Nike Laurenz

Schulsport-Debatte Sollte Völkerball an Schulen verboten werden?

Ausweichen, fangen, werfen - und rausfliegen. Völkerball wird im Schulsport ständig gespielt, nun gibt es scharfe Kritik von Experten. Sollte der Völkerball aus dem Unterricht verbannt werden?
Sollte Völkerball im Sportunterricht verboten werden? (Symbolbild)

Sollte Völkerball im Sportunterricht verboten werden? (Symbolbild)

Foto: monkeybusinessimages/ iStockphoto/ Getty Images

"Unterdrückend" und "entmenschlichend" - kanadische Forscher haben in einer Studie zum Sportunterricht an Schulen ein vernichtendes Urteil über das Dodgeball-Spiel gefällt, das dem des Völkerballs ähnlich ist. Damit traten sie eine hitzige Debatte in sozialen Netzwerken los: Viele berichten von eigenen Erfahrungen mit Völkerball. Einige schwärmen von dem Spiel. Andere haben keine guten Erinnerungen - und setzen sich sogar für ein Völkerball-Verbot an Schulen ein.

Sollte der Völkerball also aus dem Sportunterricht verbannt werden?

Ja, findet unsere Autorin Nike Laurenz, die sich während des Spiels in ihrer eigenen Schulzeit häufig gedemütigt fühlte. Autor Felix Keßler hingegen hat Völkerball immer geliebt - und kann die Aufregung um das Spiel nicht verstehen.

Pro

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"Das Spiel besteht aus Demütigung"

Ein Softball ist ein weicher Ball mit glattem Überzug. Davon getroffen zu werden, kommt allerdings dem Schmerz einer Ohrfeige gleich. Das erfuhr ich im Sportunterricht, beim Völkerball. In dreizehn Jahren Schule war er bei uns oft das Aufwärmspiel. "Guten Morgen, holt mal einen Softball aus dem Geräteraum, wir starten mit Völkerball!" Das rief der Lehrer, und es hörte sich nur das erste Mal freundlich an, danach klang diese Begrüßung für mich wie eine Bedrohung.

Ich ging gern zum Sport, obwohl ich eher unsportlich war. Ich liebte Schwebebalken, Trampoline, ich mochte Badminton, und Basketball fand ich mindestens okay. Aber immer, wenn einer den Softball holen ging, wurde mir flau, machte sich ein Unwohlsein in mir breit: das Gefühl, wenn mir klar wurde, ich bin die nächsten 20 Minuten nichts mehr wert. Denn das Völkerballspiel bestand aus verschiedenen Leveln der Demütigung.

Demütigungslevel eins: das Wählen der Teams. Leider wollten die meisten nicht, dass ich in ihrem bin. Klägliche Blicke zwischen mir und meiner Freundin, bei der es auch so war: Na, wer wird heute bis kurz vor Schluss stehen bleiben?

Demütigungslevel zwei: sich nicht verstecken können. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe es während des Völkerballs selten geschafft, mich vor dem Ball zu ducken. Wir bewegten uns mit zu vielen Leuten auf zu kleiner Fläche, ständig trampelte ich jemandem auf die Füße oder stieß ihn an. Auf jeden Fall stand ich immer im Weg. Vorteil für die Gegner.

Demütigungslevel drei: nicht fangen können. Ein Kumpel aus meiner Klasse spottete mal: "Wenn der Ball auf dich zufliegt, kriegst du voll den Körperklaus." Das ist inhaltlich richtig. Völkerball ist das Spiel, das die Tollpatschigkeit, die einigen Menschen innewohnt, auf die ganz große Bühne bringt.

Demütigungslevel vier: abgeworfen werden. Ständig traf es mich als Erste oder Zweite. Ein Softball ist in diesem Moment hart wie Stein. Bei unserer Version des Völkerballs flog man nach dem Abwurf raus. Peinliches Trotten zum Rand, hoffentlich hat's keiner mitgekriegt. Doch, alle, und da lachen sogar welche!

Dodgeball, eine in Nordamerika beliebte Völkerball-Variante, sei gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing, sagt die kanadische Bildungsforscherin Joy Butler, die in einer Studie den Sportunterricht an Schulen untersucht hat. "Die Botschaft des Spiels lautet: Es ist okay, andere zu verletzen." Problem erkannt. Lehrer sollten das wissen, Schüler schützen und Völkerball einfach sein lassen.

Das Spiel passt sowieso nicht mehr in eine Zeit, in der Anti-Mobbing-Trainer in Klassen referieren und Respekt-Coaches auf Schulhöfen patroullieren. Völkerball war ursprünglich ein rituelles Kriegsübungsspiel, habe ich gelesen. Wer etwas zur Geschichte des Spiels erfahren will, trifft online immer wieder auf Ausführungen der Sportwissenschaftlerin Anita Rudolf und des Psychologen Siegbert Warwitz . Demnach sollte bei dem Spiel eine Schlacht zwischen zwei Völkern symbolisiert werden, die sich mit ihren Königen gegenüberstehen. Der Kampfplatz, die Territorien der Kriegsparteien, war das Spielfeld, der Ball die Waffe. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.

Es wird einsam gekämpft. Und einsam verloren, anders als bei anderen Sportarten. Beim Handball waren wir gemeinsam die Loser, wenn die anderen gewannen. Ich verlor mit meiner Mannschaft. Beim Völkerball verlor ich ohne sie, was dazu führte, dass die Trennlinien innerhalb der Gruppen verliefen. Die einen waren die Körperklause, die anderen nicht. Damit waren auch die Rollen für den restlichen Schultag zementiert.

Wir waren kein Team, und Völkerball war kein Sport. Wir bewegten oder dehnten uns kaum. Das Ausweichen vor dem Ball ließ sich nicht als Übung verstehen, schließlich musste an den Rand, wer es nicht konnte. Es gab keine zweite Chance und keine Gelegenheit, etwas zu lernen. Oder gibt es einen Lehrer, der als Aufwärmung des Aufwärmspiels Ball fangen übt? Kenne keinen. Das Völkerballspiel fördert rein gar nichts. Außer Frust.

Softbälle haben ein kleines Loch in der Haut. Nach dem Spiel habe ich meine Hände manchmal vor Wut in den Schaumstoff gedrückt, durch das Loch entwich dann Luft und der Ball brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder aufzuplustern. Endlich hatte ich Macht über den Ball. Jetzt, dachte ich in diesem Moment, würde ich so gern werfen können, mit Schmackes, der Ball als Waffe, irgendwem direkt ins Gesicht.

Kontra

Felix Keßler

"Ich habe das Spiel geliebt"

Kennen Sie noch die muffigen Schaumstoffbälle aus dem Sportunterricht, die sich wegen ihrer längst zerfledderten Hüllen kaum noch werfen ließen? Das war es, worüber ich mich beim Völkerball aufregen konnte. Ansonsten habe ich das Spiel geliebt.

Der Glücksmoment, wenn ich einen gut platzierten Ball aus kurzer Distanz doch noch fangen konnte und einen Mitspieler so wieder ins Feld bringen konnte. Der kurze Ärger über mich selbst, wenn mich doch noch ein unbemerkt abgefälschter Ball an der Wade streifte. Bei keinem anderen Schulspiel wechselten sich Triumph und Niederlage so schnell ab.

So archaisch wie offenbar mancher Völkerball-Kritiker das unterstellt, ging es bei uns nie zu. Das Spiel sei gleichzusetzen mit "legalisiertem Mobbing", heißt es in einer kanadischen Studie. Grundlage bei uns war ein Kodex, der auf Fairness und Ehrlichkeit fußte. Schon der Versuch eines Kopftreffers wurde mit Spielausschluss bestraft. Wer getroffen wurde, musste selbstverantwortlich raus aus dem Innenfeld - und sein Glück als Werfer von außen neu versuchen.

Bei anderen Sportarten entstanden Streitereien dafür häufig aus Kleinigkeiten: "Ist das noch ein Sternschritt oder schon mehr? Steht der Gegenspieler schon mit der Zehenspitze im gegnerischen Feld?" Beim Völkerball wäre es müßig gewesen, sich über solche Lappalien aufzuregen. Dafür ging alles zu schnell - und das war gut so.

Meistens war man nach einem Abschuss spätestens nach ein paar Minuten ohnehin wieder im Spiel. Entweder durch eigenes Geschick oder durch die Mitspieler - von Ausgrenzung kann da keine Rede sein. Ganz im Gegenteil: Spielten wir mit mehreren Bällen, hielten wir als Team zusammen, warnten uns vor herannahenden Gegnern und stimmten Angriffe ab.

Blaue Flecken oder Verletzungen konnten mir selbst die kräftigsten Spieler mit den Softbällen nie zufügen. Und selbst wenn. Was war ein blauer Fleck gegen das tagelange Mobbing, was einige Mitschüler ertragen mussten, nachdem der Sportlehrer die Ergebnisse bei Lauf-, Sprung oder Wurfwettkämpfen verlesen hatte?

Im Sport, das ist ein Grundprinzip, gibt es Verbündete und Gegner, Gewinner und Verlierer. Es wäre absurd, wenn das im Völkerball, ja im Schulsport überhaupt, anders wäre. Wenn ein guter, fairer Treffer keine Konsequenz hätte und die Abgeworfenen auf dem Spielfeld bleiben dürften, nur damit sich niemand schlecht fühlt. Ich konnte immer besser ausweichen als werfen. Die kleinen Verbrennungen durch den Hallenboden, die mir meine Hechtsprünge einbrachten, trug ich wie Trophäen. So verstand ich, was Ehrgeiz ist.

Besser als Völkerball wurde es bei mir im Schulsport übrigens nie. Was nach den einfachen, klassischen Spielen kam, war oft dröges Geschiebe mit wenig Spielfluss und noch weniger Bewegung. Ultimate Frisbee oder Flag Football etwa, taktiklastige, dem American Football angelehnte Hybrid-Sportarten, in denen - zumindest auf Schulniveau - mehr gestanden als gelaufen wird. Völkerball dagegen war selbsterklärend und einfach, das Feld innerhalb von Sekunden abgesteckt - das bedeutete maximale Spielzeit.

Abseits der Debatte über die psychologische Vertretbarkeit des Spiels im Unterricht ist inzwischen auch ein Streit über den Namen entbrannt. "Völkerball", das klingt tatsächlich nach 19. Jahrhundert, Kolonialzeit und "Wir gegen die". Die Interpretation des Kölner Realschullehrers Thomas Müller ist mir da sympathischer. Müller ist Vereinsvorsitzender des Vereins "Mission Völkerball" , der durch das Spiel Menschen und Kulturen zusammenbringen will. Völkerverständigung statt Vernichtungskrieg.

Alternative Namen gibt es freilich schon längst. Die Bezeichnung "Zweifelderball" ist, so lässt es sich bei einigen Schulen und Behörden nachlesen, wohl vor allem in den ostdeutschen Bundesländern gebräuchlich. Das finde ich gut. Problematischer ist ohnehin die Definition des Deutschen Turnerbundes (DTB). "Das Völkerballspiel war und ist das Turnspiel für Mädchen und Frauen", heißt es auf der Website des DTB. Das kann ich so nicht bestätigen. Für mich war und ist Völkerball, meinetwegen künftig auch "Zweifelderball", das Schulspiel - für alle.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Forscher bezeichneten Völkerball als "legalisiertes Mobbing". Dem ist nicht so, die Forscher beschäftigten sich in ihrer Studie mit dem Dodgeball-Spiel, das dem Völkerballspiel zwar ähnelt, sich in einigen Punkten aber deutlich unterscheidet. Wir haben den Fehler korrigiert.