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Kann man mit Laptops aus Schulversagern Geistesakrobaten machen? Ein gewaltiger Irrtum, sagen Lehrer einer US-Schule nahe der kanadischen Grenze. Sie halten Schulbücher und guten Unterricht für viel wichtiger - die schöne neue Technikwelt blieb ein leeres Versprechen.

Von , Niagara Falls


Die Initiativen der US-Regierung tragen blumige Namen wie "classroom for the future" oder "freedom to learn" – für Mark Laurrie müssen sie wie Hohn klingen. "Was nützen Laptops, wenn es für Schulbücher kein Geld gibt?", fragt er. "Wenn die Mittel fehlen, um die Kids ordentlich zu ernähren? Wenn unsere Lehrer in schäbigen Räumen unterrichten müssen, weil der Staat an der Ausstattung spart?"

Laurrie ist Leiter der Niagara Falls High School im äußersten Norden der USA, nur wenige Kilometer von der kanadischen Grenze entfernt. Die schöne neue Welt im Klassenzimmer ist hier stets ein leeres Versprechen geblieben.

Der Direktor schiebt die Brille zurück, die auf seine Nasenspitze gerutscht ist. Er sagt, hinter der digitalen Aufrüstung sei die akademische auf der Strecke geblieben. In Amerika beginnen sich die Zweifel an Neuen Medien im Unterricht zu mehren. Laurrie sagt, er habe diese Debatte kommen sehen.

Die Klimaanlage in seinem Büro summt. Wenn er durch die Glasfenster sieht, blickt er auf eine Hochspannleitung, auf alte Fabrikschlote und Häuserruinen. In den fünfziger Jahren galt Niagara Falls als Boomtown. Die Industrie gierte nach Strom und die Wasserfälle lieferten ihn. Die Stahlproduktion machte die Menschen reich.

"Für das gleiche Geld könnten neue Lehrer kommen"

Doch dann zog die Wirtschaft weiter auf der Suche nach billigeren Produktionsstandorten. Zurück blieb die Depression in Niagara Falls. Die Einwohnerzahl schrumpfte auf die Hälfte. 50.000 Menschen wohnen heute in der Stadt; Alte, Kranke, Arbeitslose. Ihre Kinder sind die Schüler der Niagara Falls High.

"Come on! Good morning kids!", ruft Mark Laurrie, ein kräftiger, kahlköpfiger Mittfünfziger. Er steht jetzt im Eingang der Schule und begrüßt die Teenager, die sich müde durch die Drehtür schieben. Laurrie klatscht in die Hände. "Ist das nicht ein wunderschöner Tag heute?" Draußen peitscht der Wind den Regen durch die leeren Straßen.

Laurrie sagt, er wolle die Situation nicht hinnehmen, wie sie ist. "Wir wollen die Kids nicht als Verlierer aus der Schule entlassen." Also hetzt er durch die High School. Mark Laurrie braucht Bewegung. Er braucht einen Punkt, von dem er kommt, und einen Punkt, zu dem er sich begibt. Es darf nur nicht der Eindruck entsteht, Laurrie resigniere, stehe still.

"Ich habe nichts gegen Computer", sagt er, "wenn ich nicht wüsste, dass wir für das gleiche Geld neue Lehrer einstellen könnten."

Matheunterricht in der zehnten Klasse: Linoleum schimmert speckig im kalten Neonlicht. Die Luft schmeckt verbraucht. Ein Schüler scheitert an einer simplen Rechnung, der Lehrer will zur nächsten Aufgabe übergehen. "No! No! No!", brüllt Mark Laurrie, "strengt euch mehr an!" Wenn er eines nicht leiden kann, ist es Zeitverschwendung - und Laptops im Klassenzimmer hält er für Zeitverschwendung. Er hat deshalb die Laptops an seiner Schule wieder abgeschafft, wie so viele US-Schulen in den letzten Wochen. Warum? "Fragen Sie David!"

Die Lehrer können nicht mithalten

David Brooks sitzt im Schein seines Powerbook Laptops. Er ist Sozialkundelehrer, Bibliothekar und Computer-Fachmann der Niagara Falls High. Der 56-Jährige hat als Technologie-Berater in der freien Wirtschaft gearbeitet, seine Tochter ist mit einem Apple-Manager verheiratet. Ein Feind der Technik ist Brooks sicher nicht. "Wir haben uns zu lange von Verheißungen blenden lassen, für die es nie Beweise gab", sagt er. Laptops hätten das Lernen nicht verbessert, im Gegenteil: Sie hätten dem Unterricht im Weg gestanden.

Brooks tippt aufgekratzt auf den Tasten seines Computers. Er hat die Debatte der letzten Wochen über den Sinn von High Tech im Klassenzimmer aufmerksam verfolgt, Brooks hält sie für überfällig. Er hat eine Liste erstellt über Probleme mit Laptops in der Schule.

Ganz oben stehen - die Lehrer. Über Jahre habe die High-School versucht, ihre Pädagogen im Einsatz Neuer Medien zu schulen. "Vergebens", sagt Brooks. Er nennt Kollegen seiner Generation "digitale Immigranten": nicht in der Lage, im Umgang mit Computern auf Augenhöhe mit ihren Schülern zu treten. "Allein das macht den Unterricht mit Laptops zu einer Farce."

Vandalismus steht ebenfalls auf Brooks Liste. Die Kids hätten die Geräte immer wieder beschädigt. Mehrere hundert Laptops musste die Schule jeden Monat reparieren. Manche Schüler hätten ihre Computer auch als Ghettoblaster missbraucht, seien lärmend durch die Gänge gezogen; und weil die Rechner so überladen gewesen seien mit Sicherheitssperren, habe es zehn Minuten gedauert, sie hochzufahren. "Damit ist regelmäßig ein Viertel des Unterrichts draufgegangen", sagt Brooks.

Aus Schulversagern Geistesakrobaten schaffen

Der Pädagoge wirkt nicht wie ein Eiferer, vielmehr wie ein Enttäuschter. "Das Problem sind nicht die Computer, das Problem sind die falschen Erwartungen", sagt er. "Wir dachten, Neue Medien würden aus Schulversagern Geistesakrobaten schaffen. Das war ein großer Irrtum."

Die Niagara Falls High School will Technologie nun nur noch ganz gezielt einsetzen. "Wir rüsten in Nischen auf und kehren ansonsten zum traditionellen Unterricht zurück", sagt Brooks.

Eine Nische ist der schuleigene Fernsehsender, den 15.000 Haushalte in Niagara Falls und Umgebung empfangen können. Jeden Tag gehen die Schüler auf Sendung. Joe, 17, leitet den "School Channel". Joe ist stark übergewichtig. Lange verlachten ihn deshalb seine Mitschüler, in seiner Klasse war er ein Außenseiter. Durch sein Engagement im Fernsehen hat sich das geändert. "Die anderen akzeptieren mich jetzt", sagt Joe. Stolz führt er durch das Studio, das sich mit all seinen Bildschirmen und Kameras kaum von einem professionellen Fernsehstudio unterscheidet.

"Unser TV-Kurs ist ein Beispiel dafür, wie sich Technologie effektiv einsetzen lässt", sagt Direktor Laurrie. Und Joe? Was möchte er später werden? Der Junge grinst. "Kameramann."



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