Vorlesetag Es hat keinen Zweck

Der Vorlesetag in Deutschland ist eine großartige Idee, nur die Debatte drumherum nervt. Warum wir aufhören müssen, "Vorlesen" und "gute Noten" in einem Satz zu nennen.

Kinder beim Vorlesetag: Vorlesen soll ein Geschenk sein, das nicht die geringste Gegenleistung verlangt
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Kinder beim Vorlesetag: Vorlesen soll ein Geschenk sein, das nicht die geringste Gegenleistung verlangt

Eine Kolumne von


Wer etwas richtig Gutes tun möchte, ohne dass es etwas kostet und ohne auch nur von irgendjemandem später dafür kritisiert zu werden, hätte an diesem Freitag die Gelegenheit gehabt. Da war wieder Vorlesetag, ausgerufen von der Stiftung Lesen, der ZEIT und der Deutschen Bahn.

Viele Erwachsene, darunter etliche Prominente, strömten in Kitas und Schulen, zückten ein Buch und gaben eine Geschichte zum Besten. Großartig ist das, jedes Jahr wieder, wirklich. Wenn nicht die Debatte drumherum, rund um die Vorzüge des Vorlesens, allzu oft in die völlig falsche Richtung liefe.

Irgendein Experte lobt immer die Vorteile des Vorlesens, die nämlich darin bestünden, dass Kinder mit Vorleseerfahrung später in der Schule viel leichter, viel schneller und viel besser lesen lernten als andere. Eltern müssten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie etwas anderes als Bücher vorläsen.

Das Betrachten von Straßenschildern, das Lesen der WhatsApp-Nachrichten von der Oma - all das könne bei Kindern ebenfalls ein Interesse an Sprache fördern, hieß es erst neulich in einer Studie. Vorlesen steigert, da sind sich Fachleute einig, die spätere Lesekompetenz, die ja eine Schlüsselkompetenz sei, wenn es um Bildungserfolg ginge.

Wie Vorlesen die Noten verbessert

Ist ja klar, denn nur wer gut lesen kann, versteht eine komplizierte Textaufgabe in Mathe. Oder die Anleitung zu einem Experiment im Chemieunterricht. Wer gut lesen kann, lernt vermutlich auch leichter die Hauptstädte Europas auswendig, als wenn er sich mühsam von Buchstabe zu Buchstabe quält.

Kinder, denen regelmäßig vorgelesen werde, hätten mehr Spaß am Selberlesen, "verfügen im Schnitt über einen größeren Wortschatz und haben bessere Noten", heißt es auf der Website zum Vorlesetag. Das ist alles richtig, aber: "Dein Ernst?" würde mein Kind, 12, dazu sagen, und zwar nicht nur, weil das gerade sein Lieblingsausdruck ist. Recht hat es.

Wenn die Vorzüge des Vorlesens vorrangig mit Leistungssteigerung verknüpft werden, vergessen Menschen das Wichtigste: Lesen ist ein subversiver Akt.

Lesen befähigt Menschen, sich eigene Gedanken zu machen, Visionen zu entwickeln, Regeln in Frage zu stellen. Es verändert das eigene Ich. Radikal. In der Literatur sind Grenzen von Zeit und Raum aufgehoben, alles ist möglich. Geht nicht, gibt's nicht. Das fängt schon mit dem Gegenstand der Lektüre an.

Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

"Man kann das Leben, diese einmalige Kutschfahrt, nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist. Aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluss an den Anfang zurückkehren, von vorne beginnen, um das Schwierige und damit das ganze Leben zu begreifen", schreibt Orhan Pamuk in "Die weiße Festung".

Vorlesen in der Fabrik - notfalls heimlich

In der "Geschichte des Lebens" beschreibt Alberto Manguel, wie Arbeitern in Zigarrenfabriken auf Kuba in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorgelesen wurde. Dafür bezahlten sie demnach einen Kollegen: "Das Zuhören machte den Arbeitern, wie sie herausfanden, die mechanische, stumpfsinnige Arbeit des Wickelns der dunklen, duftenden Tabakblätter erträglicher, es ließ sie teilhaben an den Abenteuern der Romanhelden, schenkte ihnen Ideen, die sie im Kopf wälzen und sich zu eigen machen konnten."

Die Vorlesungen seien so erfolgreich gewesen, dass sie sich schnell den Ruf erwarben, "subversiv" zu sein. Kein Wunder, dass Kubas Gouverneur das Vorlesen im Jahr 1866 wieder untersagte. Heimlich soll es trotzdem noch eine Weile fortgesetzt worden sein.

Zur Person
  • Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit Mann und vier Kindern (3,11,19 und 22 Jahre) in Hamburg. So sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.

Wer liest, und sei es, dass er die Worte nur über die Ohren aufnimmt, als Kind oder als Erwachsener, der entwickelt Empathie, entdeckt andere Perspektiven, folgt neuen Utopien, wird unter Umständen gar rebellisch.

"Du kannst mich nicht zwingen zu lesen", sagt mein pubertierendes Kind, dem ich vor einigen Jahren sehr viel vorgelesen habe. Erwischt. Zwingen wollte ich es natürlich nicht, aber so ein bisschen überreden?

Das Wort "lesen" duldet keinen Imperativ

Das Wort "lesen" dulde keinen Imperativ, ähnlich wie "lieben", schreibt der französische Lehrer und Autor Daniel Pennac in "Wie ein Roman". Er erzählt darin von seinem Sohn, der meinem Kind ähnelt. Dieser Sohn, als kleines Kind großer Fan vorgelesener Geschichten, liest nicht gern, jedenfalls nicht mehr, seitdem er in die Schule geht.

Lässt sich das ändern?

Das in bildungsbürgerlichen Kreisen gepflegte Dogma, wonach man lesen muss, zu erkennen und über Bord zu werfen, kann Pennac zufolge schon mal helfen, die Lust am Lesen wiederzuentdecken, ebenso wie die Erinnerung an einen wichtigen Gedanken: "Vorlesen soll ein Geschenk sein, für das man nicht die geringste Gegenleistung verlangen darf", schreibt Pennac, es soll "im Land der Zweckfreiheit" vonstatten gehen. "Der Zweckfreiheit, die die einzige Währung der Kunst ist."

Vielleicht ist dieser Gedanke in der allgemeinen Debatte ums Vorlesen hier und da und auch uns Eltern im Laufe der Jahre, mindestens bei älteren Kindern, etwas abhanden gekommen? Es lohnt sich, ihn wiederzufinden - und vorzulesen. Einfach so, ohne Hintergedanken.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
aggro_aggro 16.11.2019
1. Lust am Lesen
Ich denke es wird unterschätzt wie viel Einfluss die Veranlagung auf die Lesehäufigkeit hat. Nicht nur Legasthenie, auch leichte Sehfehler, ein großer Bewegungsdrang, hohe "awareness" (leicht abzulenken) können Kindern das Schmökern weniger attraktiv machen. Ich habe schon in meiner Grundschulzeit Hunderte Bücher gelesen - auch nicht immer gut, da ging schonmal viel Schlafenszeit verloren. Da kann man als Eltern auch nicht einfach das WLAN ausschalten.
bandelier 16.11.2019
2. Vorlesen ist zweckfrei
Es ist einfach nur die Einheit zwischen Eltern und Baby, später zwischen Eltern und Kleinkind mit Kuscheln und Körpernähe. Und auch zwischen Grosseltern und Enkeln. Es war für mich eine der wunderbaren Erfahrungen, den enkeln vorzulesen, die ganz eng angekuschelt mit offenem Mund und Riesenaugen lauschten. Schon lange lesen sie selbst, doch wenn ich zu Besuch bin, gibt es immer noch das alte Leseritual, das beiden Seiten guttut. Und ja, das Vorlesen ist extrem wichtig, weil es vorbereitet auf das Selbstlesen, auf das Kopfkino, was wiederum die Neugier am Lernen fördert. Und ich behaupte einfach mal, dass die besonders guten und ohne Anstrengungen erreichten Erfolge meiner Kinder und nun auch Enkelkinder Ergebnisse des Vorlesens sind, abgesehen von dem Wohlgefühl, das ich als Mutter hatte und nun als Oma immer noch geniesse.
parantantam 17.11.2019
3. luxusproblem
Dass Vorlesen ein Zweck für sich sein sollte, ist sicher ein edler Gedanke. Aber für die Kinder, bei denen der angebracht wäre, haben den Vorlesetag wohl kaum nötig. Die mangelnde Lesekompetenz ist eine der großen Stahlkugeln, mit denen an den Beinen die Kinder aus Familien von weniger kulturellem Kapital in den Schulen zum ungleichen Wettlauf antreten. Wer als Kind zuhause mit Schrift in Berührung kommt, hat es später einfacher - je mehr desto mehr. Den Zweck des frühen Übens so leichtfertig abzutun, klingt zwar auf eine Art philanthropisch, ignoriert aber das Recht aller Kinder auf eine Chance für gute Bildung.
herjemine 17.11.2019
4. Lesen und vorlesen
Zu Kommentar 2: bei uns fand das Vorlesen immer am Küchentisch statt. Da wurde nicht gekuschelt sondern wir Kinder tranken unseren Kakao und ich zeichnete meist dabei die wichtigsten Stellen des Kapitels. Zu Kommentar 1: Ja, ls Kind habe ich auch hunderte Bücher gelesen, allein über 50 Bücher von Karl May aber auch schon mit neun Jahren die Dokumentarbücher zum Holocaust mit all ihren Tabellen und Fotos nicht nur der Gaskammern sondern eben auch der Leichenberge, Architekturwälzer zur Stadtentwicklung, jeden Morgen der Kampf um die Tageszeitung, etc. In der Oberstufe hörte ich aber auf zu lesen. Grund war dieses zermürbende Texte in Bruchstücke zerlegen im Deutschunterricht. Ich brauchte 20 Jahre um mich einigermassen wieder davon zu erholen, aber so ein Bücherwurm wie in den ersten 12 Jahren bin ich nicht mehr geworden...
spon-facebook-10000202957 17.11.2019
5. Der Trick beim Vorlesen
und zum selber Lesen zu animieren, ist der, dass es bei und so funktionierte: es wurde an einer massiv spannenden Stelle abgebrochen. Und wenn eine Geschichte unendlich spannend ist und man halbwegs lesen kann, will man wissen, wie es weiter geht. Das wurde so in der Grundschule im Kunstunterricht und daheim gemacht. Kunst am Freitag und wer will schon eine Woche warten? Ist dann das Buch in der Schulbücherei vorhanden oder liegt auf dem Nachtisch, ist die Sache klar, man beißt sich durch. Ist das Buch dort nicht vorhanden, dann liegt man den Eltern in den Ohren. Vorgelesen und noch ein neues Buch begonnen, wurde oft auch vor den großen Ferien ... ich möchte durchaus behaupten, dass 90% aller Mitschüler die Bücher alleine gelesen haben, denn die Dinger waren ständig bei einem Großteil in den Schultaschen und wurden untereinander verliehen. und wenn es im Unterricht weiter gelesen wurde, spielten alle das Spiel-kennen wir nicht-mit, und die Lehrer wussten natürlich Bescheid. Das erste Buch, mit dem so verfahren wurde, in der 5.Schulklasse, war damals Krabat ... Und unsere Eltern machten das auch so. Da lag das Buch dann auf dem Nachtisch. Mensch, war man manchmal morgens müde ...
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