Vertretungsstunde mit Oliver Kalkofe "Glaubt ihr, dass Fernsehen doof macht?"

Niemand schimpft über das Fernsehen so gekonnt wie er: Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Oliver Kalkofe als Vertretungslehrer in eine Berliner Oberschule. Den Zehntklässlern erzählte der TV-Scharfrichter, wann sie besser die Finger von der Fernbedienung lassen.


12:07 Uhr an der Berliner Georg-Foster-Oberschule: "Herr Kalkofe, ich liebe Sie!" durchbricht die Stimme eines Schülers die Stille auf dem Schulhof. Herr Kalkofe nimmt unbeirrt die letzten Meter Richtung Schulgebäude, erst bei der Ankunft im Zimmer der 10/1 stockt er irritiert: Gibt es denn bei euch keine Klingel mehr? Oder seid ihr alle solche Streber, dass ihr schon vor Stundenbeginn im Klassenraum sitzt? Letzteres, denn die Stunde beginnt 12:10 und damit genau... Moment... jetzt!

Oliver Kalkofe: Mir wurde gesagt, ich soll hier einen Vokabeltest machen. Latein, oder?

12:12 Uhr - Medienkunde, Latein... wo ist denn da der Unterschied? Wir sind mit dem Latein am Ende, bevor wir damit überhaupt begonnen haben. Stattdessen gibt es Vorträge über das deutsche Fernsehen. Andreas hat das Programm an einem völlig normalen Mittwoch auf ProSieben und ARD analysiert.

Andreas: Comedy-Sendungen machen bei ProSieben mit sieben Stunden 29,1 Prozent des Tages aus. Nachrichten schlagen mit fünf Stunden, also 20,8 Prozent zu Buche. Ein Großteil davon läuft zwischen drei und sechs Uhr früh...

Oli: Also wenn ProSieben wirklich behauptet, es würden von drei bis sechs Uhr Nachrichten gesendet, dann ist das gelogen. Zwischendurch laufen immer wieder diese Call-In-Shows, die inzwischen auf den meisten Privat-Sendern das Nachtprogramm füllen. Damit wird der Nachrichtenanteil also schon mal erheblich reduziert. Was guckt ihr denn so?

Die Klasse antwortet einstimmig: Comedy. Aber das reicht Oli nicht.

Oli: Und was ist mit den öffentlich-rechtlichen Sendern?

Max: Nachrichten. Und Bundesliga.

12:25 Uhr - Der Rest der Klasse hält sich zurück. Vielleicht liegt es daran, dass einige mit den Begriffen "öffentlich-rechtlich" und "privat" nicht viel anfangen können. Hannes kann mit seinem Vortrag Abhilfe schaffen.

Hannes: Die privaten Sender wie ProSieben oder Premiere können sich aussuchen, was sie senden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Bildungsauftrag der Bundesregierung: Sie sollen Unterhaltung und Bildung gleichermaßen vermitteln.

Oli: Richtig. Der Hauptunterschied liegt letztendlich darin, wo die Sender ihr Geld herbekommen. Die öffentlich-rechtlichen Sender kriegen das Geld über die GEZ-Gebühren. Die privaten Sender finanzieren sich über Werbung. Aber wie wird festgelegt, wer wie viel Geld bekommt?

Uwe: Der Sender, der die höchsten Einschaltquoten hat, bekommt am meisten Geld für Werbung.

Oli: Ja, richtig. Und wie ist das bei den öffentlich-rechtlichen? Hat die Quote da eine Bedeutung?

Jan: Um zu gucken, wie erfolgreich eine Sendung ist. Und um sie dann abzusetzen, weil sie nur Geldverschwendung ist.

12:30 Uhr - Die Einschaltquote scheint also eine ziemlich wichtige Sache zu sein. Aber was genau ist das eigentlich?

Max: Anhand der Quote sieht man, wie viele Leute ein bestimmtes Programm sehen. Gemessen wird sie seit 1975. Die Kosten dafür belaufen sich auf jährlich 20 Millionen Euro.

Oli: Wow. Das wusste selbst ich nicht. Frechheit!

In Deutschland gibt es 34 Millionen Haushalte mit Fernsehgeräten. Die Quote wird berechnet mit einem GfK-Meter, das die Benutzung des Fernsehers in 5640 repräsentativen Haushalten mit insgesamt 13.000 Einwohnern misst. Ein Mensch dieser repräsentativen Gruppe steht also für 6000 Bundesbürger. Die Daten dieser Leute werden an die Gesellschaft für Konsumforschung geschickt und ausgewertet.

Oli: Früh morgens um neun liegen die Quoten bei den Fernsehsendern vor. Und dann sitzt jeder, der beim Fernsehen arbeitet, da und schaut sich mit zittrigen Händen die Quoten an.

Hannes: Und was war Ihre höchste und niedrigste Einschaltquote?

Oli: Das kann ich so genau gar nicht sagen. Inzwischen ist nämlich der Marktanteil viel wichtiger. Wisst ihr, was das ist?

Max: Der Anteil von der Gesamtzuschauerzahl, der die Sendung gesehen hat.

Oli: Genau. Der Marktanteil von ProSieben liegt bei zwölf Prozent. Und wenn du drüber bist, ist alles super und alle haben dich lieb. Mein niedrigster Marktanteil war so 8,5 Prozent. Das ist dann doof.

Nur 8,5 Prozent in der Zielgruppe der 19-bis 49-Jährigen. Hart, aber gerecht?

Oli: Findet ihr es gut, dass nicht mal 6000 Haushalte über das Fernsehprogramm entscheiden?

12:35 Uhr - Die Klasse ist sich einig: Das sind entschieden zu wenig. Die Haushalte wählt übrigens ein privates Marktforschungsunternehmen aus, das Gfk Group heißt. Nicht zu verwechseln mit der GEZ. Apropos: Schon gezahlt, Herr Kalkofe?

Oli: Natürlich zahle ich GEZ! Aber ich finde die Gebühren nicht gerechtfertigt, um das gleich mal zu sagen. Denn man zahlt für ein Programm, ob man es sehen will oder nicht. Für das, was auf den öffentlich-rechtlichen Sender läuft, möchte ich mein Geld eigentlich nicht ausgeben. Das ist nicht fair. Oder seid ihr mit dem Fernsehprogramm total zufrieden?

Jan: Ich finde, es ist zu viel Werbung drin. Vor allem Klingeltonwerbung ist schrecklich.

Jonas: Ich finde diese Gerichtsshows schlimm. Wenn ich das im Fernsehen sehe, wird schnell weggezappt.

Oli: Alles Betrug. Genau wie die Abschlussklasse und andere solche "Reality-Shows". Guck das jemand von euch?

Alle lachen. Keiner meldet sich.

Jan: Das sind doch keine echten Dokumentationen, die sind gestellt. Nur Talkshows sind Verarsche mit echten Deppen.

Oli: Ja, diese Leute glauben, sie könnten ihre Probleme lösen, wenn Millionen Menschen zusehen. Klappt übrigens meistens nicht. Glaubt ihr, dass Fernsehen doof macht?

Jan: Call-In Shows schon. Da war doch mal diese eine Arbeitslose, die dauernd dort angerufen hat und dann 3000 Euro Telefonschulden hatte.

Oli: Und als ihr Telefon gesperrt wurde, hat sie vom Handy aus weiter angerufen. Aber warum trifft nie jemand die richtige Leitung? Man hat gar keine Chance durchzukommen. Je mehr anrufen, desto lauter ruft der Moderator "Mensch, warum ruft hier bloß keiner an?" Erst wenn die Leute aufhören anzurufen, stellen sie mal einen durch, um zu zeigen es geht ja doch!

Jan: Ist es Absicht, dass die, die durchgestellt werden, immer Idioten sind?

Oli: Ich glaube, es rufen einfach nur Idioten an. Es gibt so viele Idioten...

12:55 Oli wird durch die Klingel unterbrochen: Die Stunde ist offiziell zu Ende.

Oli: Was habt ihr denn als nächstes? Ist das wichtig? Oder können wir überziehen?

Allgemeines Gemurmel: Deutsch und Geschichte ... Weitermachen! Nächste Frage: Wie würde Oli denn das deutsche Fernsehen ändern, wenn er könnte?

Oli: Sprengen. Nein im Ernst: Es ist so einfach darüber zu reden, was schlecht ist, aber es ist schwer, etwas zu verändern. Man muss bei jedem Programm darauf achten, dass es den kleinsten gemeinsamen Nenner trifft. Das macht intelligente und spannende Unterhaltung eigentlich unmöglich. Ich kenne die Menschen, die beim Fernsehen arbeiten. Glaubt nicht, dass alle, die Fernsehen machen, intelligent sind. Und glaubt bloß nicht, dass Superstar ein erstrebenswerter Job ist. Das ist ein Scheiß-Job. Macht das nur, wenn ihr euer Leben ruinieren wollt.

Die Klasse lacht, aber Oli bleibt ernst:

Oli: Ehrlich: Man kann vom Fernsehen schlecht leben. Man bekommt vielleicht MAL eine ganz gute Summe für eine Sendung, aber dafür bekommt man dann wieder ganz lange nichts.

Gutes Fazit: Finger weg vom Fernsehen. Außerdem drängt der Direktor die Schüler zur nächsten Stunde.

Oli: Möchte noch jemand etwas sagen?

Jan: Herr Kalkofe! Ich liebe Sie immer noch!


Autorin Susanne Rentsch, 14, ist eigentlich alles andere als ein TV-Junkie. Sie beobachtet sogar Muster von Raufasertapeten lieber als das Fernsehen.



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