Vorstadt-Slang Wenn die Sprache zum Ghetto wird

Manche Jugendliche aus französischen Satellitenstädten kommen Linguisten zufolge mit einem Wortschatz von 250 Wörtern aus - viel zu wenig, um sich eine Lehrstelle zu suchen oder ein Bankkonto zu eröffnen. Spezielle Kurse sollen ihre Integrationschancen verbessern.

Der Slang der Vorstädte hat in Frankreich längst seinen Weg ins allgemeine Vokabular gefunden, und wer als cool gelten will, lässt hin und wieder ein Wort dieser Sprache fallen. Doch für die jungen Menschen in den Satellitenstädten ist ihr Jargon längst zum Gefängnis geworden. "Mit einem Wortschatz von 250 Wörtern kann man keine Lehrstelle suchen", sagt Linguistikprofessor Alain Bentolila von der Pariser Sorbonne.

70.000 junge Leute gehen jährlich von Frankreichs Schulen ab, ohne lesen und schreiben gelernt zu haben. Viele junge Franzosen brauchen Französisch-Unterricht, "um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden", stellt Marie-France Caillat fest. Als Lehrerin an einem Jugendzentrum in Grenoble bietet sie derartige Kurse an.

Betroffen sind laut Bentolila nicht ausschließlich Einwandererkinder. "Diese Ghettos gründen sich auf einen einzigen gemeinsamen Nenner: die Armut", erklärt der Forscher. In den Sozialbauten der Vorstädte seien Menschen zusammengepfercht, die in "völliger Unsicherheit über ihre Herkunft und ihre Zukunft leben". Das räumliche Ghetto führt nach den Erkenntnissen des Linguisten von selbst in ein sprachliches Ghetto: "Je näher Sie jemandem stehen, desto weniger Wörter brauchen Sie, um sich mit ihm auszutauschen. Diese Leute haben alles gemeinsam - und einander deswegen nicht viel mitzuteilen."

Geheimsprache schottet ab

Das Ergebnis ist eine Art Geheimsprache, die von Außenstehenden nicht verstanden wird und sich sogar von Vorstadt zu Vorstadt unterscheidet. So verwenden die Jugendlichen in den Satellitenstädten des Départements Val d'Oise nordwestlich von Paris für "Frau" das Phantasiewort "darzouze", das weder aus dem Arabischen, Kreolischen, der Berbersprache noch gar dem Französischen stammt. Schon wenige Kilometer entfernt kann niemand etwas mit diesem Ausdruck anfangen.

In der Sprache der übrigen Gesellschaft, die die Jugendlichen brauchen, um Arbeit zu suchen oder ein Bankkonto eröffnen, "sind sie aus der Übung", sagt Caillat. Das Jugendzentrum der Fördereinrichtung CODASE, in dem sie unterrichtet, nimmt jeweils für ein Jahr Jugendliche ab 14 Jahren auf, die von der Schule geflogen sind und damit jegliche Aussicht auf ein normales, selbstständiges Leben verloren haben. Auch Caillat hat Unsicherheit als gemeinsamen Nenner der jungen Leute ausgemacht: "Sie glauben, dass sie sowieso nichts schaffen können."

In dem Jahr am Jugendzentrum geht es um "Reparaturarbeit", sagt Caillat. Zwar haben alle dieser Jugendlichen mehrere Schuljahre auf dem Buckel, dennoch müssen sie ganz von vorne anfangen: "Ich will lernen, gut Französisch zu sprechen", sagte die 14-jährige Sihem in einem kürzlich erschienenen Interview. "Dann kann ich mein Leben meistern und einen Beruf lernen."

Ziel ist die Zweisprachigkeit

Auf den Slang brauchen die jungen Leute dabei nicht zu verzichten, sie wünschen sich sogar "zweisprachig" zu werden, erklärte ein anderer Junge im Jugendzentrum von Grenoble in einer Fernsehreportage.

Dafür müssen sie ihren Wortschatz gewaltig erweitern: Ein Durchschnittsfranzose verfügt Bentolila zufolge über 2500 Wörter. "Die jungen Leute lieben es, neue Wörter zu lernen", sagt Caillat, die mit ihren Schülern häufig Scrabble spielt. Die Fähigkeit, sich auszudrücken, könne sogar unmittelbar dazu beitragen, Jugendliche vor der Straffälligkeit zu bewahren, sagt die Lehrerin. "Wenn ich über Worte verfüge, kann ich meine Not beschreiben" - anstatt sie in ohnmächtiger Wut mit Gewalt zu äußern.

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