Web 0.0 in Deutschland "Schaut nach Gütersloh!"

Nach Jahren der digitalen Aufrüstung diskutieren die USA das Ende von High Tech im Klassenzimmer. "Eine schwachsinnige Debatte", sagt Ulrich Engelen. Der Direktor eines Gymnasiums in Gütersloh will zeigen, dass intelligent eingesetzte Technik den Unterricht bereichert.

Von Matthias Eberspächer


Schulleiter Ulrich Engelen spaltet die Luft. Er schlägt mit den Fäusten aufeinander und hebt seine Stimme. "Blödsinn!", ruft der Pädagoge, "Es ist ein Unterschied, ob man vor den Rechnern verblödet oder die Laptops sinnvoll nutzt!"

In den USA polarisiert eine Debatte über den richtigen Einsatz von Computern das Land. Seit Wochen diskutieren Bildungsexperten und Politiker über High Tech im Klassenzimmer. Die Regierung hatte in den vergangenen Jahren Milliarden Dollar in die digitale Aufrüstung der Schulen investiert. Nun schaffen erste Schulen die teuren Geräte wieder ab. "Es ist der Beginn eines großen Umdenkens", sagte der amerikanische Bildungsforscher Jonathan Zimmerman im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Diese Debatte ist Schwachsinn“, sagt hingegen Ulrich Engelen, 62, Schulleiter des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums in Gütersloh. Er warnt vor zu hohen Erwartungen. Sich der Technik aus den Kinderzimmern jedoch zu verweigern, die Neuen Medien in der Schule einfach zu ignorieren, hält er für unverantwortlich.

Politikunterricht in der achten Klasse: Die Luft ist stickig, die Schüler sind hibbelig. Ute Biengräber-Killmann, 46, kommt ins Zimmer. "Wir haben heute hohen Besuch!", ruft sie ins Gewimmel. Die Schüler setzten sich an die Tischgruppen, klappen die silbrigen Laptops auf. "Al Gore ist heute hier", sagt die Politiklehrerin. Die Schüler tippen konzentriert mit den Fingerkuppen auf die Touchpads ihrer Geräte.

Al Gore zu Gast in Gütersloh

Auf den Bildschirmen erscheint Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit". Die Schüler tragen Headsets und reden kaum. Sie schauen sich Filmausschnitte an, spulen vor, halten das Bild an, jeder am eigenen Laptop.

Die Unterrichtsmaterialien liegen in Ordnern, die für die Jugendlichen über das Schul-Netzwerk zugänglich sind. Ihre Hausaufgaben laden die Kids ebenfalls in die Ordner, die Lehrer können sie durchsehen. Im Web surfen können die Schüler nur dann, wenn die drahtlose Verbindung von einem Lehrer für die Klasse frei geschaltet wird. Für die meisten Schüler hat der Laptop das Heft inzwischen ersetzt. Ein Schüler sagt begeistert: "Wir schreiben alle mit zehn Fingern. Von der Tafel abschreiben geht jetzt doppelt so schnell, wie von Hand, und es ist ordentlicher als im Heft."

Stolz kramt Engelen in seinem Arbeitszimmer den Brief einer ehemaligen Schülerin hervor. Er liest laut vor: „Bei meinem Auslandssemester ist mir erst der Vorteil bewusst geworden, den ich durch die Laptop-Arbeit hatte. Präsentationen und die Arbeit am PC sind für mich selbstverständlich.“

Das Zehnfingerschreiben zählt zum Pflichtprogramm im ersten Jahr. Ältere Schüler organisieren nachmittags Schreibkurse. Am Ende der siebten Klasse schaffen die Teenager bis zu 400 Anschläge die Minute. Viermal in der Woche stehen die Mitarbeiter von Computex bereit, um technische Probleme an den Laptops zu beheben.

Computex ist keine externe Firma, sondern eine Arbeitsgruppe. Zusammen mit einigen Eltern und Lehrern übernehmen Schüler die Verantwortung für die Technik. 80 Prozent der technischen Probleme können so behoben werden, sagt Engelen. Von rund 400 Laptops an der Schule seien meist nicht mehr als eine handvoll der Geräte in Reparatur.

Angst vor technischer Überlegenheit

Das Evangelische Gymnasium in Gütersloh in keine Privatschule für Kinder reicher Eltern. 1200 Schüler besuchen die Schule. Viele könnten sich die Laptops nicht selbst leisten. Sie werden durch einen Fonds unterstützt. In den Fonds zahlen alle Eltern ein. Die wohlhabenden finanzieren so die ärmeren. Den Laptop komplett gestiftet bekommt aber niemand. "Sind die Geräte vom eigenen Geld bezahlt, gehen die Schüler viel sorgsamer mit ihnen um", sagt Engelen.

So überzeugt wie Engelen waren und sind jedoch nicht alle Gütersloher Lehrer von dem Laptopprogramm. Zwei Drittel beteiligen sich daran, die anderen unterrichten weiter traditionell mit Stift und Papier. Manche fürchten, Schüler könnten ihre technische Überlegenheit ausnutzen, um den Unterricht zu stören. Die weit verbreitete Meinung aber ist: „Die Schüler lernen die technischen Anwendungen zwar schneller, doch das macht nichts, solange man inhaltlich die Hoheit behält“,

Eine Lehrerin führte ihren Deutschkurs zuletzt zum Abitur, ohne Laptoppflicht für alle. Einige Schüler nutzen den Laptop dennoch zur Vorbereitung auf die Prüfungen. Was dabei herauskam? Die Schüler mit Laptopvorbereitung schnitten im Deutsch-Abitur besser ab.

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