Vorlesetag Es hat keinen Zweck

Der Vorlesetag in Deutschland ist eine großartige Idee, nur die Debatte drumherum nervt. Warum wir aufhören müssen, "Vorlesen" und "gute Noten" in einem Satz zu nennen.
Kinder beim Vorlesetag: Vorlesen soll ein Geschenk sein, das nicht die geringste Gegenleistung verlangt

Kinder beim Vorlesetag: Vorlesen soll ein Geschenk sein, das nicht die geringste Gegenleistung verlangt

Foto: Roland Weihrauch/ picture alliance / dpa

Wer etwas richtig Gutes tun möchte, ohne dass es etwas kostet und ohne auch nur von irgendjemandem später dafür kritisiert zu werden, hätte an diesem Freitag die Gelegenheit gehabt. Da war wieder Vorlesetag, ausgerufen von der Stiftung Lesen, der ZEIT und der Deutschen Bahn.

Viele Erwachsene, darunter etliche Prominente, strömten in Kitas und Schulen, zückten ein Buch und gaben eine Geschichte zum Besten. Großartig ist das, jedes Jahr wieder, wirklich. Wenn nicht die Debatte drumherum, rund um die Vorzüge des Vorlesens, allzu oft in die völlig falsche Richtung liefe.

Irgendein Experte lobt immer die Vorteile des Vorlesens, die nämlich darin bestünden, dass Kinder mit Vorleseerfahrung später in der Schule viel leichter, viel schneller und viel besser lesen lernten als andere. Eltern müssten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie etwas anderes als Bücher vorläsen.

Das Betrachten von Straßenschildern, das Lesen der WhatsApp-Nachrichten von der Oma - all das könne bei Kindern ebenfalls ein Interesse an Sprache fördern, hieß es erst neulich in einer Studie. Vorlesen steigert, da sind sich Fachleute einig, die spätere Lesekompetenz, die ja eine Schlüsselkompetenz sei, wenn es um Bildungserfolg ginge.

Wie Vorlesen die Noten verbessert

Ist ja klar, denn nur wer gut lesen kann, versteht eine komplizierte Textaufgabe in Mathe. Oder die Anleitung zu einem Experiment im Chemieunterricht. Wer gut lesen kann, lernt vermutlich auch leichter die Hauptstädte Europas auswendig, als wenn er sich mühsam von Buchstabe zu Buchstabe quält.

Kinder, denen regelmäßig vorgelesen werde, hätten mehr Spaß am Selberlesen, "verfügen im Schnitt über einen größeren Wortschatz und haben bessere Noten", heißt es auf der Website zum Vorlesetag. Das ist alles richtig, aber: "Dein Ernst?" würde mein Kind, 12, dazu sagen, und zwar nicht nur, weil das gerade sein Lieblingsausdruck ist. Recht hat es.

Wenn die Vorzüge des Vorlesens vorrangig mit Leistungssteigerung verknüpft werden, vergessen Menschen das Wichtigste: Lesen ist ein subversiver Akt.

Lesen befähigt Menschen, sich eigene Gedanken zu machen, Visionen zu entwickeln, Regeln in Frage zu stellen. Es verändert das eigene Ich. Radikal. In der Literatur sind Grenzen von Zeit und Raum aufgehoben, alles ist möglich. Geht nicht, gibt's nicht. Das fängt schon mit dem Gegenstand der Lektüre an.

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Themenseite: Ganz harte SchuleHier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

"Man kann das Leben, diese einmalige Kutschfahrt, nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist. Aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluss an den Anfang zurückkehren, von vorne beginnen, um das Schwierige und damit das ganze Leben zu begreifen", schreibt Orhan Pamuk in "Die weiße Festung".

Vorlesen in der Fabrik - notfalls heimlich

In der "Geschichte des Lebens" beschreibt Alberto Manguel, wie Arbeitern in Zigarrenfabriken auf Kuba in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorgelesen wurde. Dafür bezahlten sie demnach einen Kollegen: "Das Zuhören machte den Arbeitern, wie sie herausfanden, die mechanische, stumpfsinnige Arbeit des Wickelns der dunklen, duftenden Tabakblätter erträglicher, es ließ sie teilhaben an den Abenteuern der Romanhelden, schenkte ihnen Ideen, die sie im Kopf wälzen und sich zu eigen machen konnten."

Die Vorlesungen seien so erfolgreich gewesen, dass sie sich schnell den Ruf erwarben, "subversiv" zu sein. Kein Wunder, dass Kubas Gouverneur das Vorlesen im Jahr 1866 wieder untersagte. Heimlich soll es trotzdem noch eine Weile fortgesetzt worden sein.

Zur Person
Foto: privat

Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit Mann und vier Kindern (3,11,19 und 22 Jahre) in Hamburg. So sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.

Wer liest, und sei es, dass er die Worte nur über die Ohren aufnimmt, als Kind oder als Erwachsener, der entwickelt Empathie, entdeckt andere Perspektiven, folgt neuen Utopien, wird unter Umständen gar rebellisch.

"Du kannst mich nicht zwingen zu lesen", sagt mein pubertierendes Kind, dem ich vor einigen Jahren sehr viel vorgelesen habe. Erwischt. Zwingen wollte ich es natürlich nicht, aber so ein bisschen überreden?

Das Wort "lesen" duldet keinen Imperativ

Das Wort "lesen" dulde keinen Imperativ, ähnlich wie "lieben", schreibt der französische Lehrer und Autor Daniel Pennac in "Wie ein Roman". Er erzählt darin von seinem Sohn, der meinem Kind ähnelt. Dieser Sohn, als kleines Kind großer Fan vorgelesener Geschichten, liest nicht gern, jedenfalls nicht mehr, seitdem er in die Schule geht.

Lässt sich das ändern?

Das in bildungsbürgerlichen Kreisen gepflegte Dogma, wonach man lesen muss, zu erkennen und über Bord zu werfen, kann Pennac zufolge schon mal helfen, die Lust am Lesen wiederzuentdecken, ebenso wie die Erinnerung an einen wichtigen Gedanken: "Vorlesen soll ein Geschenk sein, für das man nicht die geringste Gegenleistung verlangen darf", schreibt Pennac, es soll "im Land der Zweckfreiheit" vonstatten gehen. "Der Zweckfreiheit, die die einzige Währung der Kunst ist."

Vielleicht ist dieser Gedanke in der allgemeinen Debatte ums Vorlesen hier und da und auch uns Eltern im Laufe der Jahre, mindestens bei älteren Kindern, etwas abhanden gekommen? Es lohnt sich, ihn wiederzufinden - und vorzulesen. Einfach so, ohne Hintergedanken.

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