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31. August 2007, 06:02 Uhr

Wehrpflicht-Willkür

Ausgemustert wegen Karies

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Wie eine Lotterie: Der eine soll trotz Asthma, Allergie und Rückenproblemen zur Bundeswehr. Der andere wird wegen Karies heimgeschickt. SPIEGEL-ONLINE-Leser schildern absurde Erlebnisse bei der Musterung - sie fügen sich in das Bild von verbreiteter Wehrpflicht-Willkür.

Raus bist du. Und du. Und du. Von einem Jahrgang junger Männer rückt nicht einmal jeder Sechste in eine Kaserne ein, fast die Hälfte wird ausgemustert. SPIEGEL ONLINE berichtete über sieben Wehrpflichtige, die von der grotesken Massen-Ausmusterung betroffen waren. Auf den Bericht meldeten sich viele Leser, die ihre eigenen Erlebnisse mit der willkürlichen Rekruten-Auswahl schildern.

Bundeswehr-Rekruten: Groteske Erlebnisse bei der Musterung
AP

Bundeswehr-Rekruten: Groteske Erlebnisse bei der Musterung

Manche wurden trotz eindeutiger ärztlicher Diagnosen für wehrtauglich erklärt, andere mit minimalen Gebrechen oder einfach so nach Hause geschickt.

Einige vermuten dahinter ein zeitliches Schema, und einer erzählt, dass Deutschland das Problem nicht alleine hat - sondern es jungen Italienern ganz ähnlich ergeht. Die Geschichten der SPIEGEL-ONLINE-Leser aus den Kreiswehrersatzämtern - sehen Sie selbst:

Die vollen Namen sind der Redaktion bekannt - wurden aber verkürzt oder geändert, um den Betroffenen etwaige Nachteile zu ersparen.

Stephan beim Arzt alten Schlags

Meine Pläne waren klar: Ich wollte gleich nach dem Abitur studieren, hatte etwas in Aussicht. Ich wollte mich ausmustern lassen - wie fast alle anderen auch ausgemustert wurden. Ich geriet aber an einen Bundeswehrarzt des alten Schlags, kurz vor dessen Pensionierung. Ich legte alles vor, was ich zu bieten hatte: Asthma-Bescheid, Allergie, Rücken- und Knieverletzungen. Es half nichts. Ich wurde angeschrien und gnadenlos auf T2 gemustert. Ich verstand die Welt nicht mehr - wieso sollte gerade ich Dienst tun, und die anderen nicht?

Stephan

Niklas hatte viele gute Gründe

Ich wollte auf keinen Fall zum Bund. Ich stotterte, war Brillenträger, hatte ein Hohlkreuz und ein Jahr zuvor einen Trümmerbruch im linken Sprunggelenk, der immer noch schmerzte. Bei der Musterung übertrieb ich meinen Sprachfehler arg, machte alle Tests nur mit halber Motivation. Dann kam die Überraschung: T2 - mit dem Hinweis, man sei zwar auf meine "Übel" aufmerksam geworden, die seien aber kein Grund für eine Untauglichkeits-Bescheinigung.

Niklas

Thorsten sprang die Fahrradkette

Auf dem Weg zum Kreiswehrersatzamt sprang mir die Fahrradkette ab und ließ sich auch nicht wieder auflegen. Ich musste den Rest des Weges schieben. Ich kam 15 Minuten zu spät, ein verschnupfter Beamter schnauzte mich an - was mir einfallen würde, zu spät zu kommen. Dann begleitete er mich zum Fahrradständer vor dem Amt, schaute sich das Rad an. Wieder drinnen fragte er mich, ob ich überhaupt zur Bundeswehr wolle. Wollte ich nicht. Der Beamte verschwand kurz, nach einer Viertelstunde erhielt ich meinen Ausmusterungsbescheid, ohne je einem Arzt gegenübergestanden zu haben.

Thorsten

Lukas vermutet einen geheimen Zeitplan

Ich dachte auch immer, die Musterung sei reine Willkür. Mitschüler mit Sportabitur wurden ausgemustert, während ich mit offensichtlichen Schulterproblemen T2 bekam. Mir fiel jedoch auf, dass Mitschüler, die zwischen Juni und September Geburtstag hatten, fast ausnahmslos einen Einberufungsbescheid bekamen. Mitschüler mit späterem Geburtstag wurden in der überwiegenden Mehrheit ausgemustert. Der Bedarf war wohl gedeckt.

Lukas

Ralf wurde ganz gesund ausgemustert

Als ich gemustert wurde, spielte ich Rugby im Club, war im Schulsport einer der Besten, gebrochen hatte ich mir nie etwas. Bei der Untersuchung sagte ich, dass ich im Frühjahr manchmal unter leichtem Heuschnupfen leide und früher einmal Asthma hatte. Mein Lungenarzt machte die verordneten Tests - er meinte, meine Werte seien in den vergangenen Jahren immer besser geworden und Asthma ließe sich nicht mehr feststellen. Ich wurde ausgemustert, mit T5. Jetzt muss ich mich um eine Berufsunfähigkeitsversicherung kümmern, werde aufgrund der Ausmusterung eine ärztliche Untersuchung machen müssen.

Ralf

Jan berichtet von verhinderten Karies-Kameraden

Im Oktober 2004 sollte ich meinen Dienst bei der Luftwaffe antreten. Genau zu dieser Zeit wurde die Stufe "T3" abgeschafft. Ich wurde nicht ausgemustert. Ich trat meinen Dienst an. Am ersten Tag musste ich zur nochmaligen Untersuchung. Dabei kann man seinen Musterungsstatus verlieren und im Nachhinein noch ausgemustert werden. Das passierte tatsächlich einer ganzen Reihe von Rekruten. Der Grund war erstaunlich: Sie wurden ausgemustert, weil sie Karies hatten. Viele von ihnen hatten eine Ausbildung ausschlagen müssen, um den Wehrdienst leisten zu können. Der Bund hat sie quasi in die Arbeitslosigkeit geschickt, weil ihm die Kosten für Zahnfüllungen zu hoch waren.

Jan

Thomas hat in Italien ganz ähnliche Erfahrungen gemacht

Wir Italiener erleben das schon seit Ende der neunziger Jahre: Massen-Untauglichkeit fast der ganzen Generation! Bei meiner Musterung 1997 beim Militärdistrikt Trient waren 21 Männer geladen. 18 wurden als "untauglich" eingestuft, 17 aufgrund von "körperlichen Gebrechen" - unter ihnen der Italienmeister und der Vize-Italienmeister im Badminton. Außerdem zwei Skifahrer des B-Nationalkaders. Dem 18. aber attestierte man ein "psychologisches Problem": Er trug Schuhe, Socken, Hose, Pullover, Jacke, Shirt und Unterwäsche in den Farben des AC Mailand. Kurz darauf setze das italienische Parlament die Wehrpflicht aus.

Thomas

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