinge wichtiger.

Plötzlich schießen mindestens zwölf Hände in die Höhe, jeder will etwas dazu sagen.

Ronald: Ja, jetzt kommen die Hände!

Dorothee: Vielleicht gab es dieses Miteinander, weil man gemeinsam für etwas gekämpft hat!

Ronald: Und vielleicht wird es mal wieder Zeit dafür. Na ja, nicht für einen Kampf, aber dafür, dass die Leute wieder näher zusammenrücken.

Beim wilden Gestikulieren fällt Rolands Kaffeebecher vom Tisch. Aber Herr Zehrfeld, wer wird denn gleich? Der Fleck muss weg! Wir sind in einer Schule, nicht bei Hempels unterm Sofa. Brav putzen Jessica, Max und Ronald den Boden. Und spätestens jetzt wissen alle: Die drei machen sich nicht nur auf der Leinwand gut, sondern auch im Klassenzimmer. Und so heiße Diskussionen gibt es auch nicht in jeder Schulstunde. Fein gemacht. Nur an der Pünktlichkeit muss noch gefeilt werden, immerhin haben sie satte 15 Minuten überzogen. Welcher Lehrer darf das schon?

Protokoll: Hannah Demtroeder

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