Von Erfurt nach Emsdetten Zu wenig Psychologen - zu wenig Kontrolle

Der Amoklauf in Emsdetten erschüttert Deutschland: Parallelen zu den Massenmorden von Erfurt 2002 und Columbine Highschool in Littleton 1999 sind deutlich. SPIEGEL ONLINE beantwortet acht zentrale Fragen - unter anderem: Gibt es effektive Warnsysteme? Und wurde das Waffenrecht genug verschärft?

Der Amoklauf eines 18-jährigen Ex-Schülers in Emsdetten weckt Erinnerungen an das Schulmassaker von Erfurt. Dort hatte im April 2002 der 19-jährige Robert Steinhäuser bei dem bislang schlimmsten Gewaltakt an einer deutschen Schule 16 Menschen erschossen - und anschließend sich selbst.

Nur wenige Verbrechen haben Deutschland so schockiert wie das Erfurter Schulmassaker. Immer wieder wurden Fragen nach den Ursachen dieser Tat gestellt - und danach, wie man sie hätte verhindern können.

Welche Lehren wurden in den viereinhalb Jahren seit dem Erfurter Unglück gezogen? Welche Vorschläge wurden befolgt - welche ignoriert? Werden gefährdete Jugendliche heute besser betreut? Und wie wird mit Hinweisen im Internet umgegangen? SPIEGEL ONLINE beantwortet die zentralen Fragen.

Gibt es inzwischen genug Schulpsychologen? Klicken Sie hier für die Antwort

Mehr Schulspychologen - Nach der Bluttat des Schülers in Emsdetten forderten Experten zum wiederholten Mal eine dauerhafte psychologische Betreuung an Schulen. "Wir brauchen an jeder Schule einen Psychologen", sagte der Leiter des schulpsychologischen Dienstes der Stadt Düsseldorf, Stefan Drewes. Die Forderung ist nicht neu - sie sei aber nach dem Amoklauf des ehemaligen Erfurter Schülers Robert Steinhäuser nie umgesetzt worden, sagte der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, im vergangenen April zum Jahrestag des Erfurter Massakers.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landesverbandes Schulpsychologie kommt in Deutschland auf 12.500 Schüler nur ein Psychologe. Damit liege Deutschland im OECD-Vergleich vor Malta an vorletzter Stelle. In Skandinavien und Russland liege das Verhältnis bei etwa 1000:1.

Die bittere Bilanz von Josef Kraus: "Stattdessen wird Aktionismus betrieben, etwa mit dem Verbot von Handys oder MP3-Playern an Schulen. Das kostet nichts, bringt aber auch nichts." Bei teureren Präventionsmaßnahmen wie mehr Personal oder Verkleinerung der Klassen stelle sich die Politik dagegen taub.

Sind die Waffengesetze verschärft worden? Klicken Sie hier für die Antwort

Waffengesetze verschärfen - Am Tag des Amoklaufs von Robert Steinhäuser hatte der Bundestag gerade sein Waffengesetz novelliert. Es wurde nach dem Massaker weiter verschärft: Seit Mitte Oktober 2002 sind Pumpguns mit Pistolengriff verboten. Im April 2003 wurde das Mindestalter für den Waffenerwerb bei Sportschützen von 18 auf 21 Jahre heraufgesetzt.

Auch der Umgang mit Butterfly- und Faustmessern, bestimmten Springmessern und Wurfsternen ist nun verboten. Es gelten außerdem strengere Anforderungen an die persönliche Eignung von Waffeninhabern und deren Bedürfnis, eine Waffe zu besitzen.

Der 18-Jährige aus Emsdetten war schon vor der Tat vom Montag auffällig geworden. Gegen ihn lief ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, weil man ihn mit einer scharfen Waffe aufgegriffen hatte. Vor dem Jugendgericht in Rheine war für den heutigen Dienstag die Hauptverhandlung in der Sache angesetzt - der kam er durch den Amoklauf zuvor.

Werden Krisenschüler heute besser erkannt? Klicken Sie hier für die Antwort

Krisenschüler erkennen - Eltern sollen stärker in den Schulalltag und Jugendliche stärker in die Familie mit einbezogen werden. Das forderten Psychologen nach dem Fall Robert Steinhäuser, dem schwere familiäre Probleme nachgesagt wurden. Auch der Emsdettener Schüler war sozial auffällig: Der Einzelgänger soll stets ganz in schwarz gekleidet und oft in einen bodenlangen Ledermantel gehüllt gewesen sein und keine Freunde gehabt haben. Mitschüler beschreiben ihn als Sonderling. Er soll viel Zeit auf Friedhöfen verbracht haben. Eingegriffen hat trotzdem niemand.

Eine Reihe von sozialen und individuellen Faktoren fänden sich immer wieder bei Amokläufern, sagt der Kriminologe Arthur Kreuzer von der Universität Gießen. So seien viele Täter introvertiert, hätten oft schwere Defizite in der Erziehung, wenig Gespräche zu Hause und kaum Kontakt mit Gleichaltrigen.

Dies könnte ein möglicher Ansatzpunkt zur Prävention sein. Im Kriseninterventionsteam "Kibbs" des bayerischen Kultusministeriums zum Beispiel arbeiten 35 Schulpsychologen an Sicherheitsplänen für Schulen. Unter anderem sollen verhaltensauffällige Krisenschüler schneller erkannt werden.

Wie ernst muss man Drohungen nehmen? Klicken Sie hier für die Antwort

Drohungen ernst nehmen - Viele jugendliche Attentäter kündigen ihre Pläne an. Robert Steinhäuser aus Erfurt signalisierte seinen psychischen Druck im Sportverein, in der Schule, zu Hause, überall ein bisschen. Doch keiner konnte diese Zeichen deuten. Auch der frühere Schüler in Emsdetten hatte seinem Frust im Internet deutlich Luft gemacht. "Ich hasse Euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben", schrieb er auf einer Internetseite. Mitschüler berichten, er habe schon vor Jahren ein Attentat angekündigt. Im Juni 2004 schrieb er im Forum einer psychologischen Beratung: "Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!" Zwar berappelte er sich offenbar, schrieb später optimistischere Beiträge ("Mir geht's besser") - trotzdem wirken die Worte von damals jetzt wie eine gespenstische Ankündigung, auf die nicht oder nicht richtig reagiert wurde.

In den USA konnten zum Jahrestag des Columbine-Massakers geplante Blutbäder verhindert werden, weil Hinweise aus dem Internet ernst genommen wurden. Was manche als Tummelplatz nerviger Selbstdarsteller abtun, kann zum Instrument der Verbrechensbekämpfung werden.

Wird der Medienkonsum von Kindern besser kontrolliert? Klicken Sie hier für die Antwort

Medienkonsum einschränken - Schon mit sechs Jahren den eigenen Fernseher im Kinderzimmer, den ganzen Tag Videospiele und Internet: "Medienverwahrlosung" nennt das der Kriminologe Christian Pfeiffer. Deutschland brauche mehr Ganztagsschulen gegen diese zunehmende Art der sozialen Verwahrlosung, die zu Gewalttaten führen könne. Jeder dritte Junge drohe auf diese Weise abzurutschen, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Folge seien schlechtere schulische Leistungen, aus Frust darüber komme es zu Gewalt. Diese eher simple Erklärungsstrategie des Kriminologen halten andere Experten dagegen für fragwürdig.

Der Erfurter Robert Steinhäuser war wie jetzt der Emsdettener Schüler als fanatischer Counter-Strike-Spieler bekannt. Nach Erfurt wurde ein neues Jugendschutzgesetz eingeführt. Demnach müssen Computerspiele wie Filme mit einer Altersfreigabe gekennzeichnet werden. Bücher, Spiele und Videos, die den Krieg verherrlichen, wurden verboten.

Die Bundesländer schlossen einen neuen Staatsvertrag über den Jugendmedienschutz. Angebote im Rundfunk und im Internet für Jugendliche sind demnach unzulässig, wenn sie den Krieg und grausame Gewalt verherrlichen oder pornografisch sind. Nachdem mehrfach Brutalo-Videos auf Schülerhandys gefunden wurden, hat Bayern ein Funkverbot für alle Schulen beschlossen. Dort dürfen Telefone in Schulen zwar mitgebracht, aber nicht mehr eingeschaltet werden - auch nicht in der Pause.

Ist das Schulklima zu autoritär für verwirrte Jugendliche? Klicken Sie hier für die Antwort

Weniger autoritäres Schulklima - Nach dem Amoklauf von Robert Steinhäuser geriet auch die Erfurter Schulleiterin Christiane Alt in Kritik. Vorgehalten wurden ihr Eiseskälte und "emotionslose Auftritte in der Öffentlichkeit" ("Stern"). Eine Kommission zur Vorgeschichte der Erfurter Morde bemängelte, dass Robert Steinhäusers Verweis vom Gutenberg-Gymnasium ein halbes Jahr zuvor "nicht verhältnismäßig" gewesen sei - alles in allem ein Protest gegen zu autoritäres Vorgehen.

Viele Erfurter Lehrer allerdings stellten sich eindeutig hinter ihre Schulleiterin und kritisierten in einem offenen Brief, dass sie als "Alleinschuldige" dargestellt werde. Welche Rolle der Schulausschluss für Steinhäusers späteren Blutrausch wirklich spielte und ob Alt pädagogisch angemessen gehandelt hat, ist bis heute umstritten.

Das Schulklima - oft ein Problem, aber oft auch schwierig zu ändern. Der Emsdettener Täter hatte zwar gute Noten, fühlte sich aber in der Schule unfair behandelt. Er kritisierte im Internet Lehrer, die in sein Leben eingegriffen und ihn auf einem "Schlachtfeld" zurückgelassen hätten. Die Schule habe ihn zu einem Verlierer gemacht.

Gibt es inzwischen überall Abgangszeugnisse für Schulversager? Klicken Sie hier für die Antwort

Abgangszeugnisse für Schulversager - Als Robert Steinhäuser ein halbes Jahr vor dem Abitur die Schule verlassen musste, hatte der spätere Amokschütze keinen ordentlichen Schulabschluss vorzuweisen. Ein Kuriosum, das es nur im Bundesland Thüringen gab.

Das Land reagierte auf die Kritik nach dem Massaker und besserte sein Schulgesetz nach. Seitdem erhalten Gymnasiasten nach der zehnten Klasse einen Abschluss, der dem Realschulabschluss gleichkommt. Dafür müssen sie allerdings vier zusätzliche Prüfungen absolvieren.

Der Emsdettener Schüler hatte den Realschulabschluss allerdings schon im Juni geschafft - in seinem Fall konnte es nicht die gleichen Zukunftsängste geben wie bei Steinhäuser.

Gibt es inzwischen bessere Überwachung im Schulalltag? Klicken Sie hier für die Antwort

Überwachung und Streitschlichtung auf Schulhöfen - In den USA werden sogenannte School Officers beschäftigt, die alle Beobachtungen von Kindern sammeln, auswerten und bei drohender Gefahr für die Schule die Polizei einschalten.

Frust früh erkennen, vorbeugend tätig werden - das wird auch in Deutschland zusehends wichtiger. Im Durchschnitt ist jeder siebte Schüler als Opfer oder Täter in ein Mobbingproblem verwickelt, heißt es in einer Untersuchung der Universität München. Der Studie zufolge gibt es in jeder Schulklasse ein bis zwei Mobbing-Opfer, also Jugendliche, die sich potentiell wie Ausgestoßene fühlen.

Wie sich Lehrer Schüler in alltäglichen Konfliktsituationen verhalten und auch Mobbing stoppen können, sollen an einigen deutschen Schulen Anti-Gewalt-Trainings lehren. Konfliktsituationen werden dort durchgespielt, Handlungsalternativen aufgezeigt - vorausgesetzt, die Rollenspiele zur Gewaltvermeidung stoßen bei Schülern, Lehrern und Eltern auf genug Interesse.

Bundesweit hat die Polizei nach dem Erfurter Blutbad ein Katastrophen-Szenario entwickelt. Der Einsatz in Emsdetten habe deswegen reibungslos funktioniert, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf (FDP). Die Polizei sei "sehr systematisch" zu Werke gegangen.