Kooperation mit Kindergärten Was will die Bundeswehr bei Kita-Kindern?

Lampionumzug durch die Kaserne, Spendenaktionen, Vorlesetage: Die Bundeswehr pflegt enge Kontakte zu Kitas und Schulen. Die Linken fordern einen Stopp der Aktionen.
Soldat in Kasernenkita (Symbolbild)

Soldat in Kasernenkita (Symbolbild)

Foto: Philipp Schulze/ picture alliance / dpa

Einmal das große Kampfflugzeug Tornado anschauen und selbst mit Helm und Maske vor der Kamera posieren: Die Kinder der Kita Rappelkiste hatten bei ihrem Ausflug zum flugmedizinische Institut der Bundeswehr in Königsbrück "jede Menge Spaß". So steht es zumindest auf der Homepage der Stadt .

Solche Besuche kommen laut einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag häufiger vor. In dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, werden mehr als hundert Kooperationen der Bundeswehr mit Schulen und Kindergärten aus den vergangenen zwei Jahren dokumentiert, an denen mindestens tausend Kinder beteiligt waren. Die Aktivitäten reichen von der Mitbenutzung einer Schwimmhalle, Fußballtrainings und Vorlesetagen bis zu Lampionumzügen durch die Kaserne.

Hinzu kommen Spendenaktionen, mit denen allein in den vergangenen zwei Jahren 100.000 Euro eingesammelt wurden. Das Geld ging sowohl an Kindergärten als auch an Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen.

Eine ähnliche Anfrage aus dem Jahr 2016 zeigt, dass die Spenden und die Zahl der beteiligten Kinder zugenommen haben. Damals hatten ebenfalls rund tausend Kinder an Veranstaltungen in Kooperation mit der Bundeswehr teilgenommen. Außerdem wurden gut 155.000 Euro an Spendengeldern eingesammelt, allerdings über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg und nicht von zwei Jahren wie in der aktuellen Anfrage.

Die Linke vermutet eine Strategie der Bundeswehr und fordert, die Aktionen zu beenden. "Was wir hier feststellen können, ist eine strukturelle Anbiederung an Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe durch die Bundeswehr", kritisiert Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag. Die Bundeswehr habe in Kinder- und Jugendeinrichtungen nichts zu suchen. Die "Militarisierung des kindlichen Alltags" müsse gestoppt werden.

"Soziales Engagement"

Das zuständige Verteidigungsministerium weist die Vorwürfe zurück. Bei der Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gehe es lediglich darum, "soziales Engagement" und "gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung" zum Ausdruck zu bringen.

Das Ministerium räumt ein, die Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber darstellen zu wollen - allerdings nicht in Kindertageseinrichtungen. "Werbemaßnahmen mit dieser Zielsetzung haben weder in der Vergangenheit stattgefunden, noch sind diese künftig geplant", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linken. Die Gelder für die Spenden stammten nicht aus dem Etat der Bundeswehr, sondern gingen auf die Initiativen einzelner Standorte zurück.

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Deutsche Welle

Die Werbemaßnahmen der Bundeswehr sind seit Längerem umstritten. 2014 hatte die Bundeswehr beispielsweise auf der Seite des Jugendmagazins "Bravo" für ein "Adventure Camp" der Luftwaffe in Sardinien geworben. Kinderrechtsaktivisten waren entsetzt. Sie kritisierten: Die Bilder von Sonne, Strand und Meer hätten rein gar nichts mit der Realität eines Militäreinsatzes zu tun.

Umstritten sind auch die YouTube-Serien der Bundeswehr "Die Rekruten", "Mali" und "Biwak", in denen Soldaten im Reality-Show-Format von ihrem Berufsalltag berichten. Kritiker beschwerten sich beispielsweise über die US-amerikanische Aufmachung der Serien, die an Heldenkult erinnere.

Hunderttausende Jugendliche erreicht

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW hatte die Bundeswehr mehrfach für Werbemaßnahmen an Kindergärten und Schulen kritisiert. Die Bundeswehr habe in der Vergangenheit Verträge mit mehreren Bundesländern geschlossen, die ihr privilegierten Zugang zu Schulen, Lehrerausbildung und Kindergärten verschafften. Mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen oder Infotrucks habe die Bundeswehr allein im Jahr 2015 etwa 400.000 Kinder und Jugendliche und 36.000 Lehrer und Referendare erreichen können.

"Die Bundeswehr zeigt sich als normaler Arbeitgeber, wie jeder andere. Das ist sie aber nicht - die Gefahren oder beispielsweise posttraumatische Störungen der Soldatinnen und Soldaten werden nicht erwähnt", sagte Martina Schmerr von der GEW vor der Kinderkommission des Bundestags .

Im vergangenen Jahr hat die Bundeswehr mehr als 2000 Minderjährige rekrutiert - so viele wie noch nie. Seit 2011 hat sich die Zahl der Minderjährigen bei der Bundeswehr damit verdreifacht. Am Freiwilligen Wehrdienst gibt es dagegen immer weniger Interesse. Die Bewerberzahlen sinken rasant seit dem Ende der Wehrpflicht.