Washington D.C. Schulchefin feuert 241 schlechte Lehrer

Auf einen Schlag hat die Schulbehörde von Washington D.C. fünf Prozent der Lehrer entlassen - weil ihre Schüler in Tests schlecht abschnitten. Behördenchefin Michelle Rhee gibt den Lehrerschreck und setzt auf ein Prinzip aus dem Sport: Versagt die Mannschaft, wird der Trainer gefeuert.
Behördenleiterin Rhee: Die Schwächsten fliegen

Behördenleiterin Rhee: Die Schwächsten fliegen

Foto: ? Hyungwon Kang / Reuters/ REUTERS

Als Michelle Rhee die neue Lehrerbewertung vor rund einem Jahr einführte, waren die Pädagogen empört. Jetzt sind sie schockiert: Die Schulbehörde von Washington D.C. setzt 241 Lehrer vor die Tür, das sind etwa fünf Prozent der Belegschaft öffentlicher Schulen im Distrikt. Begründung: Leistung mangelhaft.

"Jedes Kind an einer öffentlichen Schule von D.C. hat das Recht auf einen effektiv arbeitenden Lehrer. Das durchzusetzen ist unsere Aufgabe", sagte Rhee, als sie die Ergebnisse der Bewertung bekanntgab - und die Konsequenzen.

Sie kündigte an, bis Anfang August insgesamt 302 Schulangestellte zu entlassen, neben Lehrern auch Schulpersonal wie Hausmeister und Bibliothekare. 226 würden wegen "schlechter Leistung" gefeuert, der Rest, weil sie die Vorgaben des "No child left behind Acts" nicht erfüllen. Das Gesetz wurde 2002 zur Verbesserung der öffentlichen Schulen erlassen. Als Qualifikation verlangt es von Lehrern unter anderem universitäre Abschlüsse. Rhee drohte außerdem 737 weiteren Angestellten mit Entlassung, sollten sie im kommenden Schuljahr nicht effizienter arbeiten.

Das umstrittene Notensystem für Lehrer heißt "Impact". Im Namen steckt die Idee, dass Lehrer eine möglichst große Wirkung auf die Schüler haben sollen. "Eine rigorose, faire und effektive Art, um die Leistung von Lehrern zu messen", so Rhee. Unausgereift und unfair nennt es dagegen George Parker, Vorsitzender der lokalen Lehrergewerkschaft WTU.

Die Kontrolleure kündigen sich nicht an

Das neue System bewertet Lehrer auf einer Skala von "sehr effektiv" bis "ineffektiv". Die schlechtesten werden gefeuert, die besten mit Sonderzahlungen belohnt. Ob ein Lehrer im Traumauto landet oder auf der Abschussliste, entscheidet unter anderem der Erfolg ihrer Schüler: Deren Ergebnisse bei landesweiten Tests werden mit den Resultaten des Vorjahres verglichen. Daraus wird abgeleitet, ob die Schüler sich verbessern oder nicht. Für die Lehrer macht das bis zu 50 Prozent ihrer Bewertung aus.

Obwohl es Schüler-Vergleichsdaten bisher nur in den Fächern Mathe und Englisch von Klasse fünf bis acht gibt, werden alle Lehrer bewertet. Für Lehrer ohne Schülerdaten sind andere Faktoren entscheidend: zum Beispiel die Unterrichtsbesuche von schulfremden Master Educaters, die unangekündigt auftauchen und für die Qualität des Unterrichts Punkte vergeben. Eine geringe Rolle spielen zudem der Einsatz für die Schulgemeinschaft sowie die Gesamtleistung der Schule; beides macht je fünf Prozent aus.

Die Lehrergewerkschaft WTU kritisiert, dass das Notensystem für Lehrer vor der Anwendung nicht getestet worden sei. Außerdem würden Dinge als Maßstab genommen, "über die Lehrer keine Kontrolle haben", kritisiert Parker. Das sei so, als ob die Lehrer "den Schülern sagen würden, dass fünf Prozent ihrer Note davon abhängen, wie ihre Klasse abschneidet. Da würde ein Aufschrei der Empörung durchs Land gehen", sagte Parker der "Washington Post".

Lehrerschreck Rhee sorgt regelmäßig für Aufregung

Auch in anderen US-Staaten gibt es Noten für Lehrer. Laut "New York Times" drängt das amerikanische Bildungsministerium die Bundesstaaten dazu, die Lehrerbewertungen mit den Leistungen ihrer Schüler zu verknüpfen: Staaten, die das umsetzen, haben bessere Chancen auf Gelder aus dem Ministerium. Die Schulbehörde in Washington D.C. agiert in der Umsetzung besonders konsequent.

Erst im Februar hatte die Schulbehörde im Ostküsten-Bundesstaat Rhode Island für Schlagzeilen gesorgt: Sie hatte entschieden, dass an der Highschool des Städtchens Central Falls alle Lehrer auf einen Schlag entlassen werden, weil die Leistungen der Schüler zu schlecht waren.

In Washington kam die Entlassungswelle nicht unerwartet: Im "Impact"-Leitfaden steht, dass "ineffektive" Lehrer für mindestens zwei Jahre pausieren müssen. Auch in Interviews machte Rhee nie einen Hehl aus ihrer Absicht, das Schulsystem umzukrempeln. Bei einer Podiumsdiskussion im vergangenen Jahr beschwerte sich die Tochter koreanischer Einwohner lächelnd darüber, dass der Staat vor ihrem Amtsantritt nur Lehrer losgeworden sei, die Schüler geschlagen oder Geld veruntreut hätten.

Lehrerschreck Michelle Rhee sorgt auch sonst für Aufregung: 2008 feuerte sie die Leiterin der Schule, die ihre beiden Kinder besuchen. Im gleichen Jahr ordnete sie an, dass Schüler einer Schule in Washington ihr Klassenzimmer nicht mehr verlassen durften, weil es auf dem Schulgelände vermehrt zu Schlägereien kam - über beides berichtete die "Washington Post".

Rhee setzt das Prinzip Fußball durch

Einmal, erzählt Rhee, habe sie einen Kollegen gefragt, was man mit inkompetenten Lehrern tun könne. Dessen Antwort: "Sie sollten tun, was wir normalerweise tun. Sie in die Schule schicken." Rhee gab sich damit nicht zufrieden - und setzte das Prinzip Fußball durch: Spielt die Mannschaft schlecht, fliegt der Trainer.

Die nun sehr empörte Lehrergewerkschaft hatte zuvor wenig dazu beigetragen, das umstrittene neue System zu verhindern: Für Extrazahlungen an gute Lehrer und eine Gehaltssteigerung von 20 Prozent akzeptierten die Gewerkschafter laut "New York Times" eine Lockerung des Arbeitsschutzes.

Einige Gewerkschafter dürften den Kuhhandel bereuen. Doch ihrer Meinung nach ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Wir werden die Entlassungen anfechten", droht Gewerkschaftschef Parker in einer Pressemitteilung. Und: "Wir freuen uns darauf, dass 'Impact' wie versprochen unabhängig untersucht wird."

jon
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