Vertretungsstunde mit Herrn Herbig Bully und die Anarchie

Diktatur, Demokratie, Anarchie - das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Bully Herbig als Politik-Vertretungslehrer an ein Münchner Gymnasium. Die Schüler lernten: Keiner bremst den Papst, echte Bayern sind Monarchen, und Demokratie ist, wenn man für Kaffee demonstriert.


11.35 Uhr. Die Pause läuft noch, aber die Schüler der 10n rutschen schon hibbelig über ihre Schulbänke, warten aufs Klingeln. Ein kleiner Mann schlüpft ins Klassenzimmer: Bully. Die Klasse johlt vor Begeisterung. Bully gibt erst mal ganz den Lehrer und schreibt seinen Namen in Großbuchstaben an die Tafel: HERR HERBIG. Die Klasse begrüßt ihn artig und im Chor: Guten Morgen, Herr Herbig.

11.40 Uhr. Jan hält ein Kurzreferat über Monarchie. Bully hört konzentriert zu und streicht sich dabei den nicht vorhandenen Bart am Kinn. Er wirkt so routiniert, als stünde er täglich vor einem Haufen Zehntklässler.

Bully zu Jan: Das hast du gut gemacht. Es gibt aber immer noch eine absolute Monarchie. Im kleinsten Staat der Welt…

"Monaco", "Luxemburg" und "Vatikan", murmeln die Schüler.

Bully: Genau: der Vatikan. Immerhin sagt der Papst dort ja alles an. Da gibt es keinen, der ihn einbremst.

11.45 Uhr. Bully kratzt in seinem typischen Lehrermonolog alle Staatsformen oberflächlich an. Für mehr fehlt es ihm schlicht am Fachwissen. Aber Bully bleibt trotzdem locker.

Bully: Wer von euch hat denn schon mit Anarchisten zu tun gehabt?

Florian: Einer unserer Lehrer, der Herr P., ist Anarchist.

Schallendes Gelächter von Bully und dem Rest der Klasse.

Bully: Warum ist der Anarchist?

Florian: Er erzählt in seinem Unterricht, dass Anarchie die beste Staatsform sei.

Bully: Du schwärzt Eure Lehrer ja ganz schön an. Na gut. Holt doch den Herrn P. bitte aus seinem Unterricht. Der soll mir mal erklären, was an Anarchie so toll ist.

Zwei Schüler begeben sich auf die Suche nach Herrn P. Bully dauergrinst derweil und imitiert den Namen des Lehrers mit seiner tuntigen Käse-Sahnetorten-Stimme aus dem Traumschiff-Film. Die beiden Schüler kommen ebenfalls breit grinsend zurück und meinen: Der Herr P. kommt gleich nach.

11.50 Uhr. Der Herr P. ist immer noch nicht erschienen. Thomas überbrückt mit einem Referat über Demokratie.

Bully: Demokratie ist wirklich eine gute Sache. Wahrscheinlich könnte ich meinen Job nicht ausüben, wenn es hier keine Demokratie gäbe. Kennt ihr auch Diktaturen?

Julian: Kuba.

Bully: Naja. Der Castro ist ja schon fast wieder lustig. Kuba ist aber eher kommunistisch.

12 Uhr. Der Herr P. ist immer noch nicht da. Bully schickt den Suchtrupp wieder los. Die beiden Schüler kommen zurück und berichten, Herr P. wolle nun doch nicht kommen und außerdem sei Anarchie gar nicht seine Lieblingsstaatsform. Bully lacht, als hätte er es geahnt: So schnell kann man seine Meinung ändern. Dann eben weiter im Text mit Bullys Lieblingsstaatsform: der Demokratie.

Bully: Seid ihr eigentlich zufrieden mit der Demokratie in Deutschland?

Denis: Ja. Einigermaßen. Nur die Steuern nerven.

Bully: Aber ihr kennt doch nur die Demokratie. Von euch hat doch keiner den Mauerfall mitbekommen. Davor gab’s da ja noch die DDR. Kann mir mal jemand erklären, was daran demokratisch war?

Thomas: Das war nur eine Scheindemokratie. Es gab ja nur eine Partei, die man wählen konnte.

Bully: Wie bezeichnet man denn dann so ein Staatssystem? War Honecker ein Diktator oder ein Demokrat? Ein Anarchist war er jedenfalls nicht. Vielleicht ein Zwitter – oder ein Komiker. Zumindest wenn man sich diese Knutschereien mit Breschnew anschaut. Immer dieser Bruderkuss auf den Mund. Das machen die Russen ja heute noch. Putin küsst genau so - allerdings die Merkel. Von der Komik einmal abgesehen war die DDR ja ein eigenständiger Staat unter der Fuchtel der Sowjetunion. Richtig!? Habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, wie das damals war? Sollte die Mauer wieder her?

Florian ernst: Ja.

Alle lachen.

Bully: Warst du überhaupt schon mal in den neuen Bundesländern? Wo kommst du denn her?

Florian: Ich war noch nie drüben. Ich komm aus München.

Bully: Also bist du sozusagen ein Monarch?

Florian: Ja. Ein echter Bayer ist ein Monarch.

12.10 Uhr. Bully guckt skeptisch, kann sich ein Lachen aber dennoch nicht verkneifen und kommt zum Thema zurück.

Bully: Ist Schule eigentlich demokratisch?

Dominik: Nein. Wenn der Lehrer etwas befiehlt, müssen wir das machen.

Bully: Aber ihr habt doch einen Klassensprecher! Der wurde ja auch gewählt. Wer ist das denn?

Julian meldet sich.

Bully: Was machst du denn als Klassensprecher?

Julian todernst: Ich sammle Geld ein.

Bully kann sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten: Du kleiner Schmarotzer. Für wen denn?

Julian: Für die Lehrer.

Bullys Stimme schraubt sich hoch zu schrillem Gelächter.

Bully: Bei Euch möchte ich auch Lehrer sein. Da wird man also direkt von den Schülern bezahlt. Für die guten Noten? Oder geht ihr dann zu dem Herrn P. Und fragt ihn, ob ihr ihm nicht mal einen neuen Rock spendieren sollt?

Julian: Nein. Das Geld sammle ich für Bücher, für Lektüren.

Bully: Was machst du sonst noch so, außer Geld einzusammeln?

Julian: Ich sag manchmal, dass die Klasse leise sein soll.

Bully immer noch lachend: Du gefällst mir. Mehr macht der Bundeskanzler ja auch nicht. Aber wisst ihr, was Demokratie in der Schule ist? Vorhin habe ich bei eurem Pausenstand keinen Kaffee bekommen. Demokratie wäre jetzt, wenn wir geschlossen auf die Straße gehen und für frischen Kaffee demonstrieren!

Patrick: Wir kommen schon an unseren Kaffee. Der Hausmeister vertickt den unter der Hand an alle Schüler.

Die anderen grinsen bestätigend, Bully lacht sich schlapp.

Bully: Es gibt ja auch Schulen, wo Schüler selbst entscheiden können, was sie lernen wollen.

Laura: Ich war mal auf der Waldorfschule und fand toll, dass wir da aussuchen durften, was wir machen. Wir hatten nur Wochenpläne, die wir erledigen mussten.

Bully: Gab es da Zeugnisse?

Laura: Ja. Aber wir durften uns immer selbst einschätzen.

Bully: Das gefällt mir. Bei mir hätte dann dringestanden: "Der Herbig schätzt sich auf 18!"

12.20 Uhr. Es klingelt. Bully lässt einen lauten Entsetzensschrei los, so überraschend kommt das Läuten. Er redet nun in doppeltem Sprechtempo. Dann wird er, wie ein Plüschtier in Lebensgröße, von den Schülern durchs Klassenzimmer gezerrt, um Autogrammkarten zu verteilen und um mit jedem Einzelnen ein Foto zu knipsen. Mit der Schulstunde ist Bullys Pubertätstraum, zumindest teilweise, wahr geworden. Damals wollte er schon einmal Lehrer sein; aber nur Sportlehrer, weil er von hübschen Mädchen in kurzen Sporthöschen so begeistert war.

Protokoll: Felix Scheidel



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.