Wachdienste an Schulen "Wir Lehrer können die Schule nicht nach außen verteidigen"

Seit heute bewachen private Sicherheitsdienste 13 Schulen in Berlin-Neukölln. Das ist bundesweit einmalig. Kann man Schüler und Lehrer nur so schützen - oder patrouillieren jetzt "paramilitärische Einsatzkräfte"? Ein Besuch bei den neuen "Sheriffs" an den Schulen.

Von und Katrin Riegger


Berlin - Die gleißende Vormittagssonne blendet, das Eingangstor der Röntgen-Realschule in Berlin-Neukölln liegt verlassen im Licht. Auf dem Schulhof ist kein einziger Schüler zu sehen, ein Kamerateam bringt sich in Stellung.

20 Minuten noch bis zur Pause, bis zum Einsatz von Önder Öztürk und Christopher Kern. Die beiden jungen Männer sitzen in der Caféteria der Schule, trinken Kaffee. Ihre dunkelblauen Jacken sind dick gepolstert, in weißen Lettern steht "Germania Wachschutz" drauf.

Öztürk und Kern sind Wachschützer, sie und ihre 18 Kollegen sind bundesweit die ersten, die ab heute an insgesamt 13 Schulen im Berliner Stadttteil Neukölln stehen. Sie sollen aufpassen, dass keine Jugendlichen von außerhalb auf die Schulhöfe kommen und Unruhe stiften. In den letzten Tagen haben die ausgebildeten Sicherheitsleute ein vom Neuköllner Bezirksamt veranstaltetes Deeskalationstraining absolviert.

"Sheriffs" an den Schulen - in ganz Deutschland wurde über den Vorstoß aus Berlin gestritten. Neuköllns Bezirksbürgermeister Buschkowsky (SPD) hatte das Projekt in Gang gesetzt. Anders sei die Sicherheit an Berlins Schulen nicht mehr zu gewährleisten, argumentierte er. Und nannte Zahlen: Im vorletzten Schuljahr habe es an Neuköllner Schulen 119 Fälle von körperlicher Gewalt gegeben. Davon seien 26 "von außen hereingetragen" worden. Im Schuljahr 2006/2007 stieg die Zahl der Gewalttaten auf 139, bei 27 Übergriffen von Schulfremden.

"Die Gefährdung für unsere Schüler ist groß"

Schnell meldeten mehrere Schulen ihr Interesse. Vertreter von Schülern, Lehrern und Eltern beschlossen schließlich gemeinsam, den Schutz auszuprobieren.

Hoffnung auf mehr Schutz bei den einen, Entsetzen bei den anderen: Buschkowskys SPD-Parteikollegen, Berlins Innensenator Ehrhart Körting und Schulsenator Jürgen Zöllner sowie zahlreiche Bildungsexperten lehnen die Sicherheitsdienste scharf ab. Bei den Wachleuten handle es sich um "paramilitärische Einheiten", und die seien bestimmt nicht der richtige Weg, so Körting.

Schulleiterin Marlis Meinicke-Dietrich kann die Kritik nicht verstehen - Körting solle sich selbst nur einen Tag als Lehrer im Brennpunktgebiet um die Ohren schlagen. Es sei doch bekannt, dass Neukölln ein "heißes Pflaster" sei, sagt sie. Die Sicherheitsleute würden keine Waffen tragen, ihre Arbeit sei rein präventiv. Die Leiterin der Röntgen-Oberschule mit den kurzen weißblonden Haaren sagt Sätze wie: "Die Gefährdung für unsere Schüler außerhalb der Schule ist groß, wir wollen nicht, dass die Gewalt auch noch in die Schule schwappt." Lehrer könnten die Schule nicht auch noch nach außen verteidigen.

"Das macht unser Image als Schule kaputt"

Was klingt wie eine außenpolitische Militärstrategie, hat im Fall der Röntgen-Oberschule einen sehr konkreten Hintergrund: Im Sommer drang ein 17-jähriger Jugendlicher auf den Schulhof ein, ein Lehrer wollte ihn wegschicken - und der Jugendliche verprügelte den Lehrer.

Es gehöre nicht zum Aufgabenbereich der Lehrer, sich selbst körperlich in Gefahr zu bringen, um Schüler vor Angriffen zu schützen, so Meinecke-Dietrich. Die Sicherheitsleute hätten ihre Berechtigung, wenn eben nichts passiere, wenn ein Konflikt durch Gespräche gelöst werden könne.

Wie ein paar Stunden vorher. Ein etwa 15-Jähriger wollte auf den Schulhof, auf Nachfrage habe er seinen Schülerausweis nicht vorzeigen können, erzählt Sicherheitsmann Christopher Kern. "Er war nicht aggressiv, aber sehr uneinsichtig." Schließlich sei der Jugendliche abgezogen.

Eine Traube Jugendlicher umringt die Wachschützer Öztürk und Kern: "Die sind zwar nett, aber das macht doch unser Image als Schule kaputt. Die Außenwelt denkt doch jetzt, dass wir kriminell sind", sagt Ibrahim, 16. Ein paar Meter weiter auf dem Schulhof steht eine Gruppe Mädchen. "Ich finde es gut, dass wir jetzt Wachleute haben, sie schützen uns", so Vivian, 13.

insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
inci 10.12.2007
1.
Zitat von sysopPöbeleien, Prügeleien, Drohungen: Um der Gewalt an Schulen Herr zu werden, startet der Berliner Bezirk Neukölln ein bundesweit ebenso einzigartiges wie umstrittenes Projekt. Ab heute patrouillieren hier vor 13 Schulen private Wachleute. Ein guter Ansatz?
nein, weil es einmal ein ziemlich teures "vergnügen" ist, so um die 200.00€ im jahr, oder besser gesagt, die planung sieht 200.00€ im jahr dafür vor. wie teuer so etwas wirklich ist, weiß man erst wenn das jahr um ist. auf der anderen seite, wäre es nicht höchste zeit, den beruf des guten alten pedells wieder zu beleben? die pedells, die ich während meiner schulzeit kennengelernt habe, die kannten jeden schüler (und teilweise auch die familien). vorhin habe ich im radio gehört, daß sogar seitens der polizei unbehagen bei diesem vorhaben steht, was unter anderem an die ausführende firma (germania sicherheitsdienst) gekoppelt ist.
Odrb 10.12.2007
2. Waffensammeln
Zitat von sysopPöbeleien, Prügeleien, Drohungen: Um der Gewalt an Schulen Herr zu werden, startet der Berliner Bezirk Neukölln ein bundesweit ebenso einzigartiges wie umstrittenes Projekt. Ab heute patrouillieren hier vor 13 Schulen private Wachleute. Ein guter Ansatz?
Meine Frau hatte auf ihre Schule schon vor 20 Jahren die Taschen und Rucksäcke rigoros nach Stechmessern, Wurfsternen uä. durchgesucht und alles gesammelt, ohne Rücksicht auf Kuschelpädagogen, Menschenrechtler, Superhumanisten uä. Den "Beschädigten" sagte sie, die Eltern können es bei ihr abholen. Nach 5 Jahren hatt sich ganze Schublade gefüllt und wir sind zum Schrottplatz damit gefahren. Die Schüler haben es weitergeleitet auf die Jüngeren und bis Heute traut sich Keiner Ähnliches zu Schule zu schleppen.
Rums, 10.12.2007
3. Endlich!
Zitat von sysopPöbeleien, Prügeleien, Drohungen: Um der Gewalt an Schulen Herr zu werden, startet der Berliner Bezirk Neukölln ein bundesweit ebenso einzigartiges wie umstrittenes Projekt. Ab heute patrouillieren hier vor 13 Schulen private Wachleute. Ein guter Ansatz?
Endlich einmal eine erfreuliche Nachricht aus dem Schulwesen. Diese überfällige Entscheidung der Berliner Schulbehörde sollte in ganz Deutschland SCHULE machen --- wo´s "brennt". Natürlich ist solche "Errungenschaft" eine Quittung für die anti-autoritäre Spinnerei der Achtundsechziger.
wwwilly, 10.12.2007
4.
Zitat von sysopPöbeleien, Prügeleien, Drohungen: Um der Gewalt an Schulen Herr zu werden, startet der Berliner Bezirk Neukölln ein bundesweit ebenso einzigartiges wie umstrittenes Projekt. Ab heute patrouillieren hier vor 13 Schulen private Wachleute. Ein guter Ansatz?
Nö, weil der Wachdienst kann nur verhindern das schulfremde das Gelände betreten. Gegen Schlägereien und Abziehen auf dem Schulhof können die imho leider eh nix machen. Da finde ich das was Murat Topal macht sowie die Aktion "Stopp Tokat" viel sinnvoller.
poppi 10.12.2007
5.
Zitat von OdrbMeine Frau hatte auf ihre Schule schon vor 20 Jahren die Taschen und Rucksäcke rigoros nach Stechmessern, Wurfsternen uä. durchgesucht und alles gesammelt, ohne Rücksicht auf Kuschelpädagogen, Menschenrechtler, Superhumanisten uä. Den "Beschädigten" sagte sie, die Eltern können es bei ihr abholen. Nach 5 Jahren hatt sich ganze Schublade gefüllt und wir sind zum Schrottplatz damit gefahren. Die Schüler haben es weitergeleitet auf die Jüngeren und bis Heute traut sich Keiner Ähnliches zu Schule zu schleppen.
Damals gab es aber noch keine Heerscharen von Juristen, die das offenkundig rechtswidrige (aber verständliche und mutige) Verhalten Ihrer Frau nutzten, Ihr nach allen Regeln der Kunst eins auszuwischen. So wird das i.d.R. heute ablaufen. Maximal kann dazu aufgefordert werden, die Taschen zu entleeren. Mehr darf der Lehrer nämlich nicht. Im Zweifel die Polizei rufen. Die Kosten zahlt der Steuerzahler, also letztlich auch der Anwalt, der Ihnen sonst ans Bein pinkelt. Eigentlich braucht man als Lehrer heute noch ein Zweitstudium Jura, wenn man nicht ständig mit einem Bein vor Gericht stehen will. Und der Dienstherr hält schon lange nicht mehr seine Hand schützend über einen. Ich kann verstehen, wenn viele Lehrer sich schlicht aus allem raushalten. Engagement und Courage wird bestraft.
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