Von Pisa I zu Pisa II Was sich an Deutschlands Schulen getan hat

Heute wird die zweite Pisa-Studie offiziell vorgestellt. Ergebnis: Deutschlands Schüler haben in den vergangenen drei Jahren, seit Pisa I, kaum zur Spitze aufgeholt. Die Studie hatte damals hektische Betriebsamkeit der Bildungspolitker ausgelöst - ein Überblick über die bisherigen Reformbemühungen.

Nicht zu reagieren, das ging nicht: Auf die Resultate der ersten Pisa-Studie vor drei Jahren folgten echte Reformen und peinliche Beschwichtigungsaktivitäten gleichermaßen. Bund und Länder wollten schließlich nicht noch einmal einen solchen Nackenschlag erleben, der den deutschen Schülern, vor allem aber den Verantwortlichen für das Bildungssystem allenfalls Mittelmaß bescheinigte. Auf allen Ebenen wurde deshalb der Reformmotor angeworfen: beim Bund, in der Zusammenarbeit der Länder und in den Schulen der einzelnen Bundesländer.

Initiativen der Bundesregierung

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn nutzte die erste Pisa-Studie, um eine neue Aufgabenverteilung in der Bildungspolitik zwischen Bund und Ländern zu fordern. Sie will eine Bündelung der Bildungskompetenzen in der Hand der Bundesregierung. Damit konnte sie sich zwar nicht durchsetzen, trug aber wesentlich zur bis heute andauernden Föderalismus-Debatte bei.

Foto: DER SPIEGEL
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Die neue Pisa-Studie der OECD
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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Dass es um ihren Einfluss gar nicht so schlecht bestellt ist, bewies Bulmahn außerdem mit ihrem Programm zur Ganztagsbetreuung in der Schule. Satte vier Milliarden Euro, die zum großen Teil aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen stammen, stellte sie für die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zur Verfügung. Bis 2010 soll damit jede dritte deutsche Schule auch nachmittags unterrichten - 10.000 Schulen insgesamt.

Erst zierten sich die unionsregierten Bundesländer und beschwerten sich über die angeblich unzulässige Einmischung der Bundesregierung in die Schulpolitik - um nach einer angemessenen Schamfrist dann doch die Millionenüberweisungen aus Berlin einzustreichen.

Beschlüsse der Kultusministerkonferenz

"Bildungspolitische Meilensteine" nannte die hessische CDU-Kultusministerin Karin Wolff die Vereinbarungen, die die Bundesländer untereinander trafen, um sich vom Pisa-Kater zu erholen. Die Kultusministerkonferenz (KMK), sonst wegen ihres Arbeitstempos eher als "griechische Landschildkröte" verspottet, präsentierte im Dezember 2003 mit sichtlichem Stolz zwei Beschlüsse: bundesweite Bildungsstandards für Schüler und ein Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen.

In den Bildungsstandards sind Mindestleistungen definiert, über die sich die Länder einig sind: Die aufgelisteten Inhalte muss beispielsweise ein Schüler der 4. Klasse im Fach Deutsch zwingend beherrschen oder eine Schülerin im Fach Mathematik am Ende der 10. Klasse - unabhängig vom jeweiligen Bundesland und der Schulform.

Das Institut für Qualitätssicherung war der zweite gemeinsame Beschluss der Kultusminister; es hat mittlerweile an der Humboldt-Universität in Berlin seine Arbeit aufgenommen. Die Forscher sollen die Qualität des deutschen Bildungswesens unter die Lupe nehmen.

Aktivitäten der Länder

Als dritte Ebene der Reaktion auf die erste Pisa-Studie gab es die Aktivitäten, die die Bundesländer in eigener Regie ergriffen haben. Sie reichen von der Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule über jahrgangsübergreifende Klassen bis hin zu neuen Förderkonzepten.

In Rheinland-Pfalz probiert Schulministerin Doris Ahnen (SPD) beispielsweise neue Wege zur Eliteförderung aus: Extra-Schulen für Hochbegabte, unter anderem in Kaiserlautern und Mainz, sollen "die besonderen Potenziale und Chancen dieser Kinder fördern", sagt Ahnen.

Auch andere Bundesländer sind tätig geworden: So führt Nordrhein-Westfalen zum nächsten Schuljahr neue Regeln bei der Einschulung ein. Zukünftig werden die Schüler in den Klassen 1 und 2 grundsätzlich zusammen unterrichtet. Die Schulen werden verpflichtet, jeden Schüler individuell zu fördern. Das sei ein echter Paradigmenwechsel, sagt Dorothee Schneider, Referatsleiterin im Düsseldorfer Schulministerium: "Wir sagen nicht mehr: Das Kind muss vorher schulfähig sein und dann in die Schule kommen, sondern wir sagen: Die Kinder kommen, und die Schule muss kindfähig sein."

Auswirkungen auf den Schulalltag

Erstaunlich genug: Viele der in den letzten drei Jahren angeschobenen Änderungen sind tatsächlich schon im Schulalltag angekommen - eine Ganztagsschule nach der anderen nimmt ihre Arbeit auf, Schüler schwitzen schon über Tests für die Bildungsstandards und in einzelnen Ländern wie Schleswig-Holstein wird sogar schon durchgerechnet, ob sich das dreigliedrige Schulsystem zu einer Einheitsschule bis zur 10. Klasse zusammenfassen lässt.

Dabei sind sich die Experten einig, dass es etwa eine Schülergeneration, also zehn bis zwölf Jahre, dauern wird, bis die Reformen auch zu messbaren Verbesserungen bei internationalen Vergleichsstudien führen.

Denn schließlich testet die Pisa-Untersuchung all das, was 15-Jährige seit dem ersten Schultag an Kenntnissen und Fähigkeiten mitbekommen haben. Wer 2004 eingeschult wurde, kann also erst 2013 unter Beweis stellen, dass sich einiges getan hat an Deutschlands Schulen.

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