Vorlesestudie 2019 Wie Vorlesen auch ohne Bücher funktioniert

Ein Drittel der Eltern liest nicht oder zu selten vor, vor allem Väter. Das zeigt eine aktuelle Studie. Darin betonen die Fachleute: Vorlesen sei viel mehr als das, was sich die meisten darunter vorstellen.

Die diesjährigen Zahlen der Vorlesestudie zeigen: Mütter lesen häufiger vor als Väter
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Die diesjährigen Zahlen der Vorlesestudie zeigen: Mütter lesen häufiger vor als Väter

Von Franca Quecke


Vorlesen, das bedeutet im wörtlichen Sinn: Bilderbücher anschauen, Geschichten erzählen, gemeinsame Zeit mit dem Kind. Fachleuten zufolge sollte der Begriff allerdings weiter gefasst werden - denn auch vorgelesene Straßenschilder oder WhatsApp-Nachrichten der Großmutter könnten die Sprache anregen.

Das ist ein Rat von Autoren einer aktuellen Vorlesestudie, die an diesem Dienstag vorgestellt wird. Für die Studie wurden 700 Eltern von Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren befragt. Seit 2007 wird die Umfrage jährlich im Auftrag der Stiftung Lesen, der Deutsche Bahn Stiftung und der Wochenzeitung "Die Zeit" durchgeführt.

Das Ergebnis 2019:

23 Prozent der befragten Eltern verstehen es nicht als Vorlesen, wenn sie gemeinsam mit ihren Kindern Wimmelbücher anschauen oder Texte vom E-Reader vorlesen. Mit Babys einfache Bilderbücher zu betrachten gehört für jeden fünften Befragten ebenfalls nicht dazu.

Dabei seien gerade diese vorlesenahen Aktivitäten von Anfang an wichtige Impulse für die Entwicklung von Kindern, wie die Auftraggeber der Studie in einer Mitteilung betonen.

Vorlesen funktioniert demnach eben nicht nur mit Büchern: Ein Märchen ohne Buch zu erzählen, Bilderbuch-Apps zu nutzen oder eine Geschichte frei erfinden und erzählen, gehöre ebenfalls dazu. Oder noch weiter gefasst: Prospekte, Bilder am Smartphone oder Fotobücher anschauen und anschließend darüber reden oder Lieder vorsingen.

So oft sollten Eltern vorlesen:

In der Studie wird allerdings auch beklagt, dass das Vorlesen im engeren Sinne in vielen Familien nach wie vor zu kurz kommt. Rund ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern zu wenig vor. 16 Prozent der Eltern liest demnach ihren Kindern nur einmal pro Woche vor, 8 Prozent tun dies selten, weitere 8 Prozent nie.

Diese Zahlen haben sich den Angaben zufolge seit 2013 kaum verändert. Die Studienautoren fordern Eltern deshalb dringend zum vermehrten Vorlesen auf. Ihre Empfehlung: 15 Minuten täglich.

"Kinder, denen regelmäßig vorgelesen worden ist, lernen selbst leichter das Lesen, sie lesen später intensiver und lieber als Kinder ohne diese Erfahrung", sagt Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen.

"Beim Vorlesen sind die Kinder selbst nicht die Herausforderung", sagt Ehmig. "Wir müssen die Eltern motivieren, ihren Alltag und das, was sie häufig bereits tun, noch bewusster und regelmäßiger umsetzen - auch mit Geschichten, Bilderbüchern, Märchen- oder Wimmelbüchern."

Weitere Erkenntnisse der Studie:

Formal höher Gebildete lesen häufiger vor - auch wenn sie weniger Zeit haben: Die Hälfte der Eltern mit Volks- oder Hauptschulabschluss, Mittel- oder Realabschluss oder die auf dem Gymnasium waren, ihr Abitur aber nicht gemacht haben, liest ihren Kindern selten oder gar nicht vor - anders als Eltern mit mittlerer oder höherer Bildung.

Während nach Angaben der Studie knapp drei Viertel der Mütter ihren Kindern mindestens mehrmals pro Woche vorlesen, sind es bei den Vätern nur rund 40 Prozent. "Nach wie vor sind in vielen Familien die Mütter während der Woche die zentralen Bezugspersonen der Kinder", sagt Simone Ehmig. "Väter finden Vorlesen zwar wichtig, tun es aber selten, weil sie sich nicht in dieser Rolle sehen." Sie würden sich eher anders mit ihren Kindern beschäftigen - zum Beispiel bei gemeinsamen Ausflügen.

Dabei spielt ebenfalls eine Rolle, ob die Mütter einen festen Job haben oder nicht. Berufstätige Mütter würden mehr vorlesen als nicht berufstätige, heißt es in der Studie: Im Vergleich lesen demnach 27 Prozent berufstätiger Mütter zu selten vor, bei den nicht berufstätigen sind es 39 Prozent.



insgesamt 11 Beiträge
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bandelier 29.10.2019
1. Mein Sohn hat sich im Studium dafür bedankt,
dass ihm so viel vorgelesen wurde, er deshalb natürlich selbst eifriger Leser wurde. Das hat ihm das Studium sehr erleichtert, weil er Texte viel schneller erfassen konnte. Abgesehen davon war es natürlich schön, nachmittags oder abends mit den Kindern zu kuscheln und dabei vorzulesen. Heute geniesse ich es, den Enkeln vorzulesen, die selbst sehr lesefit sind , dennoch den Kuschelfaktor beim Vorlesen zu lieben.
anna cotty 29.10.2019
2.
Ich habe meinen Kindern vorgelesen, bis sie 10 oder 12 Jahre alt waren. So lernten sie Buecher kennen, die sie sonst nicht gelesen haetten. Da zwischen meinen beiden aelteren Kindern und den beiden juengeren einige Jahre Altersunterschied waren, habe ich , zum Beispiel, Tolkiens 'Herr der Ringe' zweimal vorgelesen. Mir hat das Vorlesen sehr viel Freude gemacht und ich habe immer Buecher ausgesucht, die ich selber mochte. Es gehoerte zur abendlichen Routine, den Kindern vorzulesen. Alle 4 'Kinder' sind heutzutage begeisterte Leser und auch meine Enkel lesen weit ihrer Altersgruppe voraus. Keiner in unserer Familie koennte sich vorstellen, ohne Buecher zu leben.
lisa.hechter 29.10.2019
3. Text widersprüchlich
Laut Grafik lesen Eltern mit niedriger Bildung deutlich häufiger als Eltern mit mittlerer oder höherer Bildung. Im Text steht aber etwas anderes.
Ballaststoff 29.10.2019
4. Genau hinsehen
Zitat von lisa.hechterLaut Grafik lesen Eltern mit niedriger Bildung deutlich häufiger als Eltern mit mittlerer oder höherer Bildung. Im Text steht aber etwas anderes.
Falsch. Dargestellt sind nur die Segmente, in denen SELTEN vorgelesen wird. Da sind die bildungsfernen überrepräsentiert. Weil die anderen "grauen" Segmente (HÄUFIGERES Vorlesen) fehlen, sieht es auf den ersten, oberflächlichen Blick so aus, als würden die Bildungsfernen öfter vorlesen. Mich irritiert allerdings auch das Fehlen der "grauen" Segmente.
PeterDöring 29.10.2019
5.
Zitat von BallaststoffFalsch. Dargestellt sind nur die Segmente, in denen SELTEN vorgelesen wird. Da sind die bildungsfernen überrepräsentiert. Weil die anderen "grauen" Segmente (HÄUFIGERES Vorlesen) fehlen, sieht es auf den ersten, oberflächlichen Blick so aus, als würden die Bildungsfernen öfter vorlesen. Mich irritiert allerdings auch das Fehlen der "grauen" Segmente.
Die "grauen Segmente" lassen sich durch Anklicken einblenden. Ist in der Tat sehr ungeschickt gemacht, dass die ausgeblendet sind.
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