Wehrdienst "Da herrscht pure Willkür"

Noch nie hatten junge Männer so gute Chancen, der Wehrpflicht zu entrinnen. Weil die Bundeswehr nur noch jeden Siebten im Grünzeug brauche, regele sie den Bedarf mit Zufalls-Ausmusterungen, so eine neue Studie von Kriegsdienstverweigerern - von Gerechtigkeit keine Spur.

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Wehrdienst? Zivildienst? Ach was! Statistisch gesehen haben junge Männer beste Aussichten, sich weder um das eine noch das andere sorgen zu müssen - viele können die Zeit anderweitig verplanen. Denn das Übel wird kleiner. Statt zehn sind inzwischen neun Monate Wehrdienst vorgeschrieben, wer verheiratet ist oder ein Kind hat, wird befreit, und Studenten im laufenden Studium können sich ab dem dritten Semester zurückstellen lassen.

Bundeswehr: Nur jeder Siebte wird gebraucht
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Bundeswehr: Nur jeder Siebte wird gebraucht

So kommt es, dass von einem Geburtsjahrgang nur 13 Prozent Wehrdienst und 32 Prozent Ersatzdienste leisten, wie aus Statistiken des Verteidigungsministeriums hervorgeht. Wenn aber nur jeder Siebte Dienst an der Waffe leiste, sei das nicht mehr ganz fair denen gegenüber, die gar nichts leisten müssten, erklärte die Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer in Bremen - zumal bei den Freistellungen und Ausmusterungen offenbar völlig willkürlich vorgegangen werde.

Einer Studie der Zentralstelle zufolge geht es bei Musterungen alles andere als gerecht zu; die Einstufungen haben demnach praktisch nichts mit dem Gesundheitszustand der Wehrpflichtigen zu tun. Vielmehr würden Musterungskriterien danach festgelegt, wie viele Männer gerade für den Wehrdienst gebraucht würden, schreibt Autor Peter Tobiassen. Für seine am Dienstag veröffentlichte Untersuchung wertete er Angaben des Verteidigungsministeriums aus.

Dem Wehrdienst zu entkommen, war für einfallsreiche Drückeberger nie besonders schwer. Wer weder einen krummen Rücken noch schwere Allergien oder eingewachsene Zehennägel vorzuweisen hatte, experimentierte einfach mit Beruhigungsmitteln, verordnete sich Schlafentzug, schützte allerlei Psycho-Macken vor oder plädierte gar auf Sexsucht. Schließlich steht der Stabsarzt in der Beweispflicht, wenn er glaubt, einen Schwindler vor sich zu haben.

Mehr Zivis als Soldaten im Dienst

Solche Tricks könnten überflüssig sein, wenn die Bundeswehr nicht mehr weiß, was sie mit all den Wehrpflichtigen anfangen soll. Tobiassen verglich den Bedarf der Bundeswehr an Männern, die zwischen 1979 und 1992 geboren wurden, mit den Musterungsergebnissen und -prognosen. Und argwöhnt, dass der Staat sich womöglich nur zu gern an der Nase herumführen lässt.

Grafik zur Reform: Die Bundeswehr soll schrumpfen
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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während 1995 nur zwölf Prozent der Wehrpflichtigen ausgemustert wurden, waren es fünf Jahre später schon 18 Prozent. Und im Jahr 2005 hat sich der Anteil der Untauglichen auf 36 Prozent glatt verdoppelt. "Die Zahl der Wehrpflichtigen wird willkürlich verringert", folgert Tobiassen. Für realistisch hält er eine Durchfallquote von zwölf Prozent. Doch Ungerechtigkeit liege in der Natur der Wehrpflicht in Deutschland: Wenn von 430.000 Männern eines Jahrgangs weniger als 60.000 für den Wehrdienst gebraucht würden, lasse sich das schlicht nicht fair organisieren.

Immerhin bleibt so die Hoffnung auf Freiheit: Weil etwa die Kreiswehrersatzämter ausgelastet sind, können nicht alle Männer eines Jahres gemustert werden. Etwa 70.000 bleiben ungemustert übrig - und freuen sich über einen Freistellungsbescheid vom Bund.

Doch auch wer eine Einladung ins Kreiswehrersatzamt erhält, muss nicht gleich ins Grünzeug schlüpfen: weil erstens zwei Drittel der Geladenen ohnehin aussortiert werden und weil zweitens die Bundeswehr von den 120.000 Männern, die zum Wehrdienst fähig und willig sind, nur die Hälfte in der Kaserne braucht. 60.000 potentielle Rekruten bleiben jedes Jahr übrig, so dass die Wehrverwaltung eine wachsende "Bugwelle" mit über 300.000 für den Wehrdienst verfügbaren Männern vor sich her schiebt. Wer da noch schnell ein Studium anfängt, hat das Versteckspiel mit seinem 23. Geburtstag gewonnen - dann ist nämlich die Altersgrenze zur Einberufung überschritten.

Noch im Januar ermahnte das Bundesverwaltungsgericht die Bundeswehr, die Zahl der abrufbereiten Wehrpflichtigen dem Personalbedarf der Bundeswehr anzugleichen. Kann das überhaupt gelingen? "Alle Möglichkeiten zur internen Regulierung sind bereits ausgeschöpft", analysiert Tobiassen, "deswegen dreht man jetzt an der Tauglichkeits-Schraube. Womöglich landen wir eines Tages bei 60 Prozent Untauglichkeit."

Bundeswehr: Gymnasiasten zu fett

Während etwa 60.000 Männer jedes Jahr zum Wehrdienst gepfiffen werden, müssen jährlich rund 90.000 Zivis zum Dienst antreten. Die Mahnungen zur Wehrgerechtigkeit der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer werden vermutlich verhallen. Der bisherige Verteidigungsminister Peter Struck jedenfalls rechnet damit, dass auch eine große Koalition an der allgemeinen Wehrpflicht festhält. "Das wäre ein Erfolg, für den ich mich immer eingesetzt habe", sagte der SPD-Politiker am Dienstag bei der Kommandeurtagung der Bundeswehr in Bonn.

Verteidigungsminister Struck: "Die Wehrpflicht bleibt"
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Verteidigungsminister Struck: "Die Wehrpflicht bleibt"

Noch vor wenigen Tagen ließ die Bundeswehr verlauten, sich um die Gesundheit des Soldatennachwuchses zu sorgen. Dass immer mehr potentielle Rekruten durch die Musterungen fielen, liege an der Fettleibigkeit des Nachwuchses. Nach einem Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" fanden Ärzte des zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz heraus, dass besonders Gymnasiasten betroffen seien: Hier sei die Durchfallquote beim Fitnesstest in den vergangenen fünf Jahren besonders stark angestiegen.

Völliger Quatsch, kontert Peter Tobiassen: "Die Verschiebungen gibt es nicht, weil die Wehrpflichtigen zu dick sind, sondern weil manipuliert wird." Es sei höchst unwahrscheinlich, dass sich die Zahl der Dicken zwischen den Jahren 2000 und 2005 verdoppelt habe. Schon längst hätten Musterungsergebnisse nichts mehr mit dem Gesundheitszustand junger Männer zu tun. "Da soll Gerechtigkeit vorgegaukelt werden, wo pure Willkür herrscht."

Das ungerechte Wehrsystem könne nicht mehr reguliert, sondern nur noch abgeschafft werden, so die Schlussfolgerung von Tobiassen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die Politik mit der Möglichkeit einer Freiwilligenarmee beschäftigen müsse: "Die Realität wird diese Frage immer wieder stellen." Mann darf gespannt sein.



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