Vertretungsstunde mit Mia Mieze entwirrt ihre Songtexte

Als Sängerin der Band Mia schreibt Mieze einen Song nach dem anderen. Wie kommen die eigentlich bei Hörern an? Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Mia als Vertretungslehrer an ein Berliner Gymnasium - Sender und Empfänger suchten nach einer Wellenlänge.


Musikunterricht. Ein bisschen trällern, ein paar Gitarrenakkorde? Nicht mit Mia! Mieze, Bob, Ingo, Gunnar und Andi nehmen sich beim Wort und untersuchen, wie ihre melodischen Botschaften den Hörernerv treffen. Als Testobjekt dient die 11a des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums in Berlin.

11.50 Uhr. Gitarrist Ingo begrüßt die Klasse zackig und lotet den Ruhmreichtum der Band aus.

Ingo: Wir ziehen das jetzt einfach mal durch, es kann ja auch lustig werden. Ist denn jedem klar, wer hier vorn eigentlich steht?

Nicht ganz. So kritzelt Ingo die Namen seiner Bandkollegen an die Tafel und malt je einen Pfeil dazu. Ein Schüler schlussfolgert scharfsinnig...

Mirko: Da dürft ihr euch jetzt aber nicht anders hinstellen!

Na, ob sie das durchhalten?

11.52 Uhr. Ingo stellt das Unterrichtsthema vor: Die Theorie von Sender und Empfänger - in einem Mia-Spezial.

Ingo: Wir als Band senden eine ganze Menge, ihr empfangt. Doch was bleibt auf der Strecke? In der Schule haben die Lehrer oft für uns überlegt, was ein Dichter mit seinem Text meinte. Aber woher weiß der Lehrer, was der Dichter dachte? Womit wir schon beim Problem wären! Wir haben da mal was vorbereitet.

Zettel werden ausgeteilt. Arbeitsblätter? Nee, es ist der Text zum Lied "Was ganz Besonderes". Rico liest die zweite Strophe.

Rico: Ich glaub es passiert schon wieder / Sprung in der Platte, gegen den Strich / Als ob etwas im Gange ist / Mit dem ich wieder mal nicht rechne / Hatte eben noch so einen Verdacht / Jetzt nur noch lose Fäden / Wann werde ich es verstehen / Will ich es je verstehen?

Mieze: Wie viele Leute seid ihr? 28? Gut, 28 Menschen, 28 Meinungen. Es wird immer erwartet, dass, wer miteinander redet, sich auch versteht. Aber es ist gar nicht einfach, dass das, was man sendet, auch beim Empfänger ankommt. Also, was glaubt ihr, sagt die zweite Strophe?

Mirko druckst rum.

Mirko: Dass, wie soll ich sagen, dass man selbst was ganz Besonderes ist.

Aha. Und weiter?

Melina: Ich glaube, es geht dabei um eine Beziehung, in der zwei nicht voneinander lassen können.

Tom: Ich würde das so interpretieren, dass man irgendwas nicht fassen kann, dass einem was durch die Finger gleitet.

Die Band ist ganz aufgeregt. So nah wie Tom war noch niemand dran! Aber wie ist es nun genau? Bassist Bob versucht sich auch einmal.

Bob: Kennt ihr diese speziellen Momente, die nur eine Sekunde lang dauern, und man denkt "Mensch, das find ich gerade toll", aber man kann nicht sagen, woran es liegt? Darum geht es. Glaube ich.

12.05 Uhr. Mieze wirbelt Richtung Klasse.

Mieze: Glaubt denn von euch jemand an Schicksal?

Ein paar Mädels in den hinteren Reihen nicken heftig, andere schauen eher skeptisch.

Mieze: Jeder weiß doch, wie es ist, wenn Sachen passieren, mit denen man nicht gerechnet hat, oder?

Rick: Das nennt man dann aber Zufall!

Andi: Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Schicksal und Zufall?

Band und Schüler diskutieren munter drauflos.

Jenny: Eigentlich ist Schicksal doch nur ein Hirngespinst der Menschen, Zufälle passieren schließlich immer.

Gunnar: Ja, genau. Man kann an Schicksal glauben oder es von sich wegschieben und feststellen, dass man ein selbst bestimmter, mündiger Mensch ist, der die wesentlichen Entscheidungen in seinem Leben selbst trifft. Dann gibt es nur noch den Zufall!

12.27 Uhr. Sender und Empfänger suchen nach der gemeinsamen Wellenlänge. Gleich haben wir es! Mieze entwirrt ihre Wörter.

Mieze: Da draußen ist ein einziges Chaos und Überangebot. Das Unbeständige, der Zufall, ist das Einzige, auf das man sich verlassen kann. Das Besondere ist, wenn man das alles in seiner Qualität zu schätzen weiß – und darauf spielt der Titel an.

Ein drängender Einwurf.

Melina: Ist es denn überhaupt ratsam, solche verschlüsselten Texte zu schreiben?

Mieze: Na, wenn du schon selbst erfahren hast, was in dem Text gesagt wird, oder wenn es dich auch nur an etwas erinnert, dann kannst du ihn auch entschlüsseln.

Geschafft. So große Gedanken stecken also in einem so kleinen Text. Letzte Frage an Mieze.

Rick: Und wie ist das, wenn ihr eure Lieder und Texte auf die Menschheit loslasst und Aussagen ganz anders interpretiert werden - also nicht so, wie du selbst beim Texten gedacht hast?

Mieze überlegt.

Mieze: Hmm, wir sind ja so lang mit einem Song beschäftigt, und wenn er dann fertig ist, denken wir alle - jeder auf seine Weise -, dass er dem Lied das mitgegeben hat, was ihm wichtig war. Dann sag ich zu dem Lied (sie lacht!): "So, nun geh raus und sag der Welt, was du zu sagen hast!", und dann kann man nichts mehr machen! Aber das ist auch gut so!

Die Klasse ist zufrieden, überhört die von Andi aufgetragenen Hausaufgaben großzügig und stellt den Vertretungslehrern ein gutes Zeugnis aus: Note Zwei.

Protokoll: Franziska Matthes



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